Kapitel 74 - Es tut mir leid

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Es war eine flüssige Bewegung, ohne dass Jaz den rechten Fuss überhaupt vom Stein gehoben hätte, ohne Straucheln, ohne Zögern.

Falreys Sichtfeld explodierte.

Er spürte am Rande, wie er auf die steinerne Plattform knallte, rang darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Jeder Herzschlag fühlte sich an, als würde ihm ein Nagel durch den Schädel getrieben, machte sämtliche Wut, die er eben noch gespürt hatte, nichtig.

Steh auf!, war der einzige Gedanke, der den Schmerz durchdrang. Du musst aufstehen. Sofort. Er wollte sich hochstemmen, aber seine linke Hand rutschte ab ins Leere und für einen Augenblick verdrängte die Angst zu fallen selbst das Stechen, als er sich erinnerte, wo er war, bevor er mit dem Gesicht voran wieder auf den Stein klatschte.

Panisch robbte er weg von der Kante, kam auf die Knie, hob die Arme instinktiv, um sich zu decken, während seine Sicht sich allmählich aus pulsierenden Fragmenten und Dunkelheit zusammensetzte. Aber es kam kein nächster Angriff. Er war alleine auf der Plattform. Jaz war weg.

Falrey stand auf und ihm wurde beinahe erneut schwarz vor Augen vom aufflammenden Schmerz. Mit einem unwillkürlichen Wimmern taumelte er zur Felswand, weg vom Abgrund, und liess sich dagegenfallen, presste sich die Hände gegen den Kopf in der Hoffnung, das Stechen würde aufhören. Seine rechte Schläfe war nass und warm. Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es Blut war. Jaz hatte ihn getreten. Mit den Stahlkappen, gegen den Kopf. Er hatte die Stiefelspitze nicht einmal kommen sehen, hätte keine Chance gehabt, auszuweichen. Er hätte dich umbringen können damit. Und nicht nur, weil du fast von der Plattform gefallen wärst.

Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte Falrey gegen die verspätete Panik an. Er hätte sich einreden können, es wäre nicht nur Glück gewesen. Dass Jaz genau wusste, wie viel es brauchte. Aber selbst, wenn das stimmen mochte...

Er spürte die Kraft noch in den Fingern, mit der er Jaz zurückgezogen hatte, sah den Ausdruck in Jaz Gesicht, als er herumgefahren war. Es war dieselbe Leere wie in der Schenke, als er die Nerven verloren hatte. Wie am Brunnen, als er Sovi beinahe ertränkt hatte. Eine Leere, die jeden Gedanken auslöschte, nur Reaktion übrig liess. Falrey wusste, wie Wut in Jaz Gesicht aussah, und das war nicht Wut gewesen. Es war Angst. Scheisse.

„Jaz!", rief er, kniff die Augen zusammen gegen den Schmerz, der dabei aufloderte, hörte sich selbst kaum über das Hämmern in seinem Schädel. „Jaz! Komm zurück! Es tut mir leid, ich wollte nicht..."

Was wolltest du nicht? Ihn zurückhalten, damit er nicht davonlaufen kann? Natürlich hatte er das gewollt. Sonst hätte er es nicht getan.

Sie zurückhalten, korrigierte eine Stimme in seinen Gedanken. Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen, liess ihn beinahe in die Knie gehen. Shak. Er kam nicht damit klar. Er kam überhaupt nicht damit klar. Jaz Bild in seinen Gedanken, und die Vorstellung, dass Jaz ein Mädchen sein sollte, fügte sich nicht zusammen, obwohl er begriffen hatte, dass es die Wahrheit war. Als würde er doppelt sehen. Als wäre er so betrunken, dass die Welt kippte, ohne dass er sich dabei bewegte.

Und er fand keinen Halt. Denn der einzige Halt, zu dem seine Gedanken instinktiv zurückkehrten, die einzige Konstante in dieser Welt, die er nicht verstand, die einzige ausgestreckte Hand, die ihm sagte, was real war, war Jaz. Aber der Jaz, den er zu kennen geglaubt hatte, gab es nicht. Hatte es nie gegeben.

Alles drehte sich, als wäre er tatsächlich über den Rand der Plattform gestolpert und im freien Fall, und das verdammte Stechen in seinem Schädel machte es nicht besser. Und dann, von einem Moment auf den anderen, kam er nicht mehr an gegen die Angst. Als hätte eine Wasseroberfläche über ihm zusammengeschlagen, und jede Faser seines Körpers schrie danach, weg zu laufen, ohne dass er gewusst hätte, wohin.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt