Kapitel 11 - Etwas zu viel

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An diesem Abend ging Falrey direkt von Mira ins Liliths – er hatte tatsächlich daran gedacht, das Hemd dazulassen – und trat die Schicht an. Von Djora sah er wie üblich überhaupt nichts, aber gegen Rok musste er einen Freier hinaus scheuchen und spätestens ab Luf gähnte er gefühlt alle paar Atemzüge hinter vorgehaltener Hand. Am nächsten Tag bei Mira erging es ihm kein bisschen besser, bis sie irgendwann mit hochgezogenen Augenbrauen fragte: „Magst du eine Tasse Nuaril?"

Verlegen klappte er den Mund zu. „Vielleicht. Aber ich will keine Umstände..."

Sie winkte ab. „Ich kann selber eine vertragen. Wurde spät gestern Nacht."

Sie bedeutete ihm sitzen zu bleiben, während sie selbst nach oben verschwand. Er beugte sich über den Text, den sie ihm vorgelegt hatte, versuchte weiter zu lesen und schreckte auf, als er beinahe vornüberkippte, weil er eingenickt war. Reiss dich zusammen, fuhr er sich selber an, rieb sich übers Gesicht und gähnte.

Er war bereits erneut am Wegdämmern, als Miras Schritte auf der Treppe erklangen. Sie trug ein Tablett mit zwei Tassen, das sie auf dem Tresen abstellte, bevor sie eine Griff und über die heisse Flüssigkeit blies. Der Geruch des Nuarils war unverkennbar und in Falrey stiegen Erinnerungen an den Tuchmarkt auf, als er seine eigene Tasse an die Lippen hob. Er fragte sich, ob Laru sein Wasserpfeifenlokal jetzt eröffnet hatte, und ob es gut lief. Vielleicht sollte er es einmal besuchen. Wobei ihn ohnehin keiner von den dreien mehr erkennen würde, und dann würde er nur seltsam dastehen und nichts mit sich anzufangen wissen.

Bereits der erste Schluck des Getränks vertrieb den Wunsch, den Kopf auf den Tisch zu legen, um zu schlafen, als wäre es der intensive Geschmack allein, der einen wacher machte. Er trank weiter, während Mira ihre Tasse abstellte und fortfuhr: „Also, wir haben gesehen, warum man nicht in den Kopf oder in die Brust gestochen werden sollte. Welche Körperstelle möchtest du noch vermeiden?"

„Jede?!"

Sie grinste amüsiert. „Welche besonders?"

Er zuckte mit den Schultern, dachte nach. „Hände?", sagte er aufs Geratewohl.

„Warum?"

„Weil man schnell einen ganzen Finger verliert. Oder Sehnen werden durchtrennt. Die Schnitte können flach sein und richten trotzdem eine Menge Schaden an."

„Aber sie bringen dich nicht um", erwiderte Mira.

Falrey dachte erneut nach. „Die Beine? Vor allem die Knie."

„Warum?"

„Weil man nicht mehr in der Lage ist davonzulaufen oder sich zu verteidigen. Und dann ist man so gut wie tot."

Mira musterte ihn. „Schlechte Erfahrungen gemacht?"

Er sah sie einige Augenblicke lang perplex an. Er hatte nicht einmal wirklich an Rosh gedacht, auch wenn das Bild seiner aufgeschnittenen Kniekehlen sich nun umso deutlicher vor seinem inneren Auge abzeichnete, ob er wollte oder nicht. Dann erinnerte er sich an sein erstes Gespräch mit Mira, als sie ihm erklärt hatte, was sie alles aus der Stimmlage und Sprechweise einer Person heraushören konnte, wie ähnlich es dem war, was er in den Augen der Menschen sah. Natürlich merkte sie, wenn er nicht mehr nur über irgendetwas Hypothetisches sprach. „Ja", antwortete er ehrlich. „Also nicht ich selbst natürlich, aber..."

Mira nickte nur. „Ich schätze, das ist ein wichtiger Punkt, wenn du selbst in einen Kampf verwickelt wirst. Aber bis du dazu kommst, eine Wunde zu behandeln, ist der normalerweise vorbei und der Verletzte hat ihn erstmal überlebt. Und wenn das der Fall ist, und er hat nur eine Knieverletzung, dann kriegst du ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit durch. Ob er das Bein wieder so wird benutzen können wie zuvor, ist eine andere Frage, aber er wird es überleben."

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt