Kapitel 70 - Die Wahrheit

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Sie blieben, bis das Feuer heruntergebrannt war. Jaz nahm irgendwann den Kopf von Falreys Schulter, nicht aber seine Hand, auch wenn er Falreys Finger zur Seite schob. Von Osten her kroch die Morgendämmerung über den Himmel, als keine Flammen mehr aus den verkohlten Holzstücken schlugen, nur noch Glut und Asche übrig waren von dem, was einmal Seniah gewesen war.

Sie blieben, auch als die Bestattungshelfer ihre Besen nahmen, um das, was vom Feuer noch übrig war, über die Kante der Plattform hinweg dem Fluss zu übergeben. Falrey zog Jaz behutsam auf die Füsse und sie sahen zu, wie die Asche fiel, durch die Luft und über die Felswand rieselte, bis sie auf die schäumenden Fluten traf und von ihnen davongetragen wurde, inmitten weisser Gischt. Hin zum dunklen Loch in der Kraterwand und zu was auch immer dahinter lag, jenseits der Grenzen Niramuns.

Dann, mit einem letzten Blick auf die Stelle, an der das Feuer gebrannt hatte, und einem Griff Falreys nach dem Amulett um seinen Hals, machten sie sich auf den Heimweg.

Sie gingen schweigend. Es gab nichts zu sagen. Falrey kämpfte mit den Tränen, obwohl er geglaubt hatte, er hätte längst alle geweint, und obwohl ein Teil von ihm sich fragte, ob er wirklich begriffen hatte, dass sie Seniah nie wieder sehen würden, weil nichts von ihr mehr in dieser Welt war. Weil man sie grausam umgebracht hatte. Jaz schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu können.

Sie begegneten einigen Leuten, die wohl bereits auf dem Weg zur Arbeit waren. Es war Morgen. Für andere Leute war es Morgen. Nur sie beiden stolperten noch durch die Gassen, als Überreste dieser Nacht. Die Welt drehte sich weiter. Ein Teil von Falrey wollte beinahe umdrehen. Als würde der Tag nicht zu Ende gehen, wenn sie nicht nach Hause zurückkehrten, sondern für immer derjenige bleiben, an dem Seniah noch gelebt hatte.

Die Steingasse war noch leer, obwohl sich die Hauswände bereits grau aus der Dunkelheit schälten und es nicht mehr lange dauern konnte, bis die Sonne aufging. Falrey schloss hinter ihnen ab und Jaz stolperte bereits die Treppe hoch, während er selbst die Latrine aufsuchte, doch als er wenig später herauskam, stand Jaz in der Küche.

„Was ist?", fragte Falrey leise. Er hielt Ausschau nach dem Blitzen von Emilas Flachmann, aber Jaz Hände waren leer.

„Ich bleib noch wach", antwortete Jaz heiser, und nach einer Pause: „Ich muss mit Ela reden."

„Sie ist hier?"

Jaz nickte.

Falrey schluckte leer. Wären sie hierher gekommen, hätten auch sie erwischt. Er begriff, was Jaz vorhatte. „Du willst ihr sagen, dass sie ausziehen soll."

Abermals nickte Jaz.

„Soll ich hier bleiben?"

Jaz schüttelte den Kopf. „Geh schlafen. Sie steht eh bald auf."

Seine Stimme war so rauh, dass sie kaum Klang hatte, und gleichzeitig war es unverkennbar Jaz, der sprach. Diese Entschlossenheit in jedem Wort, die einen dazu brachte, seine Entscheidungen nicht in Frage zu stellen. Dennoch fragte Falrey leise: „Sicher?"

Jaz nickte.

Falrey wollte ihn nicht alleine lassen. Aber vielleicht brauchte Jaz auch genau das. Um durchzuatmen. Um ruhig und kalt genug zu werden, um mit Emila zu reden. Um sich zu überlegen, was er ihr sagen wollte, und wie viel. Jaz tat erst, was nötig war. Zusammenbrechen würde er vielleicht danach.

Lautlos stieg Falrey die Treppe hoch und schlich ins Schlafzimmer. Emila schlief, das Gesicht zur Wand gedreht, ihr Brustkorb hob und senkte sich langsam unter der Decke. So leise er konnte, schnürte Falrey seine Stiefel auf, schlüpfte aus Weste und Tunika und kroch auf seine Matratze. Er wusste, dass er nicht schlafen würde.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt