S.38

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Es ist bereits der nächste Abend. Und Wochenende.

Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie voll es heute wird.

Ich ziehe eine enge Jeans und ein schlichtes weißes Shirt an. Als ich im Laden ankomme, bestätigt sich meine Vermutung sofort: Es ist fast überfüllt.

Chani steht an der Theke und drückt mir direkt ein Handy in die Hand.

„Damit tippst du die Bestellungen ein."

Na dann.

„Hey zusammen, wisst ihr schon, was ihr trinken wollt?" Normalerweise würde ich sie siezen, aber hier läuft alles locker. Also duze ich - außer bei älteren Gästen.

Ich lehne mich leicht an einen Sessel und beginne, die Bestellungen aufzunehmen.

Trotzdem bin ich nervös.

„Ich nehme eine Pfeife mit Doppelapfel und dazu einen Arizona Green Tea."

„Ähm... ich glaube, Green Tea haben wir nicht."

Der Typ schaut mich genervt an.

„Was habt ihr denn?"

Er tippt ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

„Blaubeere, Pfirsich... Granatapfel..."

„Mir egal, nimm einfach irgendwas."

Na super.

Ist es wirklich so schwer, sich zu entscheiden?

Dann bekommt er eben Pfirsich.

Zum Glück bleiben die anderen bei Cola und einfachen Sushi-Platten.

Den Großteil der Zeit renne ich einfach nur hin und her. Trotz des Stresses bleibt Chani freundlich, selbst wenn ich mir ein paar Anfängerfehler erlaube.

Ein Kunde wollte einen Bueno-Shake - bekommen hat er einen Oreo-Shake.

Ups.

Je später es wird, desto lauter wird die Musik. Die Gäste, die jetzt noch da sind, wirken wie Stammkunden.

Jaden verteilt Shots aufs Haus und setzt sich zu einem VIP-Tisch. Chani landet kurze Zeit später auf seinem Schoß. Als er mich bemerkt, flüstert er ihr etwas ins Ohr.

Na toll.

Ich dachte, ich könnte mich einfach unauffällig mit Putzen beschäftigen.

„Bring Jaden und seinem Kollegen bitte einen Whisky", ruft Chani mir zu. „Ich kümmere mich derweil um die Tische."

Ich nicke und mache mich an die Arbeit.

„Das ist also dein neuer Engel", sagt einer der Männer am Tisch zu Jaden. Er hat offensichtlich schon ordentlich getrunken.

„Tja, ich hab eben Glück", grinst Jaden. „Umgeben von schönen Frauen - wer will das nicht? Danke, Flora."

Ich stelle die Gläser ab.

„Ich verkneife mir das Kotzen dann für später", murmele ich trocken.

Jaden winkt mich näher.

„Setz dich kurz."

Er klopft demonstrativ auf seinen Schoß.

Ich winke nur ab und setze mich demonstrativ neben ihn.

Soweit kommt's noch.

Er seufzt, nimmt es aber mit Humor.

„Gefällt es dir hier?"

Ich nicke.

Und tatsächlich - ich hatte Spaß. Die meisten Gäste sind entspannt, locker... vielleicht auch, weil sie ungefähr in meinem Alter sind.

„Du hast keine eigene Wohnung, oder?"

Ich beiße mir auf die Lippe.

„Woher weißt du das?"

„Dein Arbeitsvertrag. Ich kann lesen, Flora."

Er grinst.

„Mein Kumpel hier..." Er klopft seinem Kollegen auf die Schulter. „...vermietet Wohnungen."

Sofort wird der aufmerksam und reicht mir die Hand.

„Klar. Was suchst du? Drei Zimmer? Vier? Oder eher was Kleines? Warte... ich glaube, ich habe genau das Richtige für dich."

Er zeigt mir Fotos auf seinem Handy.

Eine Dachgeschosswohnung.

Nicht riesig, aber modern. Und mit Terrasse.

Ich bin sofort verliebt.

Und bezahlbar ist sie auch.

Ansprüche kann ich mir sowieso nicht leisten - also sage ich direkt zu.

Die Möbel kann ich sogar übernehmen.

Besser geht's wirklich nicht.

Ich soll noch mal darüber nachdenken... aber am Freitag wäre sie frei.

~

Einige Tage später.

Meine Paranoia ist fast verschwunden.

Zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, wirklich frei zu sein. Ich kann atmen, ohne ständig Angst zu haben, wer hinter mir steht.

Ich hoffe, Milan kümmert sich gut um Katharina.

Zumindest wünsche ich ihm... Frieden.

Ich habe mich gut in der neuen Wohnung eingelebt. Jaden und Chani haben mir geholfen - na ja, hauptsächlich Chani.

Dafür bin ich wirklich dankbar.

Die Bar ist inzwischen so etwas wie mein zweites Zuhause geworden. Jeden Tag lerne ich neue Leute kennen, und kein Abend gleicht dem anderen.

Und trotzdem...

habe ich das Gefühl, dass etwas fehlt.

Als müsste ich dringend etwas erledigen.

Aber ich weiß nicht, was.

Oder ich will es nicht wissen.

Ich mache mich fertig, lasse dabei Musik laufen. Gleich beginnt meine Schicht - und es ist wieder Wochenende.

Das wird ein langer Abend.

Ich denke oft an meine Eltern.

Einmal habe ich sogar den Mut gehabt, von einer Telefonzelle aus anzurufen. Doch kaum hatte mein Vater angefangen, seinen Nachnamen zu sagen, habe ich aufgelegt.

Ein Neuanfang ist schwer, wenn die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen ist.

Aber vielleicht regelt die Zeit das alles.

Zumindest hoffe ich das.

Als ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, höre ich den Laden schon von Weitem.

Laute Musik, Stimmen, Leben.

Wenn das nicht mein Arbeitsplatz wäre... dann definitiv meine Stammbar.

Und verdammt - es gefällt mir hier.

Ich kann die Leute sogar beleidigen, und sie nehmen es mir nicht übel.

Als ich mir gerade die Hände wasche, kommt mir eine gestresste Chani entgegen, die hektisch Eis nachfüllt.

„Spielt Jaden wieder Kunde statt Chef?"

Sie flitzt von einer Ecke in die nächste.

„Wir bekommen gleich prominenten Besuch. Der VIP-Tisch ist reserviert, und wir müssen alles vorbereiten. Und Jaden, dieser Idiot, genießt irgendwo sein Leben."

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