Kapitel 36 - Das richtige Bild

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Falrey hatte keine drei Schritte in Miras Laden gemacht, als sie fragte: „Bist du verletzt?"

„Nicht mehr wirklich", antwortete er ertappt. „Emila hat die Fäden heute gezogen. Woher..."

„Du bewegst dich anders", erklärte Mira mit einem schmalen Lächeln. „Leicht asymmetrisch. Sowas gewöhnt man sich schnell an, wenn alles andere wehtut, und es dauert eine Weile, bis man wieder damit aufhört. Kann ich sehen?"

„Ja...", meinte Falrey etwas zögerlich. „Aber Emila meinte, es ist alles in Ordnung."

„Ich will mir nur ihre Arbeit mal wieder ansehen", sagte Mira. „Sie hat genäht, nehme ich an?"

Falrey nickte. Er streifte Umhang und Weste ab, zog sich die Tunika aus, auch wenn er sich etwas unbehaglich fühlte dabei. Fal, Mann, du hast mit nacktem Oberkörper vor Dutzenden von Leuten in Chazgurs Markt gekämpft, du hast den halben Sommer so auf dem Dach trainiert, und ejtzt schämst du dich vor Mira? Das ist bescheuert.

Aber Mira kannte er, und wiederum nicht so gut wie Jaz oder Emila. Es war genau das Mass an Bekanntschaft, dass es seltsam sein liess, halbnackt vor ihr zu stehen.

Er wickelte den Verband ab, Mira begutachtete die Verletzung, fuhr nur flüchtig mit den Fingerkuppen über die Rippen darüber, bevor sie anerkennend nickte. „Emila ist echt gut geworden im Umgang mit Schnittverletzungen."

„Sie hat auch jede Menge Übung", murmelte Falrey, während er den Verband wieder festwickelte und verknotete.

Mira lächelte leicht. „Dann weisst du jetzt zumindest, wie es sich anfühlt. Schadet nicht, zu wissen, was man seinen Patienten zumutet. Auch wenn es natürlich noch besser wäre, die Notwendigkeit dazu zu vermeiden."

Falrey gab keine Antwort darauf, sondern zog sich die Tunika wieder über den Kopf. Natürlich hatte sie recht. Aber er war sich mittlerweile ziemlich sicher, dass es schlicht nicht zu vermeiden gewesen war. Nicht, wenn er hatte das Richtige tun wollen. Der Schmerz, das Risiko, die Narbe waren der Preis dafür, Ezali in Sicherheit zu bringen, und er hätte ihn jederzeit wieder gezahlt.

Mira kehrte zurück hinter ihren Tresen. „Emila hat dir etwas gegeben für die Narbe?"

Fragend legte Falrey den Kopf schräg und anstatt einer Antwort holte Mira ein Töpfchen aus dem Regal. „Einmal täglich vorsichtig einmassieren. Das Gewebe verheilt dadurch geschmeidiger und spannungsfreier, und die Narbe wird weniger auffällig."

Falrey nahm das Töpfchen entgegen, stellte es auf den Tisch und griff nach der Münztasche in seinem Gürtel.

Mira winkte ab. „Lass stecken. Das ist schon in Ordnung."

„Nein", sagte Falrey. „Ich bin sowieso hier, weil ich ein paar Dinge brauche."

Mira hob überrascht die Augenbrauen und wartete.

„Ich will mir etwas zusammenstellen, mit Nadel, Faden, Verband, das ich überall hin mitnehmen kann, in einer Gürtel- oder Westentasche", sagte er.

Er hatte darüber nachgedacht die letzten Tage über. Jaz hatte recht, es war dumm gewesen, mit offener Wunde vom Liliths nach Hause zu laufen. Hätte er das Werkzeug dabei gehabt, um sie dort richtig zu verarzten, wäre das überhaupt nicht nötig gewesen, denn auch wenn er es selber nicht fertig gebracht hätte, den Schnitt zu nähen, hätte er wenigstens jemanden dabei anleiten können – mindestens Yonay traute er eigentlich zu, dass sie nüchtern genug dachte, um so etwas auch durchzuziehen. Er hoffte nicht, dass wieder so etwas passierte. Aber wenn doch, wollte er dafür gewappnet sein.

Mira nickte. Ohne Fragen zu stellen, begann sie Utensilien hervorzusuchen und auf dem Tisch auszubreiten, erklärte ihm die Vor- und Nachteile. Mit ihrer Beratung stellte Falrey sich eine Kombination von Ausrüstung und Material zusammen, so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Drei feine Silbernadeln, zwei Rollen Nähseide, zwei zusammengefaltete Bahnen Verbandsleinen – niemals ausreichend, um einen Brustkorb zu verbinden, aber genug für eine saubere erste Lage oder ein paar Umwicklungen um einen Arm. Eine metallene Pinzette, eine flache Metallbüchse mit blutstillender Salbe, ein Stück Tuch zum Reinigen, eine winzige Schere.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt