Der Montagmorgen kommt schneller als erhofft. Jedoch verläuft dieser Schultag nicht so, wie ich es mir in meinem Kopf bereits ausgemalt habe. Zwar ernten wir von Herr Maier den ein oder anderen skeptischen Blick, von komischen Kommentaren bleiben wir aber Gottseidank verschont.
Zu meinem Glück ist es heute auch sehr ruhig im Klassenzimmer, denn Max, Daniel, Kristin und Natalie sind allesamt nicht anwesend. „Sind bestimmt noch ganz high von der Chemie“, kommentiert Luke das Fehlen unserer Mitschüler. Jedoch sagt er die Worte leise, sodass nur ich sie hören kann. Das sie heute nicht da sind ist mir mehr als recht.
Zwar habe ich Luke wieder an meiner Seite, jedoch bin ich einfach froh mal für einen Tag keinen dummen Kommentar ertragen zu müssen.
Die Kopfschmerzen sind schon schwächer geworden, jedoch sorgen sie immer wieder dafür das meine Teilnahme am Unterricht etwas bescheiden erfolgt. Doch auch das bleibt von unseren Lehrern Gottseidank bis zur letzten Schulstunde unkommentiert.
Lediglich in der letzten Stunde, in der Frau Stein uns Physik unterrichtet werde ich einmal angesprochen. „Amalia! Möchtest du Tim’s Worte nochmal wiederholen?“, verlangt sie mit einem strengen Unterton, hat dabei die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ehm..also..“, verschlafen richte ich mich auf, blinzle in ihre Richtung. Um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, um was es gerade geht. Ich will einfach nur noch schlafen!
Unsicher schüttle ich meinen Kopf und blicke zu Luke, der teilnahmslos dasitzt und sein Blick auf sein Handy gerichtet hat. Er hält es wie so oft mal wieder unter der Schulbank und tippt darauf rum. „Luke?! Vielleicht können Sie ihrer Banknachbarin auf die Sprünge helfen?“
Luke scheint die an ihn gerichteten Worte von Frau Stein nicht zu bemerken. „Herr Montero!!“, kommt es genervt von ihr, als sie mit ihren hohen Absätzen auf uns zuläuft.
„Luke..“, flüstere ich ihm zu, stupse ihn mit meinem Bein an. „Mh?“, kommt es gelangweilt von ihn. Als er den Blick nach oben richtet steht Frau Stein bereits vor uns und streckt ihm ihre Hand entgegen.
„Her damit!“ Mit dem Blick auf sein Handy gerichtet funkelt sie ihn böse an. Luke hingegen zieht nur fragend eine Augenbraue nach oben „Was?“ „Ihr Telefon! Ich glaube nicht, dass ich das groß erklären muss. Geben sie es mir.“, giftet Frau Stein ihn an.
„Tzz, das können Sie vergessen!“, siegessicher grinsend lässt er das Handy in seiner Hosentasche verschwinden, dann verschränkt er die arme vor der Brust. „Glauben Sie, sie haben eine Wahl? Muss ich Sie erst zur Schulleitung schicken oder ihren Vater anrufen, damit sie es verstehen??“
Mein Blick huscht unsicher zwischen den beiden hin und her. Man kann die hitzige Luft zwischen ihnen deutlich spüren. Sie legt sich wie ein schweres Band in den Raum.
Zu unserer aller Glück wird diese Unterhaltung vom Schulgong erlöst, welcher den Unterricht für heute beendet. Sowohl Luke und ich als auch die anderen packen ihre Sachen ein. Nach und nach verlassen die Schüler den Raum, so auch ich gefolgt von Luke.
„Wir sind noch nicht fertig! Den Unterricht beende immer noch ich!“ ruft sie sowohl uns als auch den anderen aggressiv hinterher. „Das sehe ich anders!“, antwortet Luke ihr selbstsicher und schultert dabei seinen schwarzen Rucksack. „Luke Montero, SIE bleiben hier!!“
„Los komm.“, grinsend greift Luke nach meiner Hand und zieht mich hinter sich her aus dem Schuldgebäude. Ich bin immer wieder überrascht von seinem Selbstbewusstsein. Denn ich würde mich definitiv niemals trauen auf diese Art und Weise mit meinen Lehrern zu reden.
„Du kannst ganz schön böse sein.“, kommentiere ich sein Verhalten von eben und schmiege mich an seine Seite, während Luke den Arm um meine Schulter legt. „Ach, die Frau ist einfach nur untervögelt“, antwortet er mir lachend und drückt mir einen Kuss auf die Wange, woraufhin ich ihn geschockt anschaue. „Woher willst du das wissen?“, frage ich grinsend, bin immer noch von seiner anrüchigen Art, über unsere Lehrerin zu urteilen, baff. „Ein anderer Grund fällt mir nicht ein“, antwortet er keck und fährt sich dabei locker mit der Hand durch seine Haare. „Vielleicht bist du auch einfach ein unverschämter Schüler“, sage ich und kann mir dabei ein freches Grinsen nicht verkneifen.
Als wir kurz vor unserem Haus sind, sehe ich Tamaras Auto schon in der Einfahrt stehen. Sie ist also schon wieder zurück. „Das Auto deiner Schwester, oder?“, kommt es von meinem Nebenmann. „Ganz genau.“, antworte ich ihm lächelnd, greife nach seiner Hand und stelle mich vor ihn.
„Du kommst noch mit rein, oder?“, frage ich ihn mit großen Augen und stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Bei seiner Größe jedoch reicht nicht einmal das aus, doch Luke versteht meine Gestik, beugt sich im nächsten Moment herunter um seine Lippen mit meinen zu versiegeln. „Natürlich, wenn du das möchtest.“, antwortet er mir und umfasst mein Gesicht mit beiden Händen.
Eifrig nicke ich, gebe ihm erneut einen Kuss und schlinge die Arme um seinen Nacken. „Ich würde mich freuen. Tamara freut sich bestimmt auch, dich zu sehen.“
„Weiß sie, also..von uns?“, fragend zieht er eine Augenbraue hoch. Was auch immer wir sind, so genau habe ich es Tamara nicht beschrieben. Um genau zu sein weiß ich selbst nicht, was das zwischen uns ist. Sind wir zusammen? Ich glaube nicht, denn das hätte man ja irgendwie bekannt gemacht, oder? Fragt man da nicht sowas wie Willst du mit mir zusammen sein? Ich glaube schon, wenn man den ganzen Schnulzen Glauben schenken darf.
Was das auch mit Luke ist, es soll einfach nicht enden. Die Vorstellung mit ihm zusammen zu sein wäre ungewohnt. Dabei ist es eigentlich genau das, was ich möchte. Glaube ich. Er wäre mein erster Freund.
„Ich habe ihr erzählt, das wir uns geküsst haben. Mehr nicht.“, beantworte ich ihm seine Frage, blinzle verträumt in seine Augen.
„Okay. Dann muss ich in ihrer Anwesenheit also nicht absichtlich auf Abstand gehen?“, entgegnet er grinsend während ich mich wieder einmal in dem Rehbraun seiner Augen verliere.
„Das wird nicht nötig sein.“, lächle ich, gebe ihm erneut einen sanften Kuss und ergreife dann seine Hand, laufe mit ihm die letzten Schritte bis zu unserer Haustür.
Luke fährt sich noch einmal mit der Hand durch seine Haare, was ich mit einem Lachen kommentiere. „Du siehst gut aus.“, versichere ich ihm und ehe er mir meine Verlegenheit ansehen kann schließe ich die Tür auf und gehe mit Luke rein.
„Amalia?“, kommt aus der Küche und nicht nur Tamara’s Stimme kommt uns entgegen sondern auch der süßliche Geruch von frischen Pancakes! Endlich kehrt wieder etwas Leben in unser Haus ein! Das habe ich so vermisst! Tamara war nur eine Woche weg, aber es fühlte sich viel länger an. Wie eine Ewigkeit.
„Komm..“, lächelnd ziehe ich Luke hinter mir her in die Küche. Dort finden wir Tamara die gerade einen Pfannkuchen auf einen Teller legt. Als sie uns sieht, verformen sich ihre Lippen automatisch zu einem breiten Lächeln. „Amalia! Schatz!“, grinsend breitet sie ihre Arme aus und kommt auf mich zugelaufen.
Augenblicklich füllen meine Augen sich mit Tränen, verschleiern meine Sicht. Ich lege meinen Rucksack ab, laufe in eiligen Schritten auf sie zu und werfe mich überschwänglich in ihre Arme. „Ich hab dich so vermisst!“, nuschel ich an ihr Ohr, schniefe einmal. „Ich dich auch Schwesterherz!“ Für einen kurzen Moment genießen wir uns und die Stille um uns.
„Komm, lass dich ansehen!“ Sie schiebt mich ein Stück von sich, lässt ihren Blick musternd einmal von oben nach unten über mich wandern. „Wie geht’s dir? Bist du okay? Ich hoffe es ist nichts passiert, als ich weg war?“ Sie legt einen Finger an mein Kinn, begutachtet auch mein Gesicht eindringlich. Bis auf meine tränenden Augen findet sie dort zu meinem Glück aber nichts.
Die Wunde an meinem Hinterkopf ist das einzige, woran man mir den Vorfall im Club noch ansieht. Jedoch wird sie gut von meinen Haaren bedeckt und Tamara bemerkt nichts.
„Mir geht’s gut, wirklich! Und dir, Tammy? Wie wars bei Selina?“, erkundige ich mich, mustere sie eindringlich. Sie sieht gut aus. Erholt, besser. Die Woche bei Selina muss ihr gut getan haben.
„Es war wirklich schön. Wir haben viel geredet. Das hat mir wirklich sehr geholfen. Und wie wars bei euch? Hey“, begrüßt sie Luke und schenkt ihm ein freundliches Lächeln.
Das ich Luke fast eine Woche lang nicht gesehen habe erwähne ich lieber nicht. Auch nicht, wie schlecht es mir ging als ich alleine hier war. „Es war sehr schön“, beantworte ich ihre Frage und lächle über meine Schulter zu Luke. Er begrüß Tamara mit einem freundlichen „Hi“.
„Das freut mich wirklich! Setzt euch doch, ich habe Pancakes gemacht!“ Ohne zu zögern setze ich mich an den Tisch. Luke wirft mir einen fragenden Blick zu, welchen ich mit einem Nicken quittiere. Im nächsten Moment legt er seinen Rucksack ab und setzt sich neben mich.
Mit strahlendem Gesicht ergreife ich Luke’s Hand und drücke sie sanft. Blicke verträumt zu ihm. Gebe ihm noch einen flüchtigen Kuss, bevor Tamara sich mit dem vollgepackten Teller zu uns gesellt und die Pancakes in der Mitte des Tisches abstellt.
„Ihr seid ja süß..“, kommentiert sie unseren Kuss worauf ich mich wieder von Luke löse und spüre, wie mir die Wärme in die Wangen steigt. Ich schaue zu Tamara, die uns beide nur angrinst während sie die Pfannkuchen auf unseren Tellern verteilt.
Während wir essen bemerke ich, wie Tamara Luke ab und zu neugierig mustert. Ihr gehen einige Fragen durch den Kopf, das kann ich ihr ansehen.
„Du wohnst also mit deinem Vater zusammen?“ „Ja genau“, antwortet Luke ihr. „Und deine Mutter?“ Ich wusste, das diese Frage kommen würde. Jedoch hatte ich gehofft, meine Schwester würde nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen.
Augenblicklich höre ich auf zu kauen und lege meine Hand unter dem Tisch auf Luke’s Oberschenkel. „Sie lebt nicht mehr.“ Er schluckt die Traurigkeit mit einem Stück Pancake herunter und ich sehe ihm an das alleine der Gedanke an seine Mutter ihm zusetzt. „Oh..das tu-„ „Schon okay. Aber ich rede nicht gerne darüber.“, unterbricht Luke meine Schwester, woraufhin diese kurz verstimmt ihre Augenbrauen zusammenzieht.
Dann herrscht Stille. „Was arbeitet dein Vater denn?“ Mit dieser Frage versucht Tamara das Thema zu wechseln und die verfestigte Stimmung wieder etwas zu lockern. „Er ist Ingenieur im Elektrobau. Was arbeitest du?“ „Wow, das klingt interessant! Ich bin Arzthelferin in einer kleinen Tierarztpraxis.“, beantwortet sie Luke’s Frage.
„Und da habt ihr kein Haustier? Das würde sich doch anbieten, oder?“, lächelnd schaut Luke zwischen uns beiden hin und her. Luke scheint die Gedanken an seine Mutter wieder auf Seite geschoben zu haben denn das Lächeln, das er uns schenkt wirkt ehrlich, aufrichtig.
Ich mache große Augen und beginne zu grinsen. „Ich wollte schon immer eine Katze!“, quietsche ich, schaue Tamara flehend an. „Jetzt fang nicht damit wieder an! Und wer füttert sie, pflegt sie und macht das Katzenklo sauber? Ich, genau!“ Tamara war gegen ein Haustier. Immer wieder fing ich davon an und immer drehten wir uns dabei im Kreis. Das Tamara neben ihrem Vollzeitjob keine großen Nerven mehr für ein Haustier hatte war verständlich, aber ich bin doch auch noch hier! Ich kann mich doch um das kleine Lebewesen kümmern!
Seufzend, ohne Wiederrede nehme ich einen Schluck von meinem Tee. Diesmal ist Luke es, der meine Hand unter dem Tisch ergreift und mir ein sanftes Lächeln schenkt.
„Danke, dass Amalia bei euch unterkommen durfte. Richte deinem Vater gerne vielen Dank und liebe Grüße von mir aus!“ „Kein Thema, das habe ich gerne gemacht. Beziehungsweise wir.“ Luke lächelt uns beide warmherzig an, dann legt er die Finger an mein Kinn und macht eine wischende Bewegung „Du hast da was..“ Im nächsten Moment liegen seine Lippen auf meinen.
Ein Sturm aus Glücksgefühlen zieht durch mich hindurch. Für einen kurzen Moment vergesse ich sogar, dass wir nicht alleine sind. Wortlos steht Tamara auf und beginnt den Tisch Stück für Stück abzuräumen.
Kurzerhand löse ich mich wieder von Luke und helfe Tamara beim Abräumen. „Darf ich euch was helfen, Mädels?“ kommt es von Luke, der noch am Tisch sitzt. „Nicht nötig, aber danke“
Als wir soweit alles aufgeräumt haben nehme ich meinen Rucksack und schaue zu Luke, der gerade etwas auf seinem Handy tippt. „Kommst du noch mit hoch?“ frage ich ihn und reiche ihm bereits seine Tasche. „Gerne“ lächelnd steht er auf und nimmt mir den Rucksack ab. „Danke für das Essen. War wirklich lecker!“, lobt er Tamara und kommt dann auf mich zu.
„Sehr gerne, danke dir! Amalia? Er kann bis 16 Uhr bleiben. Ich habe noch ein paar Dinge mit dir zu bereden.“ Seufzend nicke ich und schiele auf die Uhr. Wir haben bereits 15 Uhr.
In meinem Zimmer angekommen schließe ich die Tür hinter uns, lege meinen Rucksack auf dem Boden ab und stelle mich vor Luke, der es sich auf dem Bett bequem gemacht hat. „Tut mir leid, dass sie dich auf deine Mom angesprochen hat.“ Entschuldigend blicke ich zu ihm herunter, fahre mit meinen Fingern durch die schwarzen Locken.
„Dafür musst du dich nicht entschuldigen. Schon okay“, lächelnd legt er die Arme um meine Beine. „Wirklich?“ hake ich nach. „Wirklich.“ Er schiebt mich in seine Richtung und bedeutet mir, mich auf seinen Schoß zu setzen. Lächelnd gehe ich seiner Bitte nach, setze mich auf ihn und lege die Arme um seine Schulter.
Sofort macht sich ein angenehmer Schauer über meinem Rücken breit. Luke ist mir so wichtig geworden. Ich kann und möchte ihn aus meinem Leben nicht mehr wegdenken. Und das, obwohl wir offiziell nicht einmal zusammen sind. Nicht einmal die drei Worte haben wir uns bisher gesagt. Dabei ist es das doch eine wichtige Voraussetzung um zusammen zu sein, oder nicht?
„Ich-.“, fange ich im nächsten Moment an, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch zum Glück schreitet mein Verstand noch rechtzeitig ein und hindert mich daran, die drei Worte auszusprechen. „Mh?“, kommt es neugierig von Luke. Shit. Ich kann es nicht sagen. Was, wenn es ihm nicht so geht? Wenn er nicht so fühlt wie ich?
„Was wolltest du sagen?, mit diesen Worten reist Luke mich aus meinen Gedanken heraus, worauf ich mich wieder voll und ganz ihm widme.Während seine Hände locker an meiner Hüfte liegen habe ich meine in seinen Nacken gelegt.
„Ich mag dich wirklich sehr“, umschreibe ich die besagten Worte und bin auf seine Reaktion gespannt. Seine Lippen verformen sich zu einem sanften Lächeln. „Amalia..“, fängt er leise an, streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und klemmt sie hinters Ohr. Ich verstehe, ihm geht es nicht so.
„Ich mag dich auch sehr. Wirklich. Aber vergiss nicht, was ich dir am Samstag gesagt habe. Wenn wir am Freitag geredet haben überdenkst du deine Worte bitte nochmal. Solltest du sie dann immer noch so meinen, kannst du sie gerne wiederholen.“, sein Blick gleicht einem entschuldigenden. Die Lippen hat er verstimmt aufeinander gepresst.
„Aber..ich meine das so.“, bekräftige ich meine Worte. Wieso zweifelt er daran, dass ich es nicht ernst meinen könnte? Was bewahrt er vor mir? Was kann so schlimm sein, dass ich meine Meinung ändern würde? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht tun werde. Vielleicht ist Luke nicht perfekt und wie er bereits sagte trägt er auch ein paar Dämonen mit sich. Wie ich. Und trotzdem ist er bei mir. Ich würde ihn doch niemals vor den Kopf stoßen, oder?
„Ich weiß nicht. Nenn mich egoistisch aber gerade genieße ich einfach nur die Zeit mit dir. Ich habe Angst, dass du mich nach unserem Gespräch nicht mehr willst. Ich wollte dir nie Hoffnungen machen, aber dafür ist es jetzt auch zu spät. Ich hab’s verkackt.“
Mit geweiteten Augen schaue ich ungläubig in sein Augenpaar. Doch bin ich auch besorgt. Warum denkt er so? Warum hat er Angst, ich würde ihn nicht mehr wollen?
„Was kann so schlimm sein, dass ich dich nicht mehr wollen würde? Luke..“ Ich lege meine Hände an seine Wangen, streiche mit meinen Fingern über den stoppeligen Bartansatz hauche ihm einen Kuss auf die Lippen. „So einiges, Amalia“, brummt er gegen meine Lippen und lässt dabei seine Hände über meinen Rücken wandern.
„Lass uns die Zeit bis Freitag noch nutzen. Ich will deine Lippen so oft es geht küssen. Vielleicht kann ich mir so das Gefühl besser merken, wenn du nicht mehr bei mir bist“, bedrückt senkt er den Blick auf meine Lippen, lässt seinen Daumen einmal darüber gleiten.
„Luke..“, sage ich gequält und hebe sein Kinn mit meinen Fingern an, damit er mich ansieht. Seine Augen sind bereits glasig. Er scheint es wirklich ernst zu meinen. Und er scheint tatsächlich Angst zu haben, was meine Reaktion auf unser bevorstehendes Gespräch betrifft.
„Hab keine Angst, so schnell wirst du mich nicht los. Versprochen.“, hauche ich gegen seine Lippen und küsse diese im nächsten Moment. Es mag dumm oder gar naiv klingen. Aber ich kann mir im geringsten nicht vorstellen das es etwas gibt, womit Luke mich in die Flucht treiben könnte. Ich meine, womit auch? Er verlor hin und wieder mal die Kontrolle. Sei es bei mir, oder wenn er ernste Gespräche mit seinem Vater hatte. Auch wenn die ersten Begegnungen mit ihm wirklich komisch waren.
Nicht unser erstes Aufeinandertreffen, das war wirklich süß. Auch als er auf dem Skatepark für mich da war. Aber als er außer Kontrolle geriet, mich voller Wut küsste. Als wir uns gerade mal ein paar Tage kannten, er war mir zu diesem Zeitpunkt nicht gerade sympathisch.
Im Nachhinein weiß ich aber, dass Luke es nicht so meinte. Er wollte mir nie weh tun. Und das glaube ich ihm auch. Es war eine dumme Verkettung von Missverständnissen.
Aber das ist nichts im Vergleich zu den vielen schönen Momenten, die wir miteinander erlebten.
„Willst du dich hinlegen?“, frage ich atemlos in den Kuss hinein und spüre Luke’s Grinsen gegen meine Lippen. Mit mir auf seiner Hüfte krabbelt er nach hinten, lässt seinen Kopf in die Kissen fallen. Verschmitzt lächelnd sitze ich auf ihm, umfasse sein Gesicht und ziehe ihn erneut in einen Kuss. Von seinen Lippen wandere ich langsam über seinen Kiefer herunter zu seiner Halsbeuge. Ich bedecke die Stelle mit sanften Küssen und wie Luke es gestern gemacht hat sauge ich mit meinen Lippen sanft an seiner Haut.
Meine Liebkosung scheint ihn nicht kalt zu lassen, denn er vergräbt die Hände in meiner Hüfte, drückt die Finger sanft in den Stoff meiner Jeans.
Ich fahre mit meinen Händen seinen Oberkörper entlang nach unten und umfasse den Saum seines Hoodies, schiebe ihn langsam nach oben.
„Was wird denn das?“, kommt es grinsend von meinem Gegenüber, der sich ohne Wiederrede den Pullover über den Kopf ziehen lässt. „Ich möchte mich für gestern revanchieren“, erkläre ich ihm verschmitzt grinsend, fahre mit den Fingern die straffen Konturen auf seinem Oberkörper nach. Der karamellisierte Hautton beginnt unter meinen Händen zu schimmern.
„So so..“, lachend verschränkt Luke die Arme hinter seinen Kopf. „Aber erwarte nicht zu viel..ich bin nicht so gut darin..“, sage ich peinlich berührt und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. „Mach dir darum mal keine Gedanken.“ Lächelnd küsse ich wieder die warme Haut an seinem Hals und fahre mit den Händen über seine Brust. Okay..ehm..gibt es hierfür eine Reihenfolge? Eigentlich nicht, oder?
Meine Lippen wandern herunter zu seiner Schulter, verteilen sanfte Küsse auf seinem Schlüsselbein. Ich kann es mir nicht verkneifen, den minzigen Parfümduft einzuatmen. Er vernebelt mir die Sinne. Es ist wirklich ungewohnt, da ich das vorher noch nie gemacht habe. Küssen hier und da ja okay. Es waren wenige Jungs aber bisher war es nie mehr als ein Kuss auf die Lippen. „Du bist so süß, Amalia.“, Luke umfasst mein Gesicht mit seinen Händen, worauf ich ihm ein Lächeln schenke. „Irgendwie habe ich das Gefühl du taust immer mehr auf.“
Ich zucke gleichgültig mit der Schulter. Ich kenne diese Seite von mir selbst nicht, aber Luke hat sie durch seine Art zum Leben erweckt. Er würde mich nie verspotten oder mich auslachen. Und das gibt mir die Sicherheit, das hier überhaupt zu tun.
„Kann sein“, grinse ich und mache weiter, verteile Küsse über seiner Brust.
„Mhh..mir gefällt diese Seite an dir..“, murmelt er und fährt mir mit den Fingern durchs Haar.
Die Tür geht auf und Tamara kommt herein.
Ich richte mich auf und erstarre vor Schreck. „Ehm..sorry. Aber es ist 16 Uhr.“ Ich schaue zu Tamara, die mit verschränkten Armen im Türrahmen steht und uns fragliche Blicke zuwirft. Augenblicklich steigt mir die Röte ins Gesicht. „Er geht gleich..“, antworte ich knapp und reiche Luke seinen Hoodie. „Nicht gleich, jetzt bitte.“ Seufzend klettere ich von Luke herunter, damit er seinen Pullover wieder anziehen kann und stehe auf.
Tamaras Blick kann ich gerade nicht deuten. Ist sie sauer? Oder geschockt? Sie wirkt ein wenig entgeistert. Aber sie macht auch keine Anstalten uns für einen Moment alleine zu lassen, damit ich mich von ihm verabschieden kann.
„Ich begleite dich noch zur Tür.“, lächle ich Luke zu und gebe Tamara zu verstehen, dass sie gehen soll. Was sie Gottseidank auch tut, als Luke seinen Rucksack schultert. „Tut mir leid“, sage ich zerknirscht und lege die Arme um seine Hüfte. „Schon okay. Wir sehen uns ja morgen. Ich hol dich wieder ab, ja?“ Eifrig nicke ich und bekomme von Luke noch einen Kuss.
An der Tür lasse ich mich ein letztes Mal in einen leidenschaftlichen Kuss ziehen und genieße diesen vollends. „Wir schreiben, ja?“ Ich verabschiede mich von Luke und schließe die Tür hinter mir. Im Wohnzimmer wartet Tamara bereits auf der Couch auf mich. Mit einem sanften Lächeln tippt sie auf die leere Stelle neben sich und ich nehme platz.
„Seit ihr jetzt also zusammen?“ Ich schlucke einen nicht vorhandenen Klos herunter und spiele mit einer Haarsträhne. „Nein, noch nicht.“, antworte ich unbeholfen und richte meinen Blick gedankenverloren auf den Fernseher. Tamara schaut sich gerade eine Naturdokumentation. Das Bild erlischt als Tamara den Fernseher ausschaltet und sich in meine Richtung dreht. „Bitte geh es langsam an. Er scheint ja ganz nett zu sein. Aber lass dich nicht gleich um den Finger wickeln, ja?“ Ihre Augen durchbohren mich eindringlich. Ich bringe nur ein leichtes Nicken heraus.
„Wenn er schon 19 ist, wie kann er da noch in deine Klasse gehen? Müsste er nicht Hals über Kopf in einer Ausbildung stecken, oder eine weiterführende Schule besuchen?“
Unwissend zucke ich mit der Schulter. Er muss zwei, nein dreimal sitzen geblieben sein. Warum weiß ich selbst nicht. Wie immer erzählte Luke mir nur Bruchteile aus seiner Vergangenheit. Erneut kann ich es kaum erwarten am Freitag endlich mit ihm zu reden und mehr über ihn zu erfahren.
„Er hatte ein paar Schwierigkeiten auf seiner alten Schule.“, erkläre ich in den Worten, die ich zur Auswahl habe. Lügen möchte ich nicht, das musste ich in den letzten Tagen oft genug.
„Ein paar? Vielleicht hat der Tod seiner Mutter ihm zu sehr zugesetzt?“, vermutet Tamara und macht dabei ein nachdenkliches Gesicht. Ich blicke nur unbeholfen drein, da ich wieder mal keine Antwort auf ihre Worte finde. „Pass einfach auf dich auf, okay? Und wenn etwas nicht stimmt redest du bitte mit mir, okay?“ „Okay“, sage ich leise.
„Willst du mir jetzt erklären, wo Jason’s Sachen sind?“ Ihre Stimme klingt ernster, sie verschränkt die Arme vor der Brust und mustert mich eindringlich. Ich schlucke, lege nervös die Hand in meinen Nacken. „Also?“ „Ich..ich habe alles in Müllsäcke gepackt und weggebracht.“, erkläre ich ihr. Dabei kann ich nicht wirklich deuten, ob sie das gut findet oder nicht.
„Du hast was?? Wo sind die Sachen jetzt?“ „Luke hat sie mitgenommen und weggebracht. Bist du nicht froh, dass die Sachen jetzt weg sind?“, frage ich vorsichtig und knete meine Hände.
Tamara seufzt gequält auf und hält sich die Hand an ihre Stimme. „Ich wäre dir dankbar, wenn du nicht einfach so das Hab und Gut von meinem Freund, nein Exfreund wegwerfen würdest. Schließlich war er mit mir zusammen, nicht mit dir. Du hättest das mit mir besprechen müssen.“
Ungläubig schaue ich sie an. Ich war mir sicher, sie freut sich darüber. Ich bin mehr als froh, seine Sachen hier nicht mehr überall sehen zu müssen. Warum ist sie es nicht?
„Ich..ich dachte. Ich wollte dir damit einen Gefallen tun.“, antworte ich zerknirscht. „Nein, du wolltest DIR damit einen gefallen tun.“, zischt sie mich an.
Tamara weiß doch jetzt wer Jason wirklich ist. Nach allem, was er ihr angetan hat trauert sie ihm immer noch hinterher? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
„Jason ist ein Arsch! Vermisst du ihn??“ Nun bin auch ich aufgebracht. Mein Puls rast in die Höhe. Ich kann es einfach nicht fassen! „Ich habe ihn zwei Jahre geliebt, Amalia! Du weißt nicht wie sich das anfühlt! Er hat mich mit einem großen Fragezeichen zurück gelassen. Natürlich vermisse ich ihn, er hat mir bis zu diesem einen Abend nie etwas getan! Es fällt mir schwer zu verstehen, dass er mir nur etwas vorgemacht hat.“
Nun füllen ihre Augen sich mit Tränen. Gekränkt greife ich nach ihrer Hand und drücke sie sanft. „Du glaubst mir doch, oder? Er hat mich fertig gemacht“, seufze ich und spüre augenblicklich eine große Angst in mir. Was, wenn Tamara mir nicht glaubt? Was wenn sie denkt ich hätte alles nur erfunden? Will sie Jason etwa wieder zurück?
„Natürlich glaube ich dir Amalia! Nicht zuletzt, weil ich in meinem Zimmer noch etwas von Jason gefunden habe.“ Meine Augen verformen sich zu einem fragenden Blick. Ich habe doch. Alles von Jason entsorgt, oder nicht? Zumindest denke ich das.
„Was hast du denn gefunden?“, frage ich mit zitternder Stimme, drücke ihre Hand und umschließe sie fest mit meinen beiden Händen. „Ein Fotoalbum.“ „Und?“ „Mit Bildern von dir“ „Von mir??“ Augenblicklich bleibt mir die Luft stehen, ich erstarre und schweife in Gedanken ab. Welche Bilder könnte Jason von mir aufbewahrt haben? Er hatte nie Fotos von mir gemacht, daran würde ich mich erinnern.
„Was für Bilder?“, frage ich vorsichtig, nun füllen auch meine Augen sich mit Tränen. Vor Angst, vor Furcht. Hat dieser Alptraum denn nie ein Ende? „Das möchtest du so genau nicht wissen. Aufnahmen von schrecklichen Momenten. Amalia mir tut das alles so leid.“ Sie zieht mich in ihre Arme, verliert sich in einem Tränenkampf. Auch ich weine leise als ich den Kopf auf ihrer Schulter gebettet habe.
Erneut spüre ich diesen Hass gegen Jason. Ich bin so froh das Tamara da ist und das sie mir glaubt. Wir reden den restlichen Abend und schauen dabei noch einen Film. Ich erzähle ihr von meinen Alpträumen und wie Luke jedes Mal für mich da war wenn es mir schlecht ging. Tamara hört mir den ganzen Abend aufmerksam zu. Es scheint als würde es sie ablenken und sie könnte ihre eigenen Probleme für einen Moment mal vergessen.
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Romansa》Ich fühlte mich nutzlos. Ertrunken in der Angst, in Scham und Selbsthass. Dann kam er und zog mich aus dem Wasser obwohl er selbst zu ertrinken drohte.《 Manchmal müssen wir Kompromisse eingehen aber welchen Preis sind wir bereit zu zahlen, um die L...
