Jaz gab keine Antwort.
Sie wandten sich um und sahen zu, wie die Sonnenscheibe langsam hinter der Linie des Horizonts versank. Falrey begriff, wie lange er keinen Sonnenuntergang mehr gesehen hatte. Und Jaz... noch nie. Falrey musterte ihn von der Seite her und ein Bild aus einem Traum flackerte durch seine Erinnerung. Ich bin jetzt frei. Weil sie aus dem Spiel ausgestiegen waren. Aber in der Wirklichkeit waren sie das nicht. Falrey biss sich auf die Lippen. Er wusste nicht, was er aus all dem machen sollte.
Als der letzte Splitter aus Licht hinter der Ebene verschwunden war, sank die Temperatur beinahe sofort. Falrey war klar, was Zappa gemeint hatte damit, dass sie nicht warm genug angezogen waren. Selbst im Hochsommer war es hier auf der Ebene nachts empfindlich kühl geworden. Jaz hatte schlicht gar keine Ahnung, was Kälte wirklich war. Und sie kam nicht allein, sondern brachte den Wind mit sich, der an ihren Umhängen zerrte und eisig durch die Kleider fuhr. Falrey wickelte seinen Mantel um sich und bereute für einmal, dass er nicht so lange war wie der von Jaz, denn seine Hosen boten dem Zug kaum Widerstand.
Der westliche Horizont leuchtete immer noch hell, und gegen das Licht sah man den Staub, den der Wind mit sich über die Ebene trug und über den Rand des Kraters hinweg in die Tiefe riss, über ihnen hingegen war der Himmel bereits ein tiefes Blau, in dem die ersten Sterne leuchteten. Erst jetzt, da sie alleine hier oben waren, ohne die ablenkenden Bewegungen der Menschen, spürte Falrey die schiere Gewalt dieser Landschaft. Sie waren nichts in dieser Endlosigkeit, hatten dem Stein und dem Himmel genauso wenig entgegenzusetzen wie die Sandkörner dem Wind.
Es war wie der Herbststurm. Mit der Natur als Gegner wusste man bereits, dass man verloren hatte. Man konnte sich ihr nur anpassen, damit sie einen am Leben liess. Falrey fragte sich, ob das vielleicht mit ein Grund dafür war, warum er so wenige Erinnerungen an seine Gedanken während der Reise hatte. Weil er so klein gewesen war im Vergleich zu allem, was ihn umgab.
Er fragte sich auch, warum ihn der Gedanke, nicht gewinnen zu können, mit Ruhe erfüllte, wenn es um das Wetter und die Welt selbst ging, und mit so viel Angst bei Menschen. Warum er hätte akzeptieren können, dass sie heute Nacht hier erfrieren würden, aber nicht, dass Umairat sie jagte. Vielleicht, weil die Natur sie nicht absichtlich umbringen würde. Sie war nicht böse. Es gab niemanden, an dem man sich hätte rächen müssen, der ungeschoren davonkam. Keine Ungerechtigkeit.
Vielleicht, weil er wusste, dass Jaz nie klein bei geben würde und sich Umairat unterwerfen, um am Leben zu bleiben. Weil er das gar nicht konnte. An Jaz Seite gab es nur kämpfen oder sterben. Falrey musste halb grinsen, als er sich vorstellte, wie Jaz versuchte, auf einen Schneesturm einzuprügeln.
„Was?", fragte Jaz.
Falrey schüttelte den Kopf.
Jaz blickte über die Ebene. „Ich war noch nie so weit weg vom Menschen", murmelte er.
Falrey hob eine Augenbraue. „Zähle ich nicht?"
„Idiot", meinte Jaz und schlug ihn gegen die Schulter.
Sie traten näher an den Kraterrand, nahe genug, um über den Kreis der Stadt zu blicken, das Lichtermeer im Kessel, so anders als die Ebene, die nun, da das letzte Tageslicht verschwunden war, in silbernes Mondlicht getaucht wurde. Als hätte jemand in eine Schicht aus fester, kalter Asche getreten, und die glühenden Kohlen darunter zum Vorschein gebracht.
Der schneidende Wind liess Jaz Mantel flattern. Seine dunkle Augen waren auf die leuchtende Stadt unter ihnen gerichtet. „Du meintest neulich was von auf die Heimat runtersehen", sagte er schliesslich. „Schätze jetzt könnt mans sagen."
„Ist es nicht immer noch die andere Seite?", fragte Falrey nach einer Pause vorsichtig.
„Man würd vieles davon sehen, wenns nicht scheisse dunkel wär da drüben", erwiderte Jaz.
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
