„Kommst du mit?" Jaz warf sich seinen Umhang um die Schultern.
„Wohin?", fragte Falrey, während er das Abendessen mit einem Schluck Wasser hinunterspülte.
„In den Fuchs."
Falrey nickte und räumte die Teller auf die Anrichte, bevor er nach seinem eigenen Mantel griff.
Jaz wartete an der Tür auf ihn. Es war längst dunkel, als sie in die Gasse hinaustraten und Falrey wurde bewusst, dass es nicht mehr lange dauern konnte bis zur Wintersonnwende. Wie viele Tage es genau waren, konnte er nicht sagen, er hatte irgendwann den Zähler aus dem Kopf verloren. Zwischen zehn und zwanzig vermutlich. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit jemanden zu fragen.
Der Wind strich die Gasse entlang und es schien ihm kühler als an den letzten Abenden. Er zog die Bändel seines Umhanges enger, damit sich der Stoff wirklich schloss um den Hals. Über anderthalb Jahre war er nun in Niramun. Irgendetwas daran war erschreckend, obwohl er nicht einmal sagen konnte, ob es länger war, als er erwartet hätte, oder kürzer. Es war nur ein seltsamer Gedanke. Dass er anderthalb Jahre hier verbracht hatte, hier unten in diesem Krater, ohne sich jemals daraus wegzubewegen. Und das, nachdem er binnen Monaten die halbe Welt durchquert hatte.
Er war sich nicht sicher warum, aber irgendwie machte ihm der Gedanke Angst, auf eine Art, die zu schwach war, als dass er das Gefühl wirklich hätte greifen können, aber dennoch irgendwo am Grund seines Magens trieb, als Unbehagen, das sich jedes Mal meldete, wenn er daran dachte. An die steinernen Mauern, die Niramun umgaben. An die Wüste dahinter. An den Horizont, so unerreichbar weit oben. An die Pfade, die er zurückgelegt hatte, vom Rand bis zum Pfeiler, von Ost nach West, Linien, die sich kreuzten, die selben Punkte wieder aufsuchten, anders abbogen, aber den Kreis niemals verliessen, wie die Wurzeln einer Topfpflanze, die sich krümmten und wanden und es doch niemals schafften, ihr tönernes Gefängnis zu durchbrechen. Für die es keine Welt jenseits davon gab.
Sie tranken in einer unscheinbaren Schenke schweigend ein Bier, bevor sie sich auf den Weg in den Fuchs machten. Falrey fragte sich, ob Jaz wirklich einen neuen Auftrag brauchte – Umairat hatte gut gezahlt, wenn vielleicht auch nicht gemessen daran, was für eine halsbrecherische Aktion es gewesen war – aber vermutlich ging es nicht nur darum. Jaz wollte zeigen, dass er da war. Umairat oder jedem anderen, der aus irgendeinem Grund daran zweifeln mochte. Gesehen zu werden war ein Spielzug.
Von dem Moment an, in dem sie den Roten Fuchs betraten, spürte Falrey, dass etwas anders war als sonst. Eine leichte Unruhe lag in der Luft und die Blicke, die sich wie immer, wenn er das Lokal betrat, auf Jaz richteten, hafteten länger an ihm als sonst, während er zwischen den Tischen hindurch auf die Theke zuging.
Falrey nutzte aus, dass er selbst kaum bemerkt wurde, blickte in die Gesichter, die Jaz folgten. Er sah darin die übliche misstrauische Vorsicht und den widerwilligen Respekt, den weniger gewalttätige Mitglieder der Schatten einem Jäger von seinem Ruf entgegenbrachten, aber auch offenes Unbehagen, als fragte sich mehr als einer, ob Jaz Auftauchen nicht ein Grund war, die Schenke unauffällig zu verlassen, bevor es Ärger gab.
Alarmiert liess Falrey seinen Blick über die übrigen Anwesenden flackern, doch er entdeckte niemanden, der aussah, als wäre er Teil eines Hinterhalts. Was nichts heissen musste. Er fragte sich, ob er Jaz warnen sollte, verschob es aber auf einen Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr in der Mitte des Raumes standen.
Falls Jaz selbst etwas von der veränderten Atmosphäre bemerkte, liess er es auf jeden Fall nicht anmerken, er trat wie immer an den Tresen und bestellte Bier. Als Ossna ihm den Krug zuschob, murmelte er kaum hörbar: „Gerüchte gehen um. Man sagt, du hast Bakka getötet."
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
