Sie liessen die Wohnquartiere des Le hinter sich, überquerten die Una-Speiche und tauchten in die Backsteinschluchten des Arbeiterviertels ein, marschierten vorbei an hohen Mauern, hinter denen flammenerleuchteter Dunst in den Nachthimmel stieg, durch Gassen, so schmal, dass man an die Wäscheleinen, die darüber gespannt waren, keine zwei Hemden hätte hängen können, vorbei an dunklen Hinterhöfen, vereinzelten russverschmierten Gestalten und solchen, die deshalb schwarz schienen, weil sie in den Schatten blieben. Jaz nahm nicht die breiten, zumindest spärlich fackelerleuchteten Strassen entlang der Hochöfen, sondern führte sie durch die Hintergassen, die Schleichwege. Falrey rief sich in Erinnerung, dass er sich hier wirklich auskannte. Als er den Sur verlassen hatte, war das Arbeiterviertel sein erster Schritt in Richtung Norden gewesen, er hatte in diesen Gassen hier gejagt, für Leute wie Vassers Vater Delsa.
Irgendwann hielt Jaz inne, am Ende einer Gasse. Vor ihnen fiel das Gelände unvermittelt ab, eine Treppe führte hinunter auf eine Strasse, die fast zwei Stockwerke tiefer lag, doch Jaz schlug nicht diesen Weg ein, erklomm stattdessen eine schmale Metalltreppe, die vorbei an Wohnungstüren und versperrten Fenstern auf die Dächer der umliegenden Häuser führte. Falrey folgte ihm und als er die Häuserschlucht hinter sich gelassen hatte, hob er den Blick. Der Mond war voll heute, der Umriss des Pfeilers hob sich scharf vom Nachthimmel ab, dennoch dauerte es einen Moment, bis Falrey das schmale Band der Brücke fand, denn sie war viel weiter entfernt, als er erwartet hatte. „Ich glaube, so weit im Süden war ich noch nie", murmelte er.
Jaz erwiderte nichts darauf. Falrey folgte seinem Blick nach Süden. Jenseits der tiefer liegenden Strasse ging das Häusermeer auf derselben Höhe weiter wie auf dieser Seite, als hätte jemand einen graben durch die Senke des Kraters gezogen. Backsteingebäude reihte sich an Backsteingebäude, aber hinter zwei, drei Reihen mondbeschienener Dächer erhoben sich andere, seltsame Formen. Wie Hügel, riesige Steinhaufen. An manchen Stellen stieg schmutziger Rauch auf, von unten beleuchtet vom schwachen Licht schwelender Feuer.
„Die Abfallberge", beantwortete Jaz Falreys unausgesprochene Frage.
„Ach du scheisse", entfuhr es Falrey, als er begriff, was diese Hügel demnach waren. Für einen Moment fragte er sich, warum er nichts vom Gestank roch, der dort herrschen musste, wenn das Zeug auch noch brannte, bis er merkte, dass der Rauch, und damit wohl auch der Geruch, in die andere Richtung zog, nach Süden. Er warf Jaz einen Blick zu. „Wie weit ist es von hier aus noch? In den Sur, meine ich."
„Ein halber Speichenabstand", antwortete Jaz völlig neutral.
Das war nicht viel. Hier, in der Mitte der Senke vermutlich kaum einige hundert Schritt. Falrey kroch ein Schauer über den Rücken.
Jaz wandte sich ab, lief über die Dächer, die sich der tiefergelegenen Gasse entlang zogen. Schliesslich hielt er an einer Kreuzung inne und ging in die Hocke. Eine breitere Gasse stieg hier steil in die Senke ab, kreuzte die Strasse, bevor sie auf der anderen Seite wieder emporkletterte. Vor dem Haus gegenüber hing eine einzige, dreckige Laterne, kämpfte gegen die Dunkelheit an, denn das Mondlicht schaffte es nichts bis zum Boden durchzudringen. Falrey hockte sich neben Jaz. „Ist das das Öltuch?", fragte er leise.
Jaz nickte.
„Warst du schonmal drin?"
Abermals ein Nicken. „Einige Male."
Sie schwiegen einige Atemzüge lang. Dann fragte Jaz, ohne ihn anzusehen: „Warum bist du hier?"
Falrey verstand die Frage nicht ganz. „Was?"
„Du meinst, du willst mir nicht helfen bei dem Auftrag", sagte Jaz. „Also warum bist du hier?"
„Ich weiss nicht", sagte Falrey ehrlich. Jaz hatte recht, es machte keinen Sinn, was er hier tat. Er wollte nicht an einem Mord beteiligt sein. Jaz würde keine Hilfe brauchen. Und trotzdem, selbst wenn er sich vorstellte, wie Jaz die Typen massakrieren würde, weigerte sich etwas in ihm zu gehen. Vielleicht, weil noch nicht alle seine Fragen beantwortet waren. Weil er eine davon gar nicht gestellt hatte, weil er sich nicht sicher war, ob er die Antwort wissen wollte. „Was sind das für Typen, die du umbringen sollst?"
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasíaEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
