Kapitel 69 - Wer Hass hat braucht keine Hoffnung

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Der Morgen schien nie kommen zu wollen. Falrey hasste es und hielt sich gleichzeitig an jedem Atemzug fest, der verstrich, ohne dass das Licht der Dämmerung sich im Spalt unter der Balkontür abzeichnete. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dasass, den Dolch immer noch umklammert, weil er das einzige war, an dem er sich festhalten konnte.

Ein Teil von ihm hoffte, dass, falls Jaz scheiterte, Fadres Leute noch einmal hier aufkreuzten, um auch ihn umzulegen. Er wusste, dass er den Kampf nicht gewinnen würde. Aber er schwor sich, so viele von ihnen mit in den Tod zu nehmen, wie er konnte. Für Jaz. Aber vor allem für Seniah. Egal ob sie es gewollt hätte oder nicht.

Für all ihre verzweifelten Tränen, die nie mehr trocknen würden. Für ihre Wut auf sich selbst, für das, wozu das Schicksal sie gezwungen hatte. Für die Facetten ihrer Hoffnung, schillernd wie Splitter aus Glas, die man ungeordnet wieder zusammen geschmolzen hatte und in denen sich das Morgenlicht brach. Eine Hoffnung, die nie mehr wahr werden würde. Dafür, dass ihre letzten Augenblicke in diesem Leben alles Hässliche gewesen waren, dem sie gehofft hatte zu entkommen.

Er hatte sie nicht schützen können. Genauso wenig wie er Mama hatte schützen können. Oder Lille. Oder selbst Ezali, auch wenn sie zumindest mit dem Leben davongekommen war. Er wäre für jede von ihnen gestorben. Und sei es nur, weil ein Messer im Bauch leichter zu ertragen war, als derjenige zu sein, der weiterlebte.

Irgendwann flackerte die Öllampe am Kopfende des Bettes und Falrey schaffte es sich aufzuraffen, um eine zweite im Durcheinander zu finden, sie zu füllen und anzuzünden. Der Gedanke, mit einer Toten allein in einem dunklen Raum zu sein, machte ihm Angst, selbst wenn es Seniah war.

Dann kehrte er zurück an seinen Platz, zählte seine Atemzüge, versuchte nicht zu denken. Er wollte heulen, aber da waren keine Tränen mehr. Er wollte Jaz anschreien, ob er nun hier war oder nicht, aber verstand seinen Zorn zu gut, um ehrlich wütend auf ihn zu sein, dafür dass er gegangen war, um Rache zu nehmen, auch wenn es ihnen vermutlich das Leben kosten würde. Er wollte auf irgendetwas einschlagen, aber was hätte es gebracht ausser verstauchter Knöchel? und er musste noch in der Lage sein, Seniah zum Fluss zu bringen.

Es schien ihm, als würde der Raum immer dunkler werden, trotz der neuen Lampe, und er fragte sich, ob er irgendwann, wenn er lange genug auf das Wirklichkeit gewordene Bild seiner Albträume starrte, endgültig den Verstand verlieren würde. Vielleicht wäre es sogar besser so. Wenn sein Geist sich einfach für immer verabschiedete aus dieser Welt, irgendetwas anderem Platz machte, das mit all dem klar kam.

Wirjad hat dich nicht gebrochen. Aber das hier könnte. Erst der Gedanke liess ihn erkennen, wie viel schlimmer es war. Er wollte schluchzen, und schaffte es nicht.

Die Schritte waren so leise, dass sie im ersten Moment beinahe im Geräusch seines eigenen Atems untergingen, und als Falreys Gedanken die Wahrnehmung endlich richtig eingeordnet hatten, blieb sein Herz beinahe stehen. Ein schwerer Tritt auf dem Treppenabsatz, direkt vor der Tür. Dann wurde die Klinke heruntergedrückt, langsam, vollkommen geräuschlos. Ein sanfter Zug gegen den geschlossenen Riegel, bevor sie wieder nach oben wanderte, genauso langsam.

Falrey erinnerte sich daran zu Atmen. Lautlos schnellte er auf die Füsse, den Dolch umklammert, schlich auf die Türe zu, mit genug Abstand, um nicht in der Bahn zu stehen, falls jemand sie eintreten sollte.

„Fal?"

Es war kaum mehr als ein Flüstern, gedämpft durch das hölzerne Türblatt. Falrey liess das Messer einfach fallen, zog den Riegel zurück und stiess die Tür auf.

Jaz stand auf dem Absatz, die Augen leer, den Dolch erhoben, um sich zu verteidigen. Falrey packte ihn am Mantelkragen, riss ihn vorwärts, schlang die Arme um ihn und drückte ihn an sich. Das Schluchzen brach aus seinen Lungen im selben Moment, in dem sein Gesicht den rauhen Wollstoff an Jaz Schulter berührte.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt