Kapitel 72 - Zuvorkommen

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„Falrey?"

Unmotiviert sah er von seiner Schüssel mit Brei auf zu Emila, die an der Anrichte stand und durch das Fenster auf die nachmittägliche Gasse hinausblickte. „Hm?", meinte er mit vollem Mund.

Sie wandte sich nicht zu ihm um, und er hörte das Zögern in ihrer Stimme. „Kann ich dich etwas fragen?"

Falrey seufzte innerlich, aber er blickte auf sein Frühstück und nickte.

Eigentlich hatte er nach wie vor überhaupt keine Lust, sich mit Emila zu unterhalten. Er wusste nicht, was er zu ihr sagen sollte. Jaz war noch immer nicht zurückgekehrt. Die Ungewissheit lag wie ein Knoten in Falreys Magen. Vermutlich ging es ihr nicht anders. Und er wusste, dass er nichts sagen konnte, was sie beruhigen würde, wenn sie danach fragte. Nichts, was keine Lüge war. Und er war es satt zu lügen.

Oder merkte sie ihm an, dass er letzte Nacht schon wieder angetrunken nach Hause gekommen war? Auch darauf hätte er nicht gewusst was antworten. Er war doch in einem Saufhaus gelandet, nachts auf dem Heimweg. Hatte drei Bier viel zu schnell gekippt. Weil er irgendetwas gebraucht hatte, um seinen Gedanken ihre Schärfe zu nehmen, um sie alleine zu ertragen.

Misty mochte vielleicht recht haben damit, dass man etwas nicht abhaken konnte, wenn man nicht darüber nachdachte. Aber das hiess nicht, dass es umgekehrt funktionierte. Nur weil er sich zwang an etwas zu denken, war es danach nicht einfach in Ordnung. Manchmal tat es nur weh. Und ihm war klar, dass Alkohol eine beschissene Antwort darauf war. Er glaubte Jaz jedes Wort, wenn er ihn davor warnte. Er hätte nicht trinken sollen gestern Abend. Aber er wollte sich auch nicht dafür rechtfertigen müssen. Nicht vor Emila.

Immerhin hatte er sich nicht komplett abgeschossen. Und drei Bier waren genug gewesen, um einzuschlafen.

Emila hingegen war gar nicht hier gewesen, hatte die Nacht bei Bodir verbracht und war erst am Vormittag wieder aufgetaucht. Falrey hatte sicher zwei Zeiten lang auf seiner Matratze ausgeharrt in der Hoffnung, sie würde wieder gehen, aber schliesslich hatten ihn seine Blase und sein Magen nach unten getrieben.

Erst als Emila sich zu ihm umdrehte und ihn fragend ansah, dämmerte ihm, dass sie sein Nicken nicht gesehen hatte. Er schluckte und wiederholte es.

Emila kam zum Tisch. Sie wirkte nervös, zögerte mehrere Herzschläge lang, und Falrey versuchte sich innerlich vorzubereiten auf was immer jetzt kam, bevor sie sich schliesslich ihm gegenüber setzte und fragte: „Was ist passiert?"

Er erstarrte, den Löffel auf halben Weg zum Mund. „Was meinst du?", fragte er.

Emila blickte auf ihre ineinander verschränkten Finger. Sie holte Luft. „Wieso ich ausziehen soll. Jetzt schon, anstatt erst im Frühling."

Falrey legte den Löffel langsam in die Schüssel, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Willst du das wirklich wissen?", fragte er ernst.

Sie wich seinem Blick aus, strich mit den Fingerspitzen der rechten über die Nägel der linken Hand.

„Jaz hat mir mal gesagt, ich soll dir nichts von draussen erzählen", brach Falrey das Schweigen nach mehreren Atemzügen. „Was passiert. Was er tut. Weil du es nicht wissen willst. Und ich... respektiere das. Du hast..." Du hast genug Hässliches erlebt, um wegsehen zu dürfen. „Ich werde dir nichts sagen, was du nicht wissen willst."

Er liess seine Stimme leiser werden. „Aber ich bin nicht Jaz, der so oder so schweigt. Wenn du mich nach etwas fragst, dann werd ichs dir sagen."

Emila sah ihn immer noch nicht an. „Du hattest recht", sagte sie schliesslich. „Ich hätte ihn nicht rauslaufen lassen sollen, ohne zumindest nachzusehen, wie schwer er verletzt ist." Dann schwieg sie wieder.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt