Kapitel 57 - Gefangen

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Falrey stand am Meer. Er wusste, dass es das Meer war. Der Wind zerrte an seinen Haaren, der Fels unter seinen nackten Füssen war rauh und kalt. Die anderen waren schon weitergegangen, ohne auf ihn zu warten, aber es war ihm egal, sie waren ihm ohnehin auf die Nerven gegangen, das Mädchen, das immer geprahlt hatte mit Dingen, die nichts Besonderes waren, der Mann, der immer alles in der richtigen Reihenfolge tat, und sonst von vorne anfing, die anderen... es war egal. Jetzt war er alleine.

Er war so weit gelaufen. So weit und so lange. Bilder und Erinnerungen zogen an seinem Geist vorüber, ohne dass er sie rufen musste. Staubige Strassen in weiten Ebenen. Brücken über Flüsse, so breit wie Seen. Berge und grasüberwachsene Hügel, die Halme schillernd im Licht der untergehenden Sonne. Die blasse Erinnerung an eine Stadt, die so weit hinter ihm lag, dass er sie kaum noch greifen konnte. An ein Leben, das er dort einmal geführt hatte, irgendwann, von dem nicht mehr geblieben war als ein paar Dinge in einem Lederbeutel.

Er wusste, was es bedeutete, dass er hier stand. Jaz war tot. Oder er hat ein Leben mit Seniah gefunden. Du konntest gehen, weil er dich nicht mehr braucht. Er klammerte sich an dieser Ungewissheit fest, wollte daran glauben, auch wenn er es kaum konnte. Auch wenn irgendwo auch diese Vorstellung wehtat.

„Du bist der Sucher", flüsterte der Wind. „Du bist nicht hier, um die Welt zu retten, sondern um sie zu sehen."

„Und du?", fragte er schnaubend zurück. Als würde sie irgendetwas tun, ausser sich über ihn lustig zu machen.

„Ich halte deine Füsse auf dem Pfad", wisperte sie. „Deine Reise ist nicht zu Ende."

„Als gäbe es ein Ende", antwortete er.

Er wandte sich um und ging. Die Strasse war endlos, der Horizont weit. Er war frei und ohne Angst. Wer alles verloren hatte, brauchte nicht mehr zu fürchten. Welt und Zeit lagen vor ihm, und nichts davon hielt ihn noch in seinem Griff.

Er erwachte auf seiner Matratze, öffnete die Augen. Morgenlicht fiel durchs Fenster herein und während er an das helle Grau der Decke hochstarrte, wurde Falrey eine Tatsache mit erschreckender Klarheit bewusst: er war gefangen. Niramun war ein Käfig mit steinernen Wänden. Er würde darin vor sich hin strampeln, bis er verreckte. Und wenn nicht, wenn er diesen Krater jemals wieder verliess, dann würde er damit leben müssen, dass Jaz tot war.

Eigentlich war nichts an dieser Erkenntnis neu, trotzdem senkte sie sich plötzlich wie eine Decke aus Blei auf ihn herab. Unfähig sich zu bewegen lag er da, starrte hoch und es war ihm, als würde er ertrinken in der toten Luft, die sich am Grund dieses Kessels sammelte. Und der einzige Weg hinaus war einer, der unerträglich war, weil er über Jaz Grab führte. Nicht, dass es überhaupt seine Wahl gewesen wäre, aber...

Er zwang sich die Augen zu schliessen. Schlaf weiter. Vergiss den Scheiss. Es funktionierte nicht.

Als Jaz drei Zeiten später aufwachte, sich verkatert übers Gesicht fuhr und aus dem Zimmer wankte, lag Falrey immer noch wach und fühlte sich, als hätte ihn jemand mit dem Hammer in die Matratze geprügelt. Er konnte sich selbst nicht einmal erklären warum, was das Problem war, warum so plötzlich. Es war absurd. Und trotzdem... shak, es fühlte sich an, als hätte ihm jemand das Mark aus den Knochen gesaugt.

Er hörte die Tür der Latrine unten gehen. Reiss dich zusammen, sagte er zu sich selbst. Jaz geht es echt nicht gut im Moment. Er braucht dich. Du kannst nicht ausgerechnet jetzt, wo du einmal der Stärkere sein müsstest, anfangen, selber Krise zu schieben, schon gar nicht, wenn überhaupt nichts passiert ist. Mit dem Thema kannst du dich irgendwann noch befassen. Also krieg deinen verdammten Arsch hoch.

Bis Jaz wieder hochkam, hatte er zumindest die Energie zusammengekratzt, sich aufzusetzen, versuchte sich dazu zu überwinden, die Decke zurückzuschlagen und die Füsse neben die Matratze zu bewegen, anstatt sich einfach wieder hintenüber kippen zu lassen.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt