Kapitel 42 ~ Schuldzuweisung

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PoV Ronald

Wir fuhren durch zurück nach Hause. Die ersten Stunden war ich gefahren, jetzt saß Alex am Steuer und ich war mit Leon auf der Rückbank. Sein Kopf lag auf meinem Schoß und er schlief, aber währenddessen liefen vereinzelt immer noch Tränen über seine Wangen, die ich vorsichtig weg wischte. Er tat mir so unbeschreiblich leid.
Egoistisch wie ich war, war ich froh, dass es nicht Leonie getroffen hatte, aber für Leon war es schrecklich. Und für Niclas erst recht. Jeremie würde dafür bezahlen.
"Hast du schon eine Idee, wie wir vorgehen?" Überrascht hob ich eine Augenbraue.
"Du hast deine Schuld beglichen. Du musst nicht mehr mitkommen. Ich will nicht die Verantwortung übernehmen müssen, dass du drauf gehst." Alex sah mich über den Rückspiegel und an seinem Blick erkannte ich schon, was er sagen wollte. Er würde mitkommen, egal was ich sagte.
"Alex, sei vernünftig. Du hast eine Frau in Frankreich. Sie will dich bestimmt nicht in Einzelteilen wieder haben." Aber Alex schüttelte nur den Kopf und ich seufzte. Man konnte nicht sagen, ich hätte es nicht versucht.
"Ruh dich aus. Du hast deine Kräfte so ruckartig zurück bekommen, das ist bestimmt anstrengend für deinen Körper." Ich schnaufte nur als Antwort. Ohne Kräfte hatte ich den Schlaf gebraucht, zwar konnte ich auch mit Kräften schlafen, aber das war mehr ein Zweck zum Zeitvertreib gewesen. Ich hatte eindeutig genug Zeit mit schlafen verschwendet.
Lieber strich ich Leon die nassen Strähnen aus dem Gesicht, während er manchmal zusammen zuckte. Es schien ihn zu beruhigen.
"Na schön. Bringen wir es hinter uns." nuschelte Alex und bog in die nächste Straße ein.

PoV Leon

Meine Beine fühlten sich an wie Gummischläusche, sie waren kraftlos und es fiel mir schwer aufrecht zu gehen.
Ich wollte wieder ins Bett, liegen bleiben, bis sich meine Probleme von selbst lösten und hoffen jemand würde mir erzählen, dass alles nur ein Irrtum war. Dass es Jerom gut ging.
Aber das würde leider nicht passieren. Ich spielte mir nichts vor, die Realität konnte man nicht verleugnen. Nur verdrängen.
Aber das würde ich nicht tun, sonst würde ich meinen Verstand verlieren.
Dennoch nahm ich meine Umwelt nur durch einen Schleier war.
Ich weiß noch, wie wir gefahren sind. Wie Ron mich aufgeweckt hat und mir aus dem Auto half. Die betretene Miene von Leonie, als sie auf uns zu kam und Ronald in die Arme schloss. Dann mich.
Ich erwiderte die Umarmung nicht, meine Arme hingen bleischwer an meinen Seiten hinab.
Doch als ich an dieser Tür vorbei ging, war es als hätte man einen Schalter aktiviert. Alles Leben kehrte mit einem Schlag zurück, in Form eines einzigen Gefühls.
Aber es war nicht die Trauer. Oder Rachegefühle. Es war die Wut.
Ich riss die Tür auf und stampfte den Gang entlang ins Zimmer.
Als Mia bemerkte, dass sich jemand näherte hob sie den Kopf. Sie war blass und hatte tiefe Augenringe. Normalerweise hätte ich jetzt Mitleid mit ihr, aber die Wut fraß sich durch jede Zelle meines Körpers.
"Leon..." hauchte Mia und sah offenbar den Ausdruck in meinen Augen.
Wäre ich nicht so wütend gewesen, hätte ich das wahrscheinlich niemals getan, aber es fiel mir schwer klar zu denken.
Also schlug ich Mia mit der Hand ins Gesicht.
"Das ist deine Schuld! Du hast uns verraten." knurrte ich und spürte, wie mir wieder Tränen in die Augen traten. Mia sah mich erschrocken an und ihre Wange war gerötet. Am liebsten hätte ich nochmal zugeschlagen, aber jemand packte meine Hände und hielt sie felsenfest.
"So ungerne ich das auch sage, aber da kann sie nichts für, Leon. Außerdem brauchen wir sie leben zum tauschen. Danach kannst du sie immernoch umbringen, solltet ihr euch wieder begegnen." Rons Stimme war wie immer sachlich und teilnahmslos.
Das nervte mich auch.
"Ich hasse dich." fauchte ich Mia an und riss mich von Ron los, was er widerstandslos zuließ.
"Und dich auch." Wütend stampfte ich an Ron vorbei wieder nach oben. Es war vielleicht nicht richtig meine Wut an Ron auszulassen, allerdings würde er schon damit klar kommen.
Aber plötzlich beschlich mich noch ein anderer Gedanke, der meine Wut minderte.
Ron hatte seine Kräfte wieder. Also brauchte er mich doch nicht mehr. Oder?

Der Bruder des SehersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt