Kapitel 44 - Mörder

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Er sass im Garten, auf einer Bank. Es war Frühling, Blumen blühten, rankten sich an den Pfosten des Zauns empor. Jemand strich mit den Fingern durch seine Haare. „Sie sind wirklich lang geworden", sagte sie. „Lang genug, um einen Zopf zu flechten. Darf ich?"

Er nickte.

Er spürte, wie sie nach den Strähnen griff, mit den Händen hindurchkämmte, um sie voneinander zu trennen, begann zu flechten. Es war ein seltsames Gefühl, ein leichter Zug, aber sanft, angenehm. Wie feine Küsse auf seiner Kopfhaut.

„Früher hast du immer meine Haare geflochten", sagte sie. „Erinnerst du dich?"

Er nickte. Er wusste noch, wie es sich angefühlt hatte, ihre feinen, blonden Haare zwischen seinen Fingern, so viel glatter und seidiger als seine eigenen. Sie hatte selten still gehalten, ausser dann, wenn er ihr die Haare flocht. Dann war sie immer ganz ruhig gewesen, hatte geduldig gewartet, bis er fertig war, bis er das Band um das Ende gebunden hatte und gesagt: „Fertig." Erst dann war sie aufgesprungen, mit den Händen darübergefahren, hatte ihn angegrinst, bevor sie davongelaufen war, um es Melica zu zeigen, so stolz über ihre neue Frisur. „Es tut mir leid", flüsterte er.

Sie gab keine Antwort darauf. „Was sind das für Blumen?", fragte sie.

Er stand auf, trat auf den schmalen Pfad zwischen den Beeten. Dunkle, fruchtbare Erde in kleinen, ordentlichen Parzellen, helle Stängel, die sich daraus emporrankten, grüne Blätter, bunte Blütenkelche, so fein und zerbrechlich. „Erinnerungen", antwortete er. „Es sind Erinnerungen."

Er wusste nicht mehr, woran. Da waren keine Worte, keine Bilder, die sie beschrieben hätten. Nur ein Gefühl, das ihm das Herz zerriss. Er blickte der Reihe entlang und begriff, dass es keine Beete waren, sondern Gräber.

Seine Schritte trugen ihn weiter, zum Ende des Gartens, durch die Lücke im Zaun. Dahinter lag ein weiterer Garten, eine weitere Reihe von Gräbern. Und dahinter noch eine, und noch eine, und noch eine. Hinter jedem Zaun ein weiteres Feld von Blumen, Erinnerungen an etwas, was längst nicht mehr war, was selbst er nicht mehr hätte benennen können, weil es so lange schon vergangen war, nur noch ein vergänglicher Hauch in der Welt, der verklingende Hall eines Kinderlachens. Es gab kein traurigeres Lied als dieses.

Er sank in die Knie, wollte weinen und konnte es nicht. Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid.

Der Morast zog an ihm, liess ihn einsinken im schlammigen Ufer des Teichs. Die Wasseroberfläche war so glatt, dass sich die Bäume darin spiegelten, als wäre dort eine zweite Welt. Es war still, viel zu still. Als wäre jedes Geräusch gestorben. Die Stille schmerzte in seinen Ohren, umklammerte sein Herz, bis es aufhörte zu schlagen, genau so reglos wurde wie das Wasser, die Blätter, die Luft.

Die Hexe stand auf einem Stein. „Sieh hin."

Er wollte nicht. Er hatte es doch gesagt. Hatte sich daran erinnert.

„Sieh hin!"

Sein Kopf bewegte sich von selbst, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Was er sah, war nicht, was er erwartet hatte. Da war die Spiegelung. Aber sie war nicht perfekt. Irgendetwas daran war anders, als hätte sich eine Seite verändert, und die andere nicht, aber er konnte nicht sagen, was es war. Dann brach das Bild auf, er sah hindurch, hinunter in die endlose, dunkle Tiefe, und plötzlich gab der Schlamm nach, er stürzte durch die Oberfläche, atmete Wasser.

Dann lag er am Grund. Luftblasen stiegen auf, weit über ihm schimmerte das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche. Irgendetwas an dem Bild schmeckte nach Erinnerung, als müsste er es bereits kennen. Es war ruhig. Er konnte die Augen schliessen und vergessen, einfach schlafen, und Jahre würden vorbeiziehen, ohne dass sich etwas änderte.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt