Falrey sass noch mindestens eine halbe Zeit lang auf dem Bett, nachdem Jaz gegangen war, das Buch auf den Knien, ohne es noch einmal aufzuschlagen. Er fragte sich, warum er es nicht fertig brachte, das Thema anzusprechen. Verdammt, dass es für Jaz schwer war, machte Sinn, aber doch nicht für ihn! Für ihn war es nur eine Geschichte, die Mira ihm erzählt hatte, aus zweiter Hand und so abgekürzt, dass er sogar Mühe hatte, sie zu fassen. Wenn er ehrlich war, scheiterte er daran, sich vorzustellen, wie es sich für Jaz anfühlte. Geschweige denn, wie es damals gewesen war. Die Fakten – sie hatten Jaz gefoltert und fast umgebracht, als er noch keine zehn gewesen war – war so weit von allem entfernt, was er selbst als Kind erlebt hatte, dass er keine Tür am Rande seiner eigenen Erfahrungen fand, die aufzustossen ihm einen Einblick gegeben hätte.
Es betraf ihn so wenig, dass er ihm hätte nüchtern gegenüberstehen müssen. Aber einen Viertel der Zeit traute er sich nicht, Jaz darauf anzusprechen, und den Rest über vergass er es komplett. Vielleicht, weil es sich so selten wirklich in Jaz Verhalten zeigte. Die meiste Zeit über war er so ruhig, überlegt, reagierte auf vieles, was in anderen blanke Panik ausgelöste hatte, beinahe gelassen. Es mochten Hass und der unterdrückte Hunger nach Rache gewesen sein, die ihn so weit gebracht hatten, aber sie bestimmten selten direkt sein Handeln. Nur manchmal blitzte all das durch. Wenn er betrunken war. Wenn jemand es schaffte, ihn wirklich zu provozieren, mit etwas, was für andere eine Nichtigkeit gewesen wäre. Manchmal, wenn sie alleine auf den Dächern sassen. Und in diesen Momenten wirkte er so zerbrochen, dass Falrey ihm nicht noch mehr antun wollte. Noch mehr alte Wunden aufreissen, indem er ihn nach etwas fragte, was so schlimm gewesen war, dass Rosh zu treffen und daran erinnert zu werden, ihn so zerfetzt hatte, dass er wochenlang nicht mehr er selbst gewesen war. Dass er sogar zu Dampfer gegriffen hätte, damit es aufhörte.
Jaz hatte weggesteckt, Poss umzubringen. Oder zumindest tat er so. Falrey hatte keine Ahnung, wie er das überhaupt schaffte, aber er wusste auch, dass er sich nicht darauf verlassen konnte, dass Jaz immer klar kam, auch wenn er es sich noch so gerne eingeredet hätte, die Augen vor der Wahrheit verschlossen, weil es ihm Angst machte.
Jaz war im Sur. mal abgesehen davon, dass das bedeutete, dass er spätestens in ein paar Tagen wieder bewusstlos am Küchenboden liegen würde, weil er sich beinahe zu Tode gesoffen hatte, hiess es vermutlich auch, dass er auf der Jagd war. Nach dem fünften Schnitt von sechs. Falrey hatte das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief, wie Sand, der ihm durch die Finger rann. Er musste mit ihm darüber reden, ihn fragen, was er vorhatte. Ihn davon abhalten, sich umzubringen, irgendwie, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte, ohne dass es noch grausamer war als ihm den Tod zu lassen.
Poss hatte sterben wollen. Und Falrey verstand es. Er verstand, warum es fair von Jaz gewesen war, ihn umzubringen, schlimmer gewesen wäre, es ihm zu verweigern. Selbst wenn er Poss gemocht hatte, selbst wenn er ihn trotz allem was er getan hatte, lieber am Leben gesehen hätte, weil er letzten Endes auch nur ein Opfer war und sie auf der gleichen Seite standen, gegen einen Feind, der sie versuchte gegeneinander auszuspielen.
Aber er konnte Jaz nicht auf dieselbe Weise betrachten. Vielleicht, weil er zu sehr an ihm hing. Vielleicht, weil er wirklich daran glaubte, dass Jaz noch eine Chance hatte. Er war sich nicht sicher. Er wusste nur, dass er ihm helfen musste.
Aber wie sprach man jemanden auf etwas an, von dem man wusste – oder zumindest ahnte – dass er sich nicht einmal daran erinnern wollte? Ohne ihm unnötig wehzutun? Ohne dass er einfach davonlief oder einem die Nase brach?
Falrey wusste, wie er selber reagiert hatte, als Sovi ihn nach der Zahnlücke gefragt hatte, und eigentlich war das einzige, was ihn daran so wütend gemacht hatte, dass er sich in die Ecke getrieben fühlte, weil er nicht Lügen wollte und die Wahrheit nicht sagen durfte. Es war keine Erinnerung, die ihm Angst machte, auch wenn er sie ungern im Detail hervorholte.
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
