31.10.2009, kurz nach Mitternacht
Nicht lange danach war der Großvater verstorben, ohne dass Gerd ihn noch einmal besucht hätte. Er hatte dem alten Mann gegenüber ein schlechtes Gewissen, denn der Biolehrer war tot im Garten aufgefunden worden. An Mord dachte niemand, denn der Mann war bereits seit längerem krank gewesen, auch wenn er nicht allzu viel darüber gesprochen hatte.
Zumindest Gerd, als sein Schüler, hatte nichts von den gesundheitlichen Problemen des Lehrers gewusst. Trotzdem wusste er recht genau, dass nicht irgendeine Krankheit, sondern seine Figur den Mann ums Leben gebracht hatte.
Bei der Beerdigung des Großvaters fühlte Gerd sich daher alles andere als wohl. „Tut mir leid, Opa. Aber du hast mir das Ding gegeben. Eigentlich....war das deine Schuld...oder nicht?", dachte er, als er eine Blume ins Grab warf.
Trotzdem hatte Gerd die Figur jahrelang nicht mehr benutzt. Das nächste Opfer war seine ehemalige Kollegin Heike gewesen.
Er hatte die Statue dieses Mal, als er inmitten von Umzugskartons in seiner Wohnung im Sauerland saß, zusammen gesetzt und angespannt gewartet.
Hatte er sich damals vielleicht alles nur eingebildet? Funktionierte es nur beim ersten Mal?
Aber dann stand der Dämon kurz nach Mitternacht erneut vor ihm und sah ihn aus seinen roten Augen an. Dieses Mal war Gerd nicht zurück gewichen, auch wenn er gerne ein wenig Abstand zwischen sich und das Geschöpf gebracht hätte.
„Ich habe eine Seele für dich," hatte er statt dessen gesagt und das Wesen deutete mit der Hand zum offenen Fenster hinaus.
„Wer soll es sein?"
„Meine ehemalige Kollegin Heike. Erledige sie. Sie hat mir Ärger gem..."
Aber Gerd hatte seinen Satz nicht einmal zu Ende sprechen können. Der Dämon hatte sich bereits auf den Weg gemacht und war ungefähr eine halbe Stunde später zurück gekehrt.
„Sehr gut!", lobte Gerd. „Und bald habe ich eine neue Seele für dich...."
Schließlich konnte er auf diese Weise sehr gut mit den Frauen, die nur mit ihm gespielt hatten, abrechnen.
Kurz nach seinem Umzug in die Eifel, noch vor Schulbeginn, hatte er zufällig Simone, seine ehemalige Nachbarin, und deren Freund getroffen. Er hatte sich ehrlich gefreut, sie wiederzusehen, auch wenn es ein wenig störend war, dass ihr Freund sie begleitete. Also war sie noch immer mit ihm zusammen?
Aber dann hatte er kurz Gelegenheit gehabt, sie anzusprechen, als der Freund sich an der Fleischtheke anstellte, während sie Joghurts aus einem einige Meter entfernten Regal nahm.
Er hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt. „Moni! Hat es dich hierher verschlagen? Bist du umgezogen?", fragte er, während sie zusammen zuckte.
„Äh..."
„Du kennst mich doch noch! Wir haben uns so gut verstanden," sagte Gerd, nun ein wenig unfreundlicher. „Auch wenn du dich zum Schluss sehr unfair verhalten hast...."
Aber dann hatte er vor Schmerz aufgeschrien, als sie ihm mit ihrem Einkaufswagen über den in einer Sandale steckenden Fuß fuhr und schnell davon eilte.
„Dumme Schnepfe!", schrie er aufgebracht und andere Supermarktbesucher drehten sich zu ihm um. Er war fest entschlossen, das nicht auf sich sitzen zu lassen und am Abend hatte er im Garten seines Eifelhauses seine Figur zusammen gesetzt...
In dieser Nacht erhielt der Dämon zwei Seelen, denn Simone und ihr Freund wurden auf dem Parkplatz vor ihrer neuen Wohnung in der nächsten Kreisstadt tot aufgefunden. Zuerst vermutete die Polizei Drogenkonsum, da es doch recht ungewöhnlich war, gleich zwei junge Menschen tot aufzufinden.
Aber schließlich kam man zu dem Schluss, dass es sich vielleicht doch um die Folgen einer verschleppten Grippe, die eventuell aufs Herz geschlagen war, handeln konnte. Auf jeden Fall gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung und Feinde hatten die beiden auch nicht gehabt. Auch in den Medien erregte dieser Todesfall kein allzu große Aufmerksamkeit, lediglich ein kurzer Artikel erschien in der Tageszeitung...
„Mit mir hat man es nicht in Verbindung gebracht," dachte Gerd, während er seine Statue zusammen setzte.
„Gleich ist Mitternacht! Halloween! Wie passend," dachte er.
Die arrogante Julia und ihr Schläger würden die Nacht nicht überleben. Auch sie würden eines unnatürlichen Todes sterben, auch wenn er seinem Dämon, wie beim letzten Mal, beauftragen würde, den beiden noch einen letzten Gruß auszurichten.
Schließlich sollten sie wissen, warum sie starben und wer dafür verantwortlich war. Zuerst sollte der Dämon Julias Mann töten. Das würde ihr das Herz brechen und sie würde wahrscheinlich darum betteln, am Leben bleiben zu dürfen.
„Wahrscheinlich würde sie mich sofort zum Mann ihres Lebens erklären," dachte Gerd, während er seine Figur auf den Rasen setzte.
„Alle schlafen, keine Zeugen," freute er sich. „Aber vor einer halben Stunde hab ich noch den Müll raus gebracht und da ging der alte Herr Seller mit seinem Hund Gassi. Der kann im Notfall, falls doch mal jemand fragt, bezeugen, dass ich um halb zwölf noch hier war. Ich kann niemals eine halbe Stunde später jemanden in Köln ermordet haben...."
Aber das Alibi war höchstwahrscheinlich unnötig. Selbst wenn Julia herum erzählt hatte, dass sie Schwierigkeiten mit ihm hatte. Sie würde immerhin eines natürlichen Todes sterben.
Gerd glaubte, ein Geräusch zu hören. Ging doch noch ein Nachbar spazieren? Er horchte angestrengt in die Nacht, aber er hatte sich wohl geirrt. Vielleicht war auch nur ein Tier durch die Gegend und die Büsche gehuscht?
Er blickte wieder auf seine Figur und trat einen Schritt zurück, als der Dämon zur vollen Größe heranwuchs und vor ihm stand.
„Du hast mich wieder gerufen? Hast du heute wieder eine Seele für mich?"
Gerd nickte. „Ja, ich habe sogar zwei Seelen für dich. Ein unverschämte Frau, die mein Bemühen um sie in keinster Weise zu schätzen wusste und ihr gewaltbereiter Mann....."
Der Dämon unterbrach ihn und machte einen Schritt an ihm vorbei. „Wir werden beobachtet...."
Noch ehe Gerd reagieren konnte geschahen mehrere Dinge auf einmal. Der Dämon eilte auf die niedrige Hecke, die das Grundstück umgab, zu, als eine Gestalt, die offenbar dahinter gelauert hatte, aufsprang und etwas nach dem Dämon warf.
Das Wesen schrie auf und Gerd sah, dass ein Messer oder etwas ähnliches in der Brust des Geschöpfes steckte, während die Gestalt, Gerd erkannte lediglich, dass sie dunkel gekleidet war, halb über die Hecke stieg und sprang, dabei ein wenig stolperte, aber schnell wieder auf den Beinen war, als sich der Dämon auf sie stürzte.
Gerd wich zur Hauswand zurück, während der Dämon nach seinem Gegner griff. Aber dieser stieß nun mit einem Dolch, jedenfalls hielt Gerd es dafür, zu und zog dann schnell das Messer aus der Brust des Dämons.
Dieser schrie auf und schlug nach seinem Gegner und versetzte ihm einen harten Stoß. Der Angreifer ging zu Boden und Gerd stellte fest, dass sein Dämon den Kampf wohl gewonnen hatte.
Aber dann machte das Geschöpf einen Fehler.
Der Dämon beugte sich über seinen Gegner und Gerd sah eine Handbewegung, als die Klinge des Dolches auf den Hals des Dämons niederging.
„Mein Kopf! Er will mich töten," kreischte der Dämon, während er mit seinem Angreifer auf dem Boden rang. Diesem gelang es, noch einmal zuzuschlagen und der Kopf des Dämons fiel zu Boden. Noch während er fiel zerbrach er in zwei Hälfte, schrumpfte und zerbröselte in einem, während sich seltsame blaue Lichter in die Luft erhoben.
Nichts blieb von dem Wesen, das ihm, Gerd, unheimliche und treue Dienste zugleich geleistet hatte, übrig.
Gerd starrte die Gestalt, die den Dämon getötet hatte, ängstlich und ungläubig zugleich an. Es war also tatsächlich möglich, ein Geschöpf dieser Art zu vernichten?
Ihm kam der Gedanke, dass sein Großvater sich wahrscheinlich darüber gefreut hätte. Aber Gerd konnte sich nicht freuen. Das Wesen hatte doch gerade erst angegangen, richtig nützlich zu werden. Wie sollte er es je ersetzen?
Zu allem Übel trat der Eindringling nun auch noch auf ihn zu und Gerd wich noch in Stückchen weiter zurück. Er besah sich den Fremden genauer, konnte aber nicht allzu viel erkennen. Anscheinend handelte es sich um eine männliche Person, die mit einer schwarzen Hose und einer schwarzen Jacke bekleidet war.
Außerdem hatte sich der Fremde die Kapuze eines Kapuzenpullis über den Kopf gezogen. Leider konnte Gerd das Gesicht aufgrund der Lichtverhältnisse nicht wirklich erkennen. Aber das Gesicht seines Gegenübers interessierte ihn auch nicht sonderlich.
Ihn interessierten vor allem die Hände des Fremden. Er trug schwarze Handschuhe, welche Farbe auch sonst?, und hielt noch immer seinen Dolch und sein Messer umklammert. „Was....wollen Sie von mir? Wer sind sie?", fragte er mit und bemerkte, dass seine Stimme zitterte. „Was...soll das?"
Der Fremde machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Statt dessen sah Gerd das Messer auf sich zukommen....
Der Fremde starrte auf den toten Mann, der zu seinen Füßen lag und bückte sich, ohne zu zögern. Er durchsuchte die Taschen des Mannes und fand tatsächlich Bargeld in einem Portemonnaie. Er nahm die Scheine heraus und warf die Geldbörse achtlos auf den Boden, ehe er noch einmal nach der zerstörten Dämonenstatue sah.
Diese war gänzlich zu Staub zerfallen. Das war sehr gut so. Also würde niemand auf die Idee kommen, das Thema Statue und Mord auf irgend eine Weise in Zusammenhang zu bringen.
Er hatte seine Arbeit für diese Nacht verrichtet. Das war alles, was zählte. Die Statue würde ihren Auftrag nicht erfüllen und ihr Herr würde auch keinerlei Gelegenheit mehr haben, Schaden anzurichten.
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Dämonische Statuen - Rache
Mistero / ThrillerDiese Geschichte bringt die verschiedenen Handlungsstränge aus Dämonische Statuen - Zwei Feinde und Dämonische Statuen - Jessicas Geschichte zusammen. Vier der Höllendämonen wurden bereits besiegt, aber die Dämonenjäger werden nach wie vor gefordert...
