Er schlief schlecht, schreckte immer wieder auf, lauschte auf Jaz Atem, schloss die Augen erst wieder, wenn er ihn gehört hatte. Nachdem die Sonne aufgegangen war, wurde es etwas besser, trotzdem war es noch nicht Mittag, als er aufgab, länger schlafen zu wollen. Er stand auf, ass etwas und kehrte zurück nach oben, setzte sich auf seine Matratze, um zu warten.
Die Angst umklammerte ihn immer noch wie eine eisige Hand. Er musste Jaz irgendwie darauf ansprechen, auf die Schnitte, darauf, was er vielleicht vorhatte, aber er wusste nicht, wie. Genau genommen war er sich ziemlich sicher, dass er es nicht fertig bringen würde, und er hasste sich dafür. Er konnte Jaz nicht sagen, dass er sich nicht umbringen durfte, egal was passierte, es war nicht fair, jemanden dazu zu bringen, nur aus Pflichtgefühl weiterzuleben. Aber er konnte auch nicht einfach so tun, als wäre es egal, als hätte er nichts kapiert, immer noch nicht. Einfach wegsehen, wie Emila.
Jaz ging es beschissen. Er mochte den Eindruck erwecken, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können, wenn es sein musste, sogar mit Tersavell oder Umairat, aber in Wahrheit war er nur einen Fingerbreit davon entfernt, endgültig zu zerbrechen unter seiner eigenen Last, für immer aufzugeben. Und Falrey konnte ihm nicht helfen. Er schaffte es noch nicht einmal vernünftig darüber nachzudenken, es tat viel zu weh.
Er erinnerte sich daran, was er einmal zu Emila gesagt hatte. Ich habe vor kaum mehr als einem Jahr meine Mutter begraben. Ich will nicht schon wieder jemanden verlieren, der mir etwas bedeutet. Und genau das war, worauf es am Ende hinauslaufen würde. Jaz glitt ihm durch die Finger, und er konnte nichts dagegen tun, war dazu verdammt, hilflos zuzusehen, genau wie er es bei ihr gewesen war.
Der Gedanke trieb ein Schluchzen in seine Kehle und Tränen in die Augen. Wütend wischte er sie weg. Jaz sollte ihn nicht weinen sehen. Nicht schon wieder.
Als Jaz schliesslich erwachte, war das erste, was er tat, panisch über die Matratze zu tasten auf der Suche nach seinem Dolch, bis er ihn an der Hüfte fand und sich ächzend auf die Seite rollte. Sein Blick begegnete Falreys und er versuchte sich aufzusetzen, kreideweiss im Gesicht, hielt auf halbem Weg inne, die Augen zusammengekniffen, gab ein ersticktes Würgen von sich.
„Gehts?", fragte Falrey.
Jaz verharrte mehrere Atemzüge, Falrey hörte, wie er die Luft einsog und wieder ausstiess, dann nickte er und richtete sich ganz auf. Er sagte nichts, sass nur reglos da und Falrey sah ihm an, dass er sich anstrengen musste, um sich nicht zu übergeben.
Er rang nach Worten und fand sie nicht. Schliesslich sagte er plump: „Du solltest aufhören damit. Es jedes Mal zu übertreiben. Das ist gefährlich."
Jaz antwortete heiser, mit den letzten Worten, die Falrey hören wollte: „Ich werd eh nicht alt."
Falrey stand auf. Er ertrug es nicht, mit Jaz in einem Raum zu sein, ihn so am Ende zu sehen, daran zu denken, dass er sterben würde, auch wenn er sich abgrundtief scheisse fühlte dafür zu gehen, schwach, erbärmlich.
„Ich geh zu Mira", sagte er.
Jaz nickte nur.
Mira merkte, dass etwas nicht stimmte, aber auf ihre sehr allgemein gestellte Frage hin schüttelte er nur den Kopf und sie liess es dabei bewenden. Sie brachte ihm mehr über Knochenbrüche bei, darüber, wie man angebrochene Rippen ertasten konnte, was es zu tun galt. Der Arbeiter litt noch immer Schmerzen, die Wunde war rot und wirkte entzündet, als sie den Verband wechselten. Als Falrey später noch einmal nach ihm sah, hatte er Fieber. Mira reinigte die Verletzung, gab ihm Tee gegen die Entzündung und zur Beruhigung, dann zogen sie sich zurück in die Küche.
DU LIEST GERADE
Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
