PoV Leon
"Sollten wir nicht lieber den anderen helfen?" fragte ich zögerlich nach, aber Ron schüttelte entschieden den Kopf.
"Die kommen auch erstmal ohne uns klar. Außerdem kennen Crispin, Niclas und Erik Jeremie besser als wir." Da hatte er recht.
Unsere Herangehensweise hatte sich ein wenig geändert. Wir wollten ihn einfangen und sehen, ob man ihn von dem befreien konnte, was immer ihn kontrollierte.
Wenn nicht, würde Ron ihn umbringen.
Kurz und schmerzlos.
Seit ich vor zwei Tagen aufgewacht war, herrschte eine angespannte Atmosphäre. Die belastende Situation ging an niemanden spurlos vorbei. Aber ich konnte mich noch gut an Crispins und Eriks erleichterten Gesichter erkennen, als Ron mich die Treppen runter getragen hatte.
Es war also nicht alles schlecht.
Meine Beziehung zu Ron war auch besser geworden. Seitdem ich ein Dämon war, hatte er mich nicht mehr aus den Augen gelassen, wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, Abends kuschelte sich Ron immer an mich, bevor ich schlief.
Ich brauchte zwar keinen Schlaf mehr, hatte aber keine Ahnung, was ich mit der zusätzlichen Zeit anfangen sollte.
Allerdings hatte meine Verwandlung nicht nur Gutes.
Ich konnte nicht mehr in die Zukunft sehen.
Keiner wusste, ob das anhalten würde, oder nicht, aber es bedrückte mich.
Zwar hatte ich diese Kräfte nicht so häufig genutzt, aber sie hatten mich immer begleitet, mein Leben lang. Es fehlte einfach etwas.
Ein stumpfer Schmerz riss mich aus meinen Gedanken und erschrocken sah ich zu Ron, der mir einen Stein an den Kopf geschmissen hatte.
"Du bist wieder im Gedanken versunken. Wir wollten üben, schon vergessen?" Ich verdrehte die Augen und wandte mich Ron zu.
"Gut. Also, wie du vielleicht schon gemerkt hast, nimmst du deine Umwelt anders war. Und damit meine ich nicht nur die geschärften Sinne. Dämonen nähren ihre Kräfte durch starke Emotionen, meistens negativer Natur. Das bedeutet, du wirst die Gefühle der Personen um dich herum wahrnehmen. Am Anfang, solange du es noch nicht kontrollieren kannst, wird es viel auf einmal sein. Es wird sich anfühlen, als wären es deine eigenen Gefühle. Du musst lernen, die Gefühle, die nicht dir gehören, nicht an dich ranzulassen, sodass du sie wahrnimmst, aber nicht selber fühlst. Verstehst du, was ich meine?" Ich nickte.
Also würde ich merken, was die Person fühlt, aber es nicht selber spüren. Das war im Moment noch schwer vorstellbar.
Ron und ich standen gerade in der Nähe seines Lokals in einem kleinen Garten. Hier waren keine anderen Personen, sodass ich nur Rons Gefühle bemerkte. Aber er war auch mein Gefährte.
"Irgendwann wirst du die Gefühle nicht mehr permanent wahrnehmen, sondern kannst das selbst an und aus schalten. Das bringe ich dir bei." redete Ron weiter. Ein Windstoß fegte durch den Garten und meine Haare flogen mir ins Gesicht.
Genervt strich ich sie nach hinten. Sie waren zu lang geworden und reichten bis auf meine Schultern. Ich konnte mir schon einen kleinen Zopf machen.
"Ich muss zum Frisör." nuschelte ich vor mich hin, aber natürlich hörte Ron es. Und seine Reaktion überraschte mich.
"Nein." Ich hob überrascht eine Augenbraue und sah ihn fragend an.
"Gefällt es dir etwa, wenn meine Haare so lang sind?" fragte ich zweifelnd nach und Ron grinste mich schief an. Mit ein paar schnellen Schritten hatte er die Distanz zwischen uns überwunden und stellte sich dicht vor mich.
"Ja, mir gefallen sie so. Aber wenn sie dich so stören, halte ich dich nicht auf." Ron nahm eine Strähne von meinen Haaren und zog leicht daran.
Gerade wollte ich mich ihm entgegenstrecken und einen Kuss stehlen, als ich einen lauten Pfiff hörte. Wir drehten uns beide zum Hintereingang es Gebäudes und sahen dort Niclas, der mich heranwinkte.
"Wir machen nacher weiter." bestimmte Ron und trat einen Schritt zurück.
Meinte er das Training oder Küssen?
Bei dem Gedanken musste ich schmunzeln.
Allerdings verließ mich meine gute Laune schlagartig, als ich Niclas Gesichtsausdruck sah.
War uns niemals eine Pause vergönnt?
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Der Bruder des Sehers
FantasyTEIL 3 Leon ist erwachsen und wie sein älterer Bruder Erik, hat auch er übermenschliche Fähigkeiten. Schon als kleines Kind konnte Leon die Zukunft sehen, als Erwachsener sind seinen Fähigkeiten kaum noch Grenzen gesetzt, selbst die alte Wahrsage...
