· ─ ·𖥸· ─ ·
34
Vier Tage sind inzwischen vergangen.
Bei Drogos Geschäften scheint etwas gewaltig schiefgelaufen zu sein. Er hat kaum Zeit für mich und kauft mir stattdessen sogar eine Spielkonsole, als wäre ich damit ruhigzustellen. Hin und wieder schaut er nach mir und versucht, mir näherzukommen, doch jedes Mal kommt etwas dazwischen.
Er faselt etwas von „aufgeflogen".
Wie jeden Tag um 15 Uhr kommt er herein, setzt sich erschöpft hin und schließt für einen Moment die Augen.
„Ich muss heute Abend geschäftlich weg und würde dich gern mitnehmen. Du kennst diesen Ort."
Ich runzle die Stirn und überlege kurz, habe aber keine Ahnung, wovon er spricht.
Hoffentlich ist Milan nicht dort. Er hat mir zweimal geschrieben.
„Hallo."
Und:
„Wer ist Hildegard?"
Wahrscheinlich hat er ein Foto von mir und Drogo gesehen, und jetzt spielen sich die wildesten Szenen in seinem kranken Kopf ab.
„Zieh dich um, wir haben nur zwei Stunden Zeit." Drogo streicht mir kurz über den Kopf und verschwindet wieder.
Ich finde es seltsam, dass er bisher nichts Ernstes versucht hat.
Kurz darauf kommt eine Frau herein, die mir beim Umziehen helfen will. Ich lehne höflich ab und suche mir selbst ein weißes Kleid aus - der Kontrast zu meinen dunklen Haaren gefällt mir.
Rein optisch würde ich eher zu Milan passen als zu Drogo. Drogo ist das komplette Gegenteil: blond, blauäugig, kein einziges Tattoo.
Und schon denke ich wieder an diesen Mafiosi-Idioten, der irgendwo auf Reisen ist.
Vorsichtig hebe ich meinen Rock und befestige das Messer darunter. Man weiß nie, wann man es brauchen könnte.
Als ich schließlich fertig geschminkt in die Eingangshalle trete, greift Drogo nach meiner Hand und mustert mich mit einem gierigen Blick.
„Hmm, Süße, du siehst zauberhaft aus. Und dich kann ich mein nennen."
Oh nein. Ich gehöre niemandem.
„Wohin geht es?"
Und er hatte recht.
Ich kenne diesen Ort.
Sofort läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, als wir die Eingangshalle betreten.
Der Ort, an dem Menschenhandel betrieben wird.
„Warum sind wir hier?"
„Keine Sorge. Dieses Mal bist du nicht die Hauptattraktion."
Ich sage nichts, doch meine Beine beginnen zu zittern.
„Drogo, mein Freund." Ein schmieriger Mann kommt auf uns zu. Hinter ihm steht ein anderer, der nach Zigaretten stinkt und ungepflegt aussieht. Sein Blick wandert über mich, und er leckt sich widerlich über die Lippen.
„Verkaufst du sie?" brummt er.
„Verzeih meinen Freund. Er hat seine Dosis heute noch nicht bekommen. Du Idiot, das ist Milans Kleine", stellt der andere klar.
Der Widerliche knackt mit dem Hals.
„Und deshalb ist sie mit dir hier? Wer's glaubt. Fickt er nicht mehr deine Schwester, Drogo?"
Ich reiße überrascht die Augen auf und verstecke mich instinktiv hinter Drogo.
„Vielleicht hat er sie inzwischen prostituiert."
Warum sagt Drogo nichts? Hat er etwa Angst vor denen?
„Na ja, wenigstens sieht sie nicht aus wie zwei verbrannte Hunde", murmele ich genervt und kann kaum glauben, dass ich gerade Katharina verteidige.
Der eine Mann hält den anderen zurück, sonst wäre er wohl auf mich losgegangen. Ich zucke nicht einmal zusammen.
Drogo hingegen steht wie versteinert da.
Erst als die beiden verschwinden, findet er seine Stimme wieder. „Bist du eigentlich lebensmüde?" zischt er und packt meinen Arm viel zu fest.
„Bist du komplett bescheuert? Der Typ hat deine Schwester beleidigt und mich mit Blicken ausgezogen!"
„Ach ja?" Seine Stimme wird kalt. „Vielleicht komme ich später noch auf ihn zurück. Er zahlt bestimmt gut für dich. Und danach nehme ich mir, worauf ich Lust habe."
„Das-"
„Oh doch."
Mir wird schlecht.
„Ich muss auf die Toilette."
Ich reiße mich los und renne in den Waschraum.
Panisch suche ich nach einem Fenster, doch überall sind Wachleute. Für den Fall, dass die „Ware" flieht.
Ich hasse diesen Ort. Ich hasse Drogo.
Draußen hallt plötzlich ein lauter Knall, doch ich ignoriere ihn und versuche verzweifelt, durch eine kleine Öffnung zu entkommen.
„Oh nein, du bleibst schön hier."
Der Widerliche von vorhin packt mich, drückt mich gegen die kalte Wand und zerreißt mein Kleid.
„Fass mich nicht an!"
Im Hintergrund fallen Schüsse. Menschen schreien. Chaos bricht aus.
„Alles läuft nach Plan", keucht er. „Und du wirst jetzt mit mir feiern."
Er reißt an meinen Haaren. Mein Körper schmerzt, ich schreie, weine, versuche ihn wegzustoßen - vergeblich. Er ist viel stärker.
Ich höre das Klirren seines Gürtels.
Mein Körper erstarrt.
Wie in Trance taste ich nach unten, finde das Messer und ziehe es hervor.
Ohne nachzudenken stoße ich zu.
Die Klinge trifft seine Kehle.
Er röchelt, Blut spritzt auf den Boden, auf meine Hände, überall.
Stille.
„LUCY, WIR MÜSSEN-... WAS HAST DU GETAN?"
Ich stehe reglos da.
Ich habe ihn getötet.
Er ist tot.
Ich habe ein Leben beendet.
Ich bin ein Mörder.
Und ich bereue es nicht.
Drogo ist abgelenkt, versucht, die Situation zu retten. Ich nutze den Moment und renne los.
„WIR SIND TOT!" höre ich ihn hinter mir schreien.
Überall Panik. Menschen drängen sich, bilden einen Kreis um irgendetwas. Ich stolpere, fange mich wieder und renne einfach weiter.
Meine Lunge brennt, ich bekomme kaum Luft.
Alles fühlt sich unwirklich an, wie ein Albtraum.
Plötzlich packt mich jemand von hinten und zieht mich aus der Menge, hinaus ins Freie.
Ich wehre mich nicht einmal.
Erst als ich frische Luft einatme und stehen bleibe, erkenne ich ihn.
Milan.
„Sieh mich an, Lucy. Was ist passiert?"
Ich schluchze, bekomme kaum ein Wort heraus. Er bringt mich zu seinem Auto, setzt sich mit mir auf die Rückbank und sieht mich eindringlich an.
„Rede mit mir."
Meine Stimme zittert.
„Ich hab ihn getötet, Milan. Ich... ich habe jemanden umgebracht."
34
· ─ ·𖥸· ─ ·
DU LIEST GERADE
Milan
RomanceLucy wird entführt - ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, aus einem Leben, das ohnehin nie wirklich ihr eigenes war. Plötzlich befindet sie sich an einem Ort, an dem Regeln nicht mehr gelten und Menschen weniger wert sind als Geheimnisse. Gefangen in ei...
