After all these years

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Wörter: 3479

Kaz saß unter einer Brücke. Neben ihm ein Junge, etwa in seinem Alter. Sie kannten sich erst seit einigen Stunden. Und man konnte es nicht kennen nennen. Der Junge hatte bereits dort gesessen, als Kaz angekommen war. Da der Junge in Kaz' Augen nicht gefährlich wirkte, hatte er sich einfach daneben gesetzt. Er war verloren. Er wollte sich keinen anderen Ort suchen, um sich zu verstecken. Er war gerade am Hafen. Wieder. Wie jeden Tag. Jordie war nun seit vier Tagen tot, Kaz seit vier Tagen allein.

Gut, im Moment war er nicht allein. Er hatte den Jungen neben sich. Aber einsam fühlte er sich trotzdem. Kein Wunder. Er kannte den Jungen nicht. Er hatte kein Wort mit ihm gesprochen. Er saß mindestens drei Meter weg von ihm. Er hatte ihn nicht mehr angesehen, seit er sich gesetzt hatte. Auch der andere Junge hatte nichts getan.

Doch Kaz war neugierig. Er konnte nicht mehr widerstehen. Also wendete er den Blick zu dem Jungen. Er hatte dunkle Haut, dunkle Augen. Sein Körper war feingliedrig, er saß gerade, seinen Kopf ließ er hängen. Als Kaz den anderen Jungen scheinbar zu lange angestarrt hatte, drehte er seinen Kopf und sah Kaz an. Dieser wusste nicht wie er reagieren sollte und kratzte sich am Nacken, bekam Panik.

"H-H-Hi." stotterte er schließlich. Er hasste es, wenn er stotterte. "Hallo." erwiderte der andere. Er zog die Füße dichter an seinen Körper und rieb darüber, schien zu frieren. Kaz konnte es verstehen, auch ihm war kalt. Seine Finger waren eisig.

"Wie heißt du?" fragte Kaz dennoch und rutschte unsicher näher zu dem Jungen, wandte sich ihm zu. "Poppy. Und du?" "Kaz." "Kaz..." wiederholte der Junge, dessen Name wohl Poppy war. Er ließ die drei Buchstaben auf seiner Zunge zergehen. Kaz lächelte. Er mochte die Art, wie Poppy seinen Namen sagte. Aus seinem Mund klang es, wie das schönste Wort der Welt. Dabei war Kaz sich immer unsicher gewesen, ob er einen schönen Namen hatte oder nicht.

Jordie war ein normaler Name. Kaz war immer neidisch darauf gewesen. Er konnte sich erinnern, wie er Jordie mal gefragt hatte, ob sie nicht tauschen könnten. Natürlich hatte Jordie verneint und Kaz gesagt, dass er einen tollen Namen hatte. Kaz war nicht überzeugt gewesen. Er wurde immer von den anderen Kindern für seinen Namen gehänselt. Er hasste ihn, anders konnte man es nicht sagen. Vielleicht war es ein schöner Name. Aber nicht für ihn.

Doch die Art, wie Poppy den Namen aussprach, machte ihn schön. Und zum ersten Mal war Kaz froh diesen Namen zu tragen.

"Wieso bist du in Ketterdam?" fragte Kaz' Gegenüber und sah ihn neugierig an. Er rutschte nun ebenfalls mehr an den anderen Jungen heran. Kaz wollte nicht darüber sprechen. Er wollte nicht von Jordie sprechen müssen. Die Wunde war zu frisch. Andererseits glaubte Kaz, dass die Wunde nie heilen würde. Er würde nicht mehr von Jordie sprechen. Nie wieder.

Also zuckte er einfach mit den Schultern: "Ich bin von zu Hause weggelaufen. Und du?" "Auch." Kaz nickte stumm. Sie saßen wieder schweigend voreinander. Auf einmal griff Poppy in seine dünne Jacke und zog ein Päckchen heraus. Er wickelte das Papier ab und ein halbes Brötchen kam zum Vorschein. Kaz schluckte. Er hatte lange nichts mehr gegessen. Er konnte sich nicht mal erinnern, wann er das letzte Mal gegessen hatte. Bisher musste immer ein Schluck Wasser aus dem Brunnen reichen, um sein Hungergefühl zu beruhigen. Natürlich brachte es nicht viel. Aber Kaz hatte kein Geld, um sich Essen zu kaufen. Und die Jobsuche lief wenig erfolgreich voran. Okay, sie war überhaupt nicht erfolgreich.

Kaz wendete den Blick ab. Er wollte nicht auf das Essen des anderen starren. Als er ein Räuspern hörte, drehte er sich doch wieder zu dem Jungen. Dieser hielt ihm die Hälfte seines halben Brötchens hin: "Es ist schon ein wenig hart, aber besser als nichts." Kaz zögerte: "Es gehört dir." "Und ich teile es mit dir. Wem hilft es denn, wenn du verhungerst?" Dankbar lächelte Kaz und griff nach dem Brötchen. Hungrig biss er hinein.

Six of Crows OneshotsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt