„Bist du verkatert oder noch betrunken?"
„Was?" Falrey hob den Kopf, blickte auf von Faden und Nadelöhr und sah Mira gross an.
„Du schwingst eine ordentliche Fahne."
Er merkte, wie er rot anlief. „Tut mir leid..."
Er war direkt von Seniah hergekommen und fühlte sich nicht wirklich ganz auf der Höhe, obwohl es besser war, seit er etwas gegessen hatte.
„Was tut dir leid?" Mira wirkte fast belustigt.
Er dachte einen Moment nach. „Dass ich mich betrinke, obwohl ich es besser wissen müsste?" Er schämte sich fast noch mehr dafür, wenn er es so aussprach, zumindest vor Mira. „Ich meine, du bringst mir hier etwa bei, wie man einen Körper gesund hält, ich weiss, wie ungesund das alles ist, und trotzdem... Überhaupt, dass ich mich abschiesse, anstatt darauf zu achten, dass ich wirklich beisammen bin, wenn ich herkomme, obwohl du dir freiwillig Mühe machst meinetwegen und..."
„Falrey, du bist nicht verpflichtet herzukommen", unterbrach ihn Mira. „Niemand erwartet das von dir. Wenn du es tust, obwohl du verkatert bist, zeigt das gerade dass es dir ernst damit ist." Sie lächelte amüsiert. „Und die Gesundheit des Körpers ist wichtig, aber man muss sich nicht alles verbieten dafür. Das richtige Mass ist, worauf es ankommt." Mit einem Zwinkern fügte sie hinzu: „Glaub mir, du wärst auch nicht der erste Medizinstudent, der betrunken zum Unterricht auftaucht."
Falrey erwiderte nichts. Er wusste, dass es zu viel gewesen war gestern.
Seniah hatte glücklicherweise keinen Aufstand gemacht wegen des Bechers – sowieso nicht mehr, nachdem er sofort versichert hatte, ihn zu bezahlen – sondern nur gesagt, er solle sich einen neuen nehmen. Was er getan hatte. Danach war ihm schlecht geworden und er hatte eine halbe Zeit unten auf der Latrine verbracht, weil er sich nicht sicher gewesen war, ob er sich nicht gleich übergeben würde. Als er schliesslich zurückgekommen war, hatte Seniah bereits geschlafen, Jaz hatte auf dem Balkon geraucht. Falrey erinnerte sich daran, dass er sich zu ihm gesellt hatte, ihn zugeredet, sich für irgendetwas entschuldigt, wusste aber nicht mehr für was, nur dass es etwas mit dem Abend zu tun gehabt hatte.
Er rieb sich über die Stirn. Es war ein dummes Gefühl, nicht zu wissen, ob man nicht etwas komplett Bescheuertes gesagt hatte, etwas, wegen dem Jaz jetzt womöglich sauer auf ihn war, auch wenn er es nicht gezeigt hatte, oder – er wusste auch nicht. Er hätte weniger trinken sollen. Aber es hatte sich gut angefühlt. Zumindest bis ihm übel geworden war.
Als er Miras Laden irgendwann nach Ore verliess und sich auf den Weg zum Roten Fuchs machte, hing der vergangene Abend immer noch in seinen Gedanken, versuchte sich einzusortieren und verstanden zu werden. Er begriff, dass er Seniah in dem Moment, als sie am Boden gekauert war, vielleicht tatsächlich näher gewesen war als Jaz. Nicht nur, weil er es gewesen war, der sie in den Arm genommen hatte, sondern weil er sie eher verstanden hatte. Sie hatten beide etwas verloren, Menschen, die ihnen wichtig, eine Zeit, die gut gewesen war, und die nie wiederkehren würde. Jaz nicht. Sein Leben war schon immer beschissen gewesen. Auf der einen Seite war das schrecklich, aber es bedeutete auch, dass er diese Art des Schmerzes, diesen Verlust vermutlich nicht kannte. Er hatte nichts zu beweinen, wie er es selbst einmal gesagt hatte.
Irgendwie hatten Jaz, Seniah und er selbst alle etwas gemeinsam, aber nicht dasselbe. Jaz und Seniah verband, dass die Welt grausam zu ihnen gewesen war, in einem Mass, das weit über die Abneigung von Leuten hinausging, sie zerbrochen hatte, zu so feinen Scherben, dass man sie wahrscheinlich nie wieder zu einem heilen Ganzen zusammensetzen konnte. Bei Seniah und ihm war es diese Trauer um eine Vergangenheit, die für immer fort war. Und Jaz und er – er war sich nicht sicher. Es war schwerer zu fassen. Dass wir beide wissen, warum es manchmal sogar gut tut, verprügelt zu werden, dachte er. Er bezweifelte, dass Seniah das hatte. Sie war nicht wütend. Sie wollte nur, dass es aufhörte, wehzutun.
DU LIEST GERADE
Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasíaEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
