Mehrere Zeiten später sassen sie auf einem Vordach, zumindest halb vor dem Regen geschützt durch einen Balkon im Stock darüber. Jaz hatte sich in seinen triefend nassen Mantel gewickelt, Falrey zitterte leicht vor Kälte, aber um nichts hätte er hineingehen wollen.
Es stürmte noch immer, der Regen wurde in böigen Schwaden über den verlassenen Platz getrieben, das Prasseln übertönte manchmal selbst den Donner, hoch oben flackerten die Wolken, wo sich die Spitze des Pfeilers darin verbarg. Die Luft war so feucht, dass ihr Atem kleine Wolken darin hinterliess, wie er es sonst nur im Winter tat. Falrey war kalt, aber er fühlte sich sauberer als nach jedem Besuch im Badehaus mit Seife und heissem Wasser. Nicht äusserlich, sondern innerlich. Als hätte der Regen zumindest für den Moment alles fortgewaschen, nicht nur den Staub, den Schweiss, sondern auch die Erinnerungen, alles, was in den vergangenen anderthalb Jahren geschehen war. Die Kleider klebten ihm auf der Haut, und darunter floss sein Blut kühl und klar, seine Gedanken so ruhig wie nicht mehr seit... er wusste nicht einmal seit wann.
Es war ein seltsamer Gegensatz. Um sie tobte der Sturm, es regnete in Strömen, Blitze überspannten den Krater. Es war eines der wildesten Wetter, die er jemals gesehen hatte, das einzige, was ihm gleichkam, vielleicht manche Winterstürme in den Wäldern, wenn der Wind von den Bergen binnen einer Nacht so viel Schnee gebracht hatte, dass er aus dem Dachbodenfenster geklettert war, um die Türe erst von aussen freizuschaufeln, bevor man sie gefahrlos öffnen konnte. Aber in ihm war es still. Als hätte irgendetwas in seiner Brust beschlossen, dass es nicht mehr schreien musste, weil Wind und Donner das jetzt übernahmen.
In diesem Regen fühlte er sich, als bräuchte er niemand mehr zu sein. Als könnte er einfach existieren, und als wäre es genug. Kein Kampf mehr, weder gegen die Welt noch gegen sich selbst, keine Zeit, die ihm davonlief.
Er streckte die Hand hinaus in den Regen, liess die Tropfen über seine Finger rinnen, wie Tränen, nur so viel stärker, klarer. Er spürte die Kraft in diesem Regen, diesem Gewitter, das hunderte von Meilen an Wüste überquert haben musste, um von Süden her hierher zu gelangen, die Zeitlosigkeit, die es mit sich trug. Unter diesen Wolken war die Welt eine andere.
Falrey fragte sich, ob das für Regen grundsätzlich galt. Ob die Welten in den Wäldern, wo es so viel öfter geregnet hatte, nicht nur viel näher beieinander lagen. Aber der Wald war ohnehin ein so viel seltsamerer Ort gewesen als Niramun. Als wäre er selbst bereits eine Schwelle zu einer anderen Welt, einer, die nicht mehr menschlich war, die anderen Gesetzen gehorchte. Sie hatten ihn einen Wechselbalg genannt, weil er beide durchwandert hatte, keine Angst davor gehabt, die Grenze zu überschreiten, überhaupt nie wirklich darüber nachgedacht.
Niramun hingegen hatte zwar seine Quartiere, Kreise, Gesellschaften, die sich überschnitten wie Spielfeder unterschiedlicher Musterung, aber alles davon war menschgemacht, eine einzige Welt voller fester Strukturen, gerader Linien, ohne jede Unschärfe, ohne traumhafte Irrationalität. Aber heute, im Regen, im Sturm, hatte sich eine Schwelle aufgetan. Und sie, Jaz und er, waren die Wechselbälger, die sie furchtlos überschritten, während sich alle anderen in ihren Häusern verbarrikadierten. Bastarde, für die die Regeln der Welt nicht galten, weil sie ohnehin nie hineingepasst hatten.
„Und, bereust du, aufgestanden zu sein?", fragte Jaz, gerade laut genug, um das Prasseln zu übertönen.
„Scheisse nein", erwiderte Falrey grinsend.
Einige Atemzüge schwiegen sie beide, dann fragte Jaz: „Ist Regen immer so, da wo du herkommst?"
„Nein", antwortete Falrey kopfschüttelnd. „Ich meine, es gibt Gewitter, aber sie sind nicht so heftig, nicht für so lange."
Jaz lachte. „Das waren doch erst ein paar Zeiten."
Falrey hob eine Augenbraue. „Wie lange dauert das denn normalerweise?"
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasiEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
