PoV Leon
Das Bett war kalt und unbequem, egal wie ich mich legte. Leider lag es weniger an der Matratze, sondern eher am Gefühl des Alleinsein. Ich mochte es nicht.
Die letzten Nächte war ich nie alleine und ich hatte mich daran gewöhnt, auch wenn es Ron gewesen war. Frustiert schlug ich die Decke zurück und stand auf. Ich war saumüde und in ein paar Stunden ging schon die Sonne auf.
Leise schlich ich an Leonies Zimmer vorbei ins Badezimmer. Wahrscheinlich schlief sie eh nicht, aber ich wollte kein Risiko eingehen.
Ich schaltete das Licht an und stellte mich vor den Spiegel. Seit langem hatten ich keine Augenringe mehr, immerhin schlief ich jetzt regelmäßig, aber irgendwie war ich ein wenig blass. Oder vielleicht lag es auch am Licht.
Gerade wollte ich mir ein wenig Wasser ins Gesicht spritzen, als ich etwas bemerkte. Ich runzelte die Stirn und fasste mir an die Nase. Sie war voller Blut.
Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Nasenbluten hatte.
Als ich mich duckte, um mir ein Taschentuch zu nehmen, wurde mir plötzlich so schwindlig, dass ich mich mit einer Hand am Waschbecken festhalten musste. Okay, dass war definitiv nicht normal. Aber bevor ich etwas sagen konnte, verlor ich das Bewusstsein.
PoV Ronald
Ich wurde durch einen heftigen Stoß gegen die Schulter geweckt. Gereizt setzt ich mich auf und funkelte Leonie böse an. Eigentlich wollte ich sie anfauchen, wieso sie mich weckte, aber als ich das besorgte funkeln in ihrem Augen sah, blieb mir jede dumme Bemerkung im Hals stecken. Ihre Besorgnis konnte nur einer Person gelten. Sofort sprang ich aus dem Bett.
"Wo ist er?" Leonie folgte mir schnellen Schrittes aus dem Zimmer.
"Krankenzimmer." war ihre knappe Antwort. Als ich die Tür zum besagten Zimmer öffnete, sah ich Jerom, der auf einem der Stühle saß und deutlich überanstrengt war und Niclas, der dem leichenblassen Leon ein Tuch an die Nase hielt. Er war bewusstlos.
"Es hört einfach nicht auf." flüsterte Niclas verzweifelt und nahm ein neues Tuch. Das Alte war Blutgetränkt.
Ich stellte mich an das Krankenbett und musterte Leon. Er sah aus, als wäre er bereits tot. Nur das schwache heben und senken seiner Brust zeigte, dass er noch atmete. Noch lebte.
"Sein Puls ist unregelmäßig und viel zu schnell. Außerdem hat er fast vierzig Grad Fieber, zusätzlich noch das starke Nasenbluten. Alle Symptome sind in den letzten fünf Minuten aufgetreten und haben sich seit dem fast verdoppelt." erklärte Leonie mir möglichst professionell, aber ich wusste, dass es sie bedrückte. Sie mochte Leon.
Und im Moment fiel mir nur eine Sache ein, die Leon haben könnte. Allerings hoffte ich, dass ich mich irrte.
"Nimm das Tuch weg." befahl ich Niclas. Er zögerte zwar kurz, tat es dann aber und trat einen Schritt vom Bett weg.
Ich nahm eine Verbandsschere vom Tisch und schnitt Leons Shirt in zwei Teile, sodass sein Oberkörper freigelegt wurde.
Ich hörte, wie Niclas und Jerom scharf Luft einzogen und Leonie schlug sich die Hand vor den Mund.
Kleine schwarze Adern zogen sich über seine Brust und den Bauch, alle wanderten Richtung Herz.
Das Ziel des Giftes.
"Wenn das Gift sein Herz ereicht, ist er tot." stellte ich nüchtern fest und verbot mir jegliche Gefühlsregung.
"Was können wir tun?" fragte Jerom heiser und mit deutlicher Panik in der Stimme.
Ich sah auf.
"Gar nichts. Das ist Wyverngift. Es ist tödlich für Menschen. Es gibt kein Heilmittel. Wieder ein menschliches, noch ein übernatürliches." Jeroms und Niclas Gesichtsausdrücke fielen in sich zusammen und Tränen traten in Jeroms Augen, aber er wandte den Blick ab. Niclas packte seinen Gefährten sanft am Arm und führte ihn raus.
Kurz herrschte schweigen.
"Du weißt, du kannst ihn retten." flüsterte Leonie mir zu, aber mein Blick lag auf Leons Gesicht. Sonst hatte er eigentlich immer ein entspanntes Gesicht. Selbst in den seltsamsten Situationen blieb er einigermaßen ruhig. Und er konnte noch lachen. Auch wenn ich es nie zugeben würde, sein Lachen gefiel mir. Es war eine willkommene Abwechslung.
"Hol sie. Hol die Schatulle." wies ich Leonie an und hörte ihr erleichtertes aufatmen.
"Ich weiß noch nicht, ob ich ihn rette. Ich muss das abwägen. Es wird für uns beide nicht nur zum Vorteil sein." Leonie legte eine Hand auf meine Schulter.
"Du wirst das richtige tun."
Würde ich das?
Ich brauchte Leons Fähigkeiten nicht. Es gab genug andere Wahrsager, die ich fragen könnte, wollte ich etwas wissen.
Ich brauchte Leons Wissen nicht, ich selber hatte über tausend Jahre die verschiedensten Bereiche studiert, zusätzlich zu meinen fünftausend Jahren Lebenserfahrung.
Ich brauchte Leons fotografisches Gedächtnis nicht. Ich konnte das selbe.
Eigentlich brauchte ich Leon überhaupt nicht. Aber dennoch zog sich mein Herz bei dem Gedanken ihn sterben zu lassen so schmerzhaft zusammen, wie ich es bisher nur einmal erlebt hatte.
Nämlich bei Eason.
Und Eason hatte ich geliebt.
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Der Bruder des Sehers
FantasyTEIL 3 Leon ist erwachsen und wie sein älterer Bruder Erik, hat auch er übermenschliche Fähigkeiten. Schon als kleines Kind konnte Leon die Zukunft sehen, als Erwachsener sind seinen Fähigkeiten kaum noch Grenzen gesetzt, selbst die alte Wahrsage...
