Kapitel 6 ~ Träume

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PoV Ronald

"Sie haben versucht in deine Zukunft zu schauen?" fragte Leonie erneut nach und gereizt sah ich sie an.
"Ja. Sagte ich doch. Aber deswegen habe ich Vorkehrungen getroffen. Er wird nichts gesehen haben." So mächtig würde nicht mal Leon geworden sein. Es war unmöglich, meine Zukunft zusehen, solange sie sich sicher verschlossen in der Schatulle befand.
"Aber ist es nicht in deinem Interesse, mit ihnen zusammen zu arbeiten? Sie sind stärker als wir, Ronald, auch wenn du es nicht wahr haben willst. Sie alle haben Unterschiede Kräfte und leben seit Jahren zusammen. Sie sind aufeinander eingespielt und bilden ein unschlagbares Team. Genau das, was wir brauchen." Einen kurzen Moment, dachte ich tatsächlich über Leonies Wort nach.
Natürlich waren sie ein gutes Team, aber ich wollte nicht mit ihnen zusammen arbeiten und sie nicht mit mir.
"Wir müssen ihn finden, Ronald. Wer weiß, was er anstellt." Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab und deutete Leonie zu gehen. Sie tat es sofort und ohne Widerworte. Sie war glücklicherweise sehr loyal, selbst nachdem ich meine Kräfte hatte einbüßen müssen.
Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, allerdings wollte ich sie trotzdem zurück. Ich war schutzlos und verwundbar, was schon mehrfach unter Beweis gestellt wurde.
"Leonie!" rief ich sie zurück. Sie hatte recht. Mein Überleben war wichtiger als mein Stolz.
"Ich will, dass du heute Nacht einen Traum verschickst." Fragend hob sie eine Augenbraue.
"Einen Traum? Das habe ich schon ewig nicht mehr gemacht. Worum soll es gehen?" Ich sah nach draußen. Es dämmerte bereits und Müdigkeit machte sich in mir breit.
Schlaf war so eine Zeitverschwendung.
"Zeig das Restaurant. Und das Datum von morgen. Sie werden wissen, was zu tun ist." Leonie nickte und wandte sich ab. An der Tür blieb sie noch mal stehen und sah mich über die Schulter an.
"An wen soll der Traum gehen?"
Kurz dachte ich nach. Bei wem wäre es am sinnvollsten? Wer würde am ehesten herkommen, am besten ohne die Absicht mir an den Hals zu gehen?
Eigentlich gab es nur eine Person, die in Frage kam.
Ich war wirklich gespannt, wie er sich entwickelt hatte.
"Leon."

PoV Leon

Ich drehte mich von links nach rechts und wieder zurück. Keine Frage, ich war müde, aber ich konnte einfach nicht schlafen. Ich hatte gestern schon geschlafen, weil ich total erschöpft war, aber heute war die Angst einfach wieder zu existent.
Ich wusste, ich würde Alpträume bekommen. Und ich wusste, sie würden schlimm sein. So wie immer.
Wieso konnte ich keine schönen Zukuftsvisionen sehen?
Nach einer Weile spürte ich, wie meine Augen zunehmend schwerer wurden.
Ich will nicht schlafen.
Aber leider hatten sie recht, es war ungesund, was ich tat. Und vielleicht wurde es ja besser, wenn ich regelmäßig schlief.
Letztendlich fielen meine Augen doch zu.
Tote, überall wo man hinsah. Man hörte das schreien einer Mutter, die ihr Kind beerdigen musste und weinen einer Frau, deren Mann nicht aus dem Krieg zurück gekehrt war.
Kinder standen ohne Eltern da, Leute schliefen auf der Straße und hungerten.
In der Ferne waren Schüsse zu hören.
Ich fühlte ihren Schmerz, ihr Leid und ihre Verzweiflung als wären es meine Gefühle.

Mit einem Schrei wachte ich auf und fasste mir an die Brust. Tränen liefen über meine Wangen, die Gefühle dieser mir fremden Leute tobten in meinem Herzen und hinterließen ein großes Loch darin.
Plötzlich kam Erik in mein Zimmer und kam auf mich zu.
Sofort drückte er mich an sich und strich durch meine Haare. Zumindest versuchte er es, ich war immerhin noch in Panik und wehrte mich gegen die Arme, die mich festhielten.
"Die Gefühle sind nicht echt, Leon. Es sind nicht deine, es ist alles gut." flüsterte er in mein Ohr und ich legte meinen Kopf an seine Brust, wie ich es als Kind getan hatte. Erik war ein Vampir, er war viel stärker als ich, ich hatte keine Chance.
"Wieso sehe ich nur die schlimmen Dinge?" fragte ich erstickt nach und Erik lachte bitter auf.
"Scheint eine Familenkrankheit zu sein." Kurz herrschte schweigen, er wartete bis ich mich beruhigt hatte. Das Gefühl, mein Herz würde zerreißen ließ nach und meine Tränen trockneten.
"Ich weiß, wie du dich fühlst. Evan hatte das selbe durchgemacht." Ich schnaufte und löste mich von meinem Bruder.
"Und das hat ihn letztendlich in den Tod getrieben." erwiderte ich leise und kurz sah ich sowas wie Angst in Eriks Augen aufblitzen.
"Evan hatte sein ganzes Leben lang niemanden. Du schon. Das ist der Unterschied. Komm, ich helfe dir in Ruhe zu schlafen. Leg dich hin." Ich tat, was Erik sagte und zog die Decke bis an mein Kinn. Mir war kalt.
Erik legte seine Hand auf meine Stirn und von dort aus breitete sich eine angenehme Wärme aus.
"Heute Nacht wirst du keine Alpträume mehr haben. Versprochen." hörte ich ihn gerade noch sagen, bevor ich in den Schlaf abdriftete.
Ich sah ein Restaurant vor mir, ich hatte es schon mal gesehen, aber nie wirklich bewusste wahrgenommen. Es war nicht weit von hier. Das Datum, welches man an einer Anzeige deutlich erkennen konnte, zeigte den morgigen Tag.
"Komm zu mir. Wir haben etwas zu besprechen." Ich erkannte die Stimme sofort. Sie hatte sich in meinen Verstand gebrannt.
Ronald.

Würdet ihr in eure Zukunft sehen, wenn ihr könntet oder euch lieber überraschen lassen?
Ich würde es nicht tun🤷‍♀️

Der Bruder des SehersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt