Bis sie zurück in der Senke waren, trugen Falreys Knie ihn kaum noch von all den Sprüngen, die sie abgefangen hatten. Sie holten am Runden Platz etwas zu essen, dann tranken sie in einer Schenke ein Bier. Jaz stiess mindestens dreimal einen Fluch aus, weil er sich selber dabei ertappte, ein Schilf anzünden zu wollen, steckte es aber jedes Mal wieder weg.
Sie warteten bis Elin, dann suchten sie den Halben Eber auf. Jaz ging voran, doch vor der Türe blieb er stehen, liess Falrey den Vortritt. Du hast das angezettelt. Falrey stiess die Tür auf. Der Schanksaal war leer, auch wenn auf einem der Tische noch ein leerer Krug stand. Mit einem Schritt vorwärts trat Falrey ins Blickfeld des Wirts. Der Mann sass hinter der Theke, einen Humpen in der einen Hand, einen Lappen in der anderen, er blickte auf und nickte Falrey zu. Falrey liess ihn nicht aus den Augen, um auch den leisesten Funken einer Reaktion zu erwischen, als Jaz zu ihm aufschloss.
Der Wirt zuckte nicht mit der Wimper, trotzdem sah Falrey, dass er Jaz erkannte – ob allerdings mit Überraschung, Furcht oder ob er damit gerechnet hatte, war nicht zu sagen. Falrey fragte sich plötzlich, ob der Wirt überhaupt wusste, wer Jaz war. Er erinnerte sich an ihn, weil er mehrfach hier gewesen war, aber kannte er seinen Ruf, wusste er, dass er Jaz vor sich hatte? Zumindest in Falreys Anwesenheit war nie ein Name gefallen.
Der Wirt musterte Jaz. „Du bist der, der Durra getötet hat?", fragte er gerade heraus.
„Ja", sagte Jaz knapp. Keine Umschweife, keine Ausreden.
„Arbeitet einer von euch für ihn?" Der Blick des Mannes war so scharf, als wollte er Falrey am Tisch hinter ihm festnageln.
„Einmal", antwortete Falrey wahrheitsgemäss. Das war kein Ort für Lügen.
„Arbeitet ihr für einen anderen gegen ihn?"
„Nein."
„Setzt euch", sagte der Wirt. Er nahm zwei Krüge aus dem Regal, füllte sie mit Starkbier und stellte sie vor ihnen auf den Tresen, während sie sich Stühle heranzogen. Den Krügen folgten drei Becher mit Martenbrand, von denen der Wirt selber einen behielt. Er hob ihn. „Auf Durra", sagte er. Falrey und Jaz nickten und sie leeren ihre Becher. Falrey fragte sich, ob ihm von dem Zeug irgendwann nicht mehr Tränen in die Augen steigen würden.
Der Wirt fixierte ihn mit seinem Blick. „Was willst du wissen?"
„Warum du mir den Namen genannt hast", wiederholte Falrey seine Frage.
„Du hast danach gefragt", antwortete der Wirt auch diesmal.
„Also war es wirklich Umairat, der Durra auf seinen letzten Auftrag geschickt hat?", fragte Falrey.
„Das weiss ich nicht", antwortete der Wirt.
Falrey versuchte sich die Verwirrung nicht anmerken zu lassen – so falsch konnte seine Erinnerung an den Abend doch nicht sein? – liess stattdessen seine Augen eine Spur schmaler werden.
„Ich weiss, dass Durra in Umairats Schuld stand", kam der Wirt seiner Frage zuvor. „Dass er derjenige war, der ihn aus dem Ruhestand zurückgeholt hat."
„Aber er hätte ihn für einen anderen Spieler arbeiten lassen können", begriff Falrey.
Der Wirt sah keine Notwendigkeit, darauf eine Antwort zu geben. Jaz schwieg.
„Woher weisst du von Umairat?"
„Wenn man einen Ort wie diesen führt, erfährt man viele Dinge", entgegnete der Wirt.
Erneut verstand Falrey. All die Jäger, die erzählten. Bruchstücke, die sich zu einem ganzen zusammenfügten. Und es waren nicht nur kleine Fische, sondern auch Leute wie Durra, vielleicht Gater, vielleicht sogar Kreon, die Bescheid wussten. Gleichzeitig begriff Falrey, dass er eine mögliche Motivation des Wirts bisher überhaupt nicht bedacht hatte: vielleicht ging es nicht darum, ihnen Informationen zu geben, vielleicht wollte er wissen, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Vielleicht hatte er ihm den Namen ins Ohr gepflanzt, damit sie die Fragen stellten, die einen den Kopf kosten konnten, in der Hoffnung, dass sie mit den Antworten zu ihm zurückkehren würden. Falls ja, gab es ihnen vielleicht eine Karte in die Hand, die sie im richtigen Moment ausspielen konnten. Aber noch nicht.
DU LIEST GERADE
Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
