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Kapitel 16 ~ Verschiedene Ansichten

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PoV Leon

"Weißt du, wie der Drache die Barriere durchdringen konnte? Sie sollte uns doch schützen." sprach ich Ronald an, als er auf die Autobahn fuhr. Die Situation war total surreal. Neben mir saß ein fünftausend Jahre alter Dämon, wir redeten über Drachen und das Ganze, während wir Autobahn fuhren.
"Ja." antwortete Ronald knapp und sah konzentriert auf die Straße.
Einen Moment wartete ich darauf, ob er vielleicht noch mehr sagen würde, aber Fehlanzeige.
"Und?" hakte ich jetzt giftig nach und Ronald brummte genervt.
"Wieso musst du immer alles hinterfragen?" knurrte Ronald und überholte ein anderes Auto. Er fuhr sowieso viel zu schnell. Er würde vielleicht trotz Versieglung nicht so schnell sterben, aber mich würde ein Aufprall bei zweihundertfünfzig Sachen sicher töten. Allerdings schien Ronald da weniger Bedenken zu haben.
"Ich würde gerne wissen, mit was wir es zu tun haben, Ronald." fauchte ich ihn an und verschränkte die Arme.
Ich machte mir Sorgen um sie alle. Um Erik, um Crispin, Lana, Elias und um Mia. Meine Freundin wurde durch mich in all das reingezogen und musste jetzt dafür büßen.
"Ein Drache hat keine Seele. Wenn sie sterben, hören sie einfach auf zu existieren, sie werden nicht wiedergeboren und es gibt auch kein Leben nach dem Tod. Normalerweise haben nur die Toten keine Seele und jemand der tot ist, stellt für gewöhnlich keine Gefahr dar. Deswegen konnte der Drache durch. Das Schild hat ihn schlichtweg nicht erkannt." Ich dachte kurz über Ronalds Worte nach. Eigentlich klang es plausibel. Aber erschreckend war es trotzdem. Was für eine große Rolle die Seele doch spielte.
"Einige Zauber funktionieren auch ohne Seele gar nicht, man kann zum Beispiel niemanden Verfluchen, der keine Seele hat, weil ein Fluch sich an die Seele dran hängt. Das ist alles ziemlich kompliziert." redete er weiter, bis er plötzlich das Thema wechselte.
"Wir fahren noch etwa anderthalb bis zwei Stunden. Du solltest noch etwas schlafen." schlug Ronald vor und sofort, fast schon automatisch, schüttelte ich den Kopf.
"Nein, danke. Ich schlafe nicht." Gerade nach diesen Erlebnissen würde ich Alpträume bekommen, so viel war sicher. Ronald musterte mich kurz von der Seite, sagte aber nichts dazu. Wahrscheinlich war es ihm einfach egal.
"Wo genau fahren wir eigentlich hin?"  Gerade fiel mir auf, dass ich unser Ziel gar nicht genau kannte, aber Ronalds Antwort war da auch keine Hilfe.
"Weg." Ich verdrehte die Augen.
"Und wo ist dieses 'weg'? Ronald, wenn wir zusammen arbeiten wollen, müssen wir uns bis zu einem bestimmten Punkt vertrauen können und das fällt mir schon schwer genug." Ich hörte Ronald schnaufen, aber er sah nicht einen kleinen Moment von der Straße weg. Bei der Geschwindigkeit auch besser.
"Ich werde dir eine Person vorstellen, die vor dreißig Jahren von seiner Gefährtin verlassen wurde. Er ist in einer Irrenanstalt und wird da auch nie wieder raus kommen. Dann wirst du sehen, wie wahnsinnig das einen machen kann. Aber er ist nur ein Mensch. Jeremie ist ein alter und mächtiger Vampir. Sein Zustand wird wahrscheinlich nicht ganz so dramatisch sein, aber keinesfalls zu unterschätzen." Kurz lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Eine geschlossene Anstalt war kein Ort, denn ich gerne besuchen würde, aber vielleicht würde es mir wirklich helfen, einen Blick dafür zu bekommen. Immerhin kannte ich mich mit der Gefährtensache nicht aus. Mein Blick fiel auf Ronald.
Ob er...?
"Hast du auch eine Gefährtin? Oder...Gefährten?" Ronalds Hand verkrampfte sich sichtlich um das Lenkrad und sofort bereute ich meine Frage.
"Schon gut, du musst nicht..." fing ich an mich zu entschuldigen, aber Ronald kam mir zuvor.
"Ich weiß, wer es ist." Ich hob ein Stück beide Augenbrauen und sah ihn überrascht an. Er wusste es?
"Du weißt es? Aber ihr seid nicht verbunden?" Ronald schüttelte den Kopf.
"Ich bin nicht wie mein Bruder. Er hat sein Leben seiner Suche, nach seinem Gefährten geopfert. Ich weiß, wer es ist, aber verspüre keinen Drang dazu, mich zu verbinden. Es behindert mich nur." Einen kurzen Moment war ich geschockt. Ich war der Meinung gewesen, alle Übernatürlichen wollen ihren Seelenverwandten finden.
Da lag ich wohl falsch.
"Aber ich dachte, dass ist es, was alle Übernatürlichen wollen?" sprach ich meine Bedenken aus und Ronald lachte trocken auf.
"Die meisten wollen es wohl. Aber ich nicht. Ein Gefährte oder eine Gefährtin würde mir nur Stress bereiten. Du weißt nicht, wie viele Feinde ich habe, Leute die mich tot sehen wollen. Durch eine solche Verbindung müsste ich nicht mehr nur auf mich, sondern auf zwei Personen achten. Wir wären beide verwundbarer, das würde meine Feinde ausnutzen. Ich habe Leute gesehen, die ihren Gefährten beerdigen mussten. Das will ich nicht erleben müssen, zudem genieße ich meine Freiheiten als Alleinstehender sehr." Ich verzog das Gesicht. Einerseits konnte ich Ronald verstehen, andererseits ging es ja nicht nur um ihn.
"Und was, wenn dein Gefährte oder deine Gefährtin es rausfindet und sich mit dir verbinden will? Was tust du dann?" fragte ich spitz nach.
Ronald Gesicht war vollkommen ernst, als er sagte:
"Dann würde ich diese Person umbringen."

Der Bruder des SehersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt