Kapitel 75 - Versprochen

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Er erwachte mit der Wange plattgedrückt an kaltem Stein. Desorientiert wähnte er sich einen Moment lang zurück auf Ebene 23, schoss auf und biss augenblicklich die Zähne zusammen, denn damit kehrten die Kopfschmerzen zurück.

Er lag auf dem Küchenboden, auf halbem Weg zwischen Tisch und Flur. Es war dunkel. War Emila zu Bett gegangen? Hatte sie ihn wirklich einfach hier liegen lassen? Was hast du erwartet? Sie macht das auch mit Jaz so. Jaz, der nicht einmal ein Junge war. Sondern Emilas kleine Schwester. Die sie bewusstlos auf dem Küchenboden liegen liess, wenn sie sich besinnungslos getrunken hatte, weil sie nicht ertrug, was geschehen war. Weil Emila es genauso wenig ertrug. Ich hätte auf sie aufpassen sollen.

Emila konnte nicht damit umgehen. Und er selbst... er konnte es auch nicht. So gerne er sich etwas anderes eingeredet hätte. Oh scheisse.

Er liess den Kopf zurück auf den Stein sinken, wollte einfach nur weiterschlafen, um nicht denken zu müssen. Aber nun, da er wach war, spürte er, wie eiskalt der steinerne Boden war, bemerkte, dass es in Wahrheit nicht mehr ganz dunkel war, sondern sich bereits der erste Schimmer der Morgendämmerung im Küchenfenster abzeichnete. Emila musste den Laden geöffnet haben, bevor sie schlafen gegangen war.

Sie war doch schlafen gegangen, oder? Oder? Sie war zu vernünftig dazu, ihr musste klar sein, dass es aussichtslos und gefährlich war, und Emila tat nichts Gefährliches. Aber sie hatte Jaz auch damals gesucht. Jaz ist meine kleine Schwester, verstehst du? Oh scheisse. Bitte, sag mir, dass sie nicht...

Er kam auf die Füsse, lauschte, bevor er so leise wie möglich die Treppe hochschlich, hoffte, dass er sich irrte. Ein Stück Erleichterung machte sich in ihm breit, als er Emilas ruhigen Atemzüge in der Dunkelheit der gegenüberliegenden Raumhälfte hörte, und er lehnte sich an den Türrahmen.

Jaz Bett war leer. Falrey weigerte sich, darüber nachzudenken. Darüber, wer Jaz war. Er hielt es nicht aus, sich damit zu befassen, nicht solange Jaz gleichzeitig irgendwo da draussen war und vielleicht nie zurückkehren würde. Er wusste nicht wieso, aber er konnte es nicht.

Schliesslich nahm er seine Decke, schlich lautlos zurück in die Küche und rollte sich dort in den dicken Wollstoff gewickelt am Fuss der Wand zusammen, an derselben Stelle, an der er gelegen hatte, nachdem Jaz Rosh gefunden hatte. Erinnerst du dich an mich?, hatte Jaz gefragt. Und Rosh hatte sich erinnert, hatte Jaz erkannt. Obwohl es einen Augenblick gedauert hatte.

Falrey vergrub das Gesicht in den Händen.

„Falrey", riss ihn Emilas Stimme aus dem Schlaf, so nahe, als kauerte sie neben ihm. Er öffnete die Augen, blinzelte verwirrt ins Sonnenlicht, das die Küche nun erhellte. Wie lange hatte er geschlafen?

„Wie geht es deinem Kopf?", fragte sie.

Er griff sich reflexartig an die einbandagierte Schläfe, zuckte dann mit den Schultern, während er sich aufsetzte. Es pochte immer noch, und er glaubte die Naht zu spüren, aber im Moment tat ihm sowieso alles weh von der Nacht auf dem Steinboden.

„Jaz war nicht hier, oder?", fragte sie.

„Hab ihn nicht gesehen", antwortete er heiser. Nach einem Atemzug begriff er, warum sie fragte. „Hab die Decke selber geholt."

Sie fragte nicht, warum er hier unten geschlafen hatte, sondern erhob sich und deutete auf den Tisch, auf dem ein Becher und ein Teller standen. „Iss etwas."

Er kratzte sich irgendwie vom Boden zusammen, kam leicht schwanken auf die Füsse. Emila musterte ihn dabei.

„Ich wollte dich fragen, ob du mir helfen kannst, einige Sachen zu Bodir zu bringen", meinte sie. „Er hat heute Nachmittag freibekommen und meinte, er kann einen Handwagen von der Arbeit mitbringen, aber er braucht Hilfe damit, die Sachen runter zu tragen. Vor allem die Truhe. Sind zwar nur Kleider darin, aber selbst wenn man sie ausräumt, wäre sie zu schwer für ihn alleine."

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt