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Kapitel 72 ~ Leander

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Lesenacht 3/5

PoV Ronald

"Du hast erst nach zweitausend Jahren deinen ersten Dämon erschaffen?" fragte Leon ungläubig und ich nickte.
"Ich dachte, die Tatsache, dass ich ein Dämon bin würde mich so unzufrieden mit meinem Leben machen und deswegen wollte ich das niemand anderen antun. Im Nachhinein betrachtet war ich wohl einfach nur einsam." Leon setzte sich aufs Bett und musterte mich. Ich konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten, aber glücklich sah er nicht aus.
"Und was war bei Leander anders?"
fragte er trotzdem weiter nach und ich atmete tief durch.
"Er lag im sterben, als ich ihn fand. Ein Wildschwein hatte ihn angegriffen. Er war noch jünger als du, gerade zwanzig. Er wollte leben und hat diese Chance genutzt."

Ich wollte mich gerade auf den Sattel schwingen und weiter Richtung Westen reiten, als ich das Blut roch. Viel Blut. Normalerweise würde ich nicht darauf reagieren, aber das dazugehörige schluchzen ließ mich umdrehen. Es klang so gequält und zog mich förmlich an. Bereits nach wenigen Minuten sah ich jemanden auf dem Boden liegen, eine Hand auf den Bauch pressend.
Dennoch rann das Blut ungehindert durch seine Finger und tränkte den Boden rot.
Als er mich sah, wollte er was sagen, aber anstelle von Wörter kam nur Blut aus seinem Mund.
Er würde ohne Zweifel in den nächsten Minuten sterben.
Normalerweise würde ich jetzt einfach weiter gehen. Menschen starben. So war es einfach. Aber als ich in seine braunen Augen sah, die Angst in ihnen, stockte ich. Vorsichtig kniete ich mich neben ihn.
"Willst du sterben?" fragte ich gerade heraus und sofort schüttelte der junge Mann vor mir leicht den Kopf.
"Würdest du alles geben, um weiter zu leben?" fragte ich weiter und nach kurzen Zögern nickte er schließlich.
Also biss ich mir ins Handgelenk und drückte es gegen seinen Mund. Erst weigerte er sich zu schlucken und sah mich mit einer Mischung aus Verwirrung und Angst an. Als ich seine Nase zu hielt musste er den Mund öffnen und mein Blut floß in seinen Mund. Er hustete, musste es aber runterschlucken.
Kurz danach nahm ich mein Handgelenk weg und strich ihm den Schweiß von der Stirn.
"Das tut kurz weh." Mit einem Ruck drehte ich seinen Kopf zur Seite und brach sein Genick.

"Es hört sich fast so an, als hätte er dir etwas bedeutet." sagte Leon leise und sah mich dabei nicht an. Ich spürte sein Unwohlsein.
Als ich nicht antwortete, wandte er sich wieder mir zu.
"Wie war er so?" Ich schloss die Augen und fuhr mir durch die Haare.
"Leon, das-" fing ich an, aber er hob die Hand und unterbrach mich.
"Erzähl es mir. Bitte. Ich möchte wirklich mehr über dich wissen. Selbst wenn es nicht schön ist."
Ich setzte mich zusammen mit Leon auf das Bett. Er mied meinen Blick.
"Er war...sehr lebensfroh. Auch nach seiner Verwandlung. Für ihn war die Welt ein wunderschöner Ort und das Böse fern."

"Zieh nicht so ein Gesicht, Ronny. Es ist wunderschönes Wetter. Wir sind bald am Meer und können schwimmen gehen. Wieso siehst du so angeschlagen aus?" fragte Leander und sah lächelnd zu mir hoch. Er war etwa einen halben Kopf kleiner als ich. Seine braunen Augen schienen immerzu zu leuchten vor Freude. Seine dunkelblonden, kurzen Locken standen wild von seinem Kopf und ließen sich nicht bändigen.
So in etwa stellte ich mir einen Engel vor.
"Schau mal hier." Leander kniete sich hin und streckte seine Hand in das hohe Gras. Als er sie wieder anhob, trug er einen kleinen Vogel auf seiner Hand. Er musste wohl vom Baum gefallen sein. Sanft streichelte Leander den Kopf des kleinen Wesens und sah ich mit zufriedenen Gesicht an.
"Die Welt ist schön, Ronny. Du musst dir nur erlauben, es zu sehen. Du bist so auf das Schlechte fixiert, so ist es doch nicht Wunderlich, dass du dich auch schlecht fühlst." Mit der freien Hand griff Leander meinen Arm und drehte ihn so, dass meine Handfläche oben war. Dann setzte er vorsichtig den Vogel in meine Hand.
"Da ist sein Nest." Leander deutete auf einen relativ niedrigen Baum und man sah das Nest sofort.
"Setzt ihn rein." Ich wollte widersprechen, für so einen Quatsch hatten wir keine Zeit, aber Leander drückte seine Hand gegen meinen Mund.
"Tue es einfach." Ich seufzte und ging auf den Baum zu, um den Vogel zurückzubringen.

"Hört sich nach einer guten Person an." sagte Leon mit gepresster Stimme und jetzt spürte ich, was Leon bedrückte. Er war eifersüchtig.
"Du musst nicht eifersüchtig sein. Leon, Leander ist tot. Seit zweihundert Jahren. Soweit ich weiß." Leon runzelte die Stirn.
"Soweit du weißt?" Ich schnalzte kurz mit der Zunge. Leon entging wirklich nichts.
"Leander hat schon drei Mal seinen tot vorgetäuscht, um Jägern zu entkommen. Allerdings hat er mir immer Bescheid gesagt. Das hat er diesmal nicht getan. Aber wir hatten auch einen großen Streit kurz davor. Es ist möglich, dass er noch lebt. Aber ich weiß es nicht."
Leon schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Irgendwie überraschte mich seine Reaktion ein bisschen. Er hatte doch gewusst, dass ich schon so einiges erlebt hatte. Und ich hatte auch schon einige Personen kennengelernt.
"Worüber habt ihr gestritten?" Leon war sowieso schon eifersüchtig, der Grund des Streites würde das nicht besser machen.
"Leon, das ist solange her." fing ich an und wollte das Thema beenden, aber Leon ließ nicht locker und sah mich auffordernd an.
"Er wollte mehr." Leon nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
"Aber du nicht?"
"Leander und ich hatten eine körperliche Beziehung. Abgesehen von unsere Freundschaft natürlich. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Übernatürliche sich zu ihren Schöpfern hingezogen fühlen. Aber bei Leander war es anders. Er hatte sich wirklich in mich verliebt. Aber ich war nicht bereit dazu. Jetzt weiß ich, dass ich ihn wahrscheinlich hätte lieben können. Vielleicht habe ich es getan. Aber damals wusste ich es nicht besser. Ich habe ihn verstoßen. Fünfzig Jahre hatte ich nichts von ihm gehört, bis Leonie mir von seinem Tod berichtete." Leon sagte nichts und hatte die Lippen zusammengepresst.
"Wenn er jetzt hier auftauchen würde, was würdest du tun?" Ich sah Leon direkt in die Augen, damit er sah, dass ich die Wahrheit sagte.
"Ich weiß es nicht. Aber das wird sowieso nicht passieren."
Dieser Satz schmerzte mich. Leander und ich hatten eine besondere Bindung gehabt. Und hätte ich mich damals anders verhalten, würde er vielleicht heute noch leben.
Wie unser Leben wohl aussähe? Hätten wir immernoch zusammen gewohnt? Wäre ich dann Leons Gefährte geworden, wenn ich Leander gehabt hätte, der mich liebte? Hätte ich ihn geliebt?
Alles nur, weil ich Leander damals weg geschickt hatte. Denn wider erwarten waren es oft nicht die großen Entscheidungen die unser Leben stark beeinflussten.
Sondern die kleinen. Die, die man ohne nachzudenken traf. Und dann nie wieder rückgängig machen kann.
Meistens jedenfalls.

Der Bruder des SehersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt