Kapitel 45 - Prioritäten und Omeletts

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Jaz stand auf der Treppe, als er eintrat, sah ihn fragend an. Falrey gab keine Antwort. Er brachte die Eimer in die Küche, schöpfte sich einen Becher Wasser, setzte sich damit auf den Boden, den Rücken gegen die Wand gelehnt.

Mit geschlossenen Augen hörte er, wie Jaz sich neben ihm die Wand entlang hinunterrutschen liess. Lange schwiegen sie beide. Jaz zupfte an einem losen Faden seiner Tunika. Falrey trank das Wasser. Er spürte den Druck unter seinen Augen, als warteten die Tränen dort, aber es reichte nicht, um ihn heulen zu lassen.

„Jaz?", sagte er irgendwann heiser. „Du... du hast gesagt, man kann immer noch versuchen, gut zu sein, wenn man getötet hat. Dass es nicht vorbei ist damit." Er schluckte gegen den Kloss in seinem Hals. „Glaubst du das wirklich?"

„Ja", antwortete Jaz ohne zu zögern. „Ich meine, wenn dir ein Schluck Bier überschwappt, schüttest du ja auch nicht den Rest hinterher, weil es jetzt egal wäre, oder?"

Falrey war nahe dran, sich die Hand ins Gesicht zu schlagen. Hatte Jaz keinen besseren Vergleich gefunden?

„Warum versuchst du dann nicht aufzuhören?", fragte er stattdessen.

Diesmal schwieg Jaz einen Moment lang, bevor er sagte: „Weil es mir nichts ausmacht. Es ist mir egal. Ich habe keinen Grund, nicht zu töten. Aber du schon. Wenn du anfangen würdest, es einfach in Kauf zu nehmen, würdest du damit dich selber verlieren."

„Bist du dir sicher?", fragte Falrey leise. „Dass das nicht immer nur etwas war, was ich allen vorgemacht hab, um mir zu sagen, dass ich gut bin?"

Jaz sah ihn an, als fragte er sich, ob er den Verstand verloren hatte. „Ja" , sagte er ohne jeden Zweifel. „Ich bin mir sicher."

„Warum?"

„Weil ich gesehen habe, was es mit dir macht. Sowas kann man nicht spielen."

Falrey schwieg. Dann fragte er: „Wenn es so ist, warum habe ich es dann getan?"

Jaz schien nachzudenken. „Weil einem etwas noch so wichtig sein kann, manchmal gibt es Momente, in denen etwas anderes stärker ist", sagte er schliesslich. „Und glaub mir, Überleben ist verdammt stark."

Falrey wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er glaubte zu verstehen, was Jaz meinte. In dem Moment, als er andere auf ihn eingestochen hatte, wäre er überhaupt nicht in der Lage gewesen sich zu entscheiden, ob er lieber sterben wollte oder den Mann umbringen. Genauso wie er es nicht fertig brachte, sich selber umzubringen, auch wenn er es noch so wollte. Weil der Wille zu überleben übernahm. Aber es war nicht Überlebensinstinkt gewesen, der ihn Lille hatte töten lassen. Der dafür sorgte, das Nemi zu recht Angst vor ihm hatte.

„Was, wenn es Dinge sind, von denen ich nicht will, dass sie stärker sind", fragte er heiser.

Jaz seufzte. „Ich denk nicht, dass man da mitreden kann. Oder falls du rauskriegst wie, sags mir bitte." Er grinste schief, bevor er wieder ernst wurde. „Alles, was du tun kannst, wenn du etwas wirklich nicht tun willst, ist wissen, was dich dazu bringen würde, es trotzdem zu tun. Und dafür sorgen, dass du nicht an einen Punkt kommst, an dem das eine gegen das andere steht."

Er zupfte zögernd an seiner Tunika. „Zum Beispiel... ich will Ela nicht schlagen. Aber ich weiss, dass sie mich wütend genug kriegen kann, dass ich es tun würde. Deshalb hau ich lieber ab, als mich mit ihr zu streiten. Bevor es soweit kommt. Oder... oder wenn ich dir sag, du sollst die Klappe halten. Bevor du mich so weit kriegst, dass ich dich umbringen würde. Weil das echt scheisse wäre."

„Aber... wie?", fragte Falrey verzweifelt.

„Was meinst du, wie?"

„Wie soll ich dafür sorgen, dass ich nicht dahin komme? Es ist ja nicht so, dass ich wütend werden will."

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt