S.30

12.4K 348 16
                                        

· ─ ·𖥸· ─ ·
30

Ich finde es immer noch schockierend, dass Milans Vater seine eigene Frau entführt hat.

Und sie hat sich trotzdem in ihn verliebt.

Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin... da ist auch etwas zwischen mir und Milan. Und ich weiß nicht, ob es die Sache weniger krank macht, dass er nicht direkt mein Entführer ist.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.

Ich habe nichts mehr. Meine Eltern haben mich weggegeben, ich wurde entführt, mein angeblicher Freund ist tot - weil er mich töten wollte. Und Milan... er ist der Einzige, der trotz seiner respektlosen, anstrengenden Art irgendwie da ist.

Ich schließe die Augen und atme tief durch, genieße einen kurzen Moment der Ruhe.

Das ist bestimmt nur Einbildung.

Ich muss mir klarmachen, welche Möglichkeiten ich habe. Ich könnte neu anfangen. Mich von all dem hier lösen. Mir selbst etwas aufbauen. Jemand Normalen kennenlernen... neue Menschen treffen.

Normal.

Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?

Vielleicht sind meine Vorstellungen einfach falsch. Vielleicht bin ich es.

Ich kann hier nicht bleiben. Und trotzdem habe ich Angst vor dem, was passiert, wenn ich gehe. Wenn ich wirklich frei bin... werde ich dann überhaupt leben können? Oder werden sie mich verfolgen, egal wohin ich gehe?

Ich werde es nur herausfinden, wenn ich es versuche.

Und meine Chance wird kommen. Bald.

Aber sie muss perfekt sein. Unerwartet.

Ein falscher Moment - und ich bin verloren.

„Passend und unerwartet...", murmele ich leise und öffne wieder die Augen.

Milan kommt zurück, wirkt zufrieden, und bedeutet mir mit einem kurzen Blick, dass wir gehen.

„Wohin fahren wir jetzt?" frage ich, bemüht, mir meine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.

Ich bin müde. Meine Beine schmerzen. Meine Wimpern geben gleich auf und mein Make-up sieht auch nicht mehr frisch aus.

„In ein Hotel."

„Wie war dein Gespräch?"

„Gut."

Ich verdrehe die Augen.

Bei Milan heißt „gut" alles - und nichts.

Ich mustere ihn vorsichtig.

„Guck nicht so."

Alles klar. Schlechte Laune.

„Schlechte Laune, Milan?" frage ich, als wir an einer Ampel halten. Ich ziehe mein Kleid leicht zurecht und lehne den Kopf zurück. „Soll ich dir helfen, bessere Laune zu bekommen?"

MilanGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt