Kapitel 80

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"Wie kann man seinem Kind bloß soetwas antun. Ich versteht das nicht. Sie hätte doch ihren Vater kennenlernen müssen. Achtunddreißig Jahre. Achtunddreißig Jahre wurde sie von ihnen belogen. Spätestens als Teenager, hätte sie ihr die Wahrheit sagen können. Oder siehst du das anders?", regte Michael sich in Ingos Gegenwart über das Verhalten von Mints Eltern auf. Ihm war bewusst, dass die Tonfrau bereits mit ihren eigenen Emotionen zu kämpfen hatte, weshalb er seine Wut bewusst zurückhielt. Er wollte sie nicht zusätzlich belasten. "Ich verstehe beide Seiten. Ihre Eltern wollten sie nur beschützen und das Beste für sie. Mint hätte es sicherlich nicht geholfen, wenn wegen ihr die gesamte Familie zerbrochen wäre... vielleicht sogar zwei Familien", antwortete er seinem Schützling ruhig, "Dennoch finde ich es bedenklich, dass ihr die Herkunft verschwiegen wurde. Als Teenager hätte ihre Mutter mit Sicherheit das Gespräch suchen können, besonders da sie gesehen hat, wie schlecht es Mint ging, weil alle sie ausschlossen. Als Vater würde ich alles in meiner Macht Stehende tun, sobald ich merke, dass es meinen Kindern nicht gut geht... vor allem, wenn eine mögliche Lösung so naheliegend ist wie in ihrem Fall. Doch wir dürfen nie vergessen, dass wir die genauen Hintergründe dieser Situation nicht kennen und wahrscheinlich auch niemals kennenlernen." "Du hast recht, wir kennen die genauen Umstände nicht. Ihre Mutter hatte vermutlich einen plausibeln Grund für ihre Entscheidung... Okay, mag ich vielleicht verstehen...  aber was ich nicht verstehe, ist wie ihr Vater damit leben kann. Wüsste ich, dass ich irgendwo eine Tochter habe, dann würde alle Hebel in Bewegung setzten, um ein Teil ihres Leben zu werden. All die besonderen Augenblick, sowie die Zeit, die ihr Vater in ihrem Leben verpasst hat, wird er mit ihr niemals nachholen können. So eine Entscheidung muss man doch bereuen oder? Besonders wenn er eigentlich Teil ihres Lebens sein wollte, wonach es am Ende vom Brief deutlich kla...", unterbrach ihn sein Husten und zwang seine Stimme zu einer kurzen Pause, die ihm besser tat als er jemals zugeben würde, da er seinen Hals fürs Konzert eigentlich schonen wollte, um am Abend nicht heißer auf der Bühne zu stehen. Seine Fans werden ihn hassen... jedoch geht es hierbei um seine Freundin, die er nicht nochmal wegen seiner Arbeit verlieren mag, indem er den Brief aus seinen Gedanken einfach verdrängt. Er möchte für Mint da sein und ihr helfen, wofür seine eigene Wut weichen muss, damit er seinen Fokus allein auf sie richten kann.

Leichter gesagt als getan. Besonders der Punkt, dass er gerne selbst Vater sein möchte und ihren leiblichen Vater dadurch noch weniger versteht, machte ihm schwer zu schaffen. Das Glück, welches ihm bislang verwehrt blieb, schmiss dieser mit beiden Händen zum Fenster raus. Ein eigenes Kind, dass eigene Fleisch und Blut, etwas schöneres konnte einem das Leben nicht schenken. Ein kleines Wunder. Ein kleiner Zwerg, der zusammen mit einem die Welt erkundet, tausende Fragen stellt und jede Kleinigkeit mit seinen strahlenden Augen, voller Faszination, aufsaugt. Verdammt, er konnte diesem Wunsch nicht widerstehen. Nicht einmal für Mint. Ganz egal wie oft er sich einredet, dass er nur sie braucht um glücklich zu sein... es stimmt nicht. Sein Herz wird sich immer nach einem eigenen Kind sehnen, sei es auch nur ein kleiner Teil, von dem seine Freundin niemals erzählen darf. Wegen seinem unfüllten Kinderwunsch möchte der Musiker ihre Beziehung nicht ein weiteres Mal in Gefahr bringen. Vielleicht benötigt sein Herz bloß mehr Zeit, bis es mit dem Wunsch nach einem eigenen Kind abschließen kann. Selbst wenn er alles dafür tun täte, muss er der Realität ins Auge blicken, dass er nicht mehr der Jüngste ist und eine Vaterschaft nicht besonders gut in seinen Terminplan passt. Und beides unter einen Hut zu bekommen, stellt eine große Herausforderung dar, über die er sich allerdings nicht unnötig den Kopf zerbrechen wollte. Vielleicht Menschen besaßen weder einen Job, noch eine Freundin... er sollte zufrieden sein mit dem Leben, welches er leben darf, anstatt seinen Träumen nachzutrauern. Das Leben ist nunmal kein Wunschkonzert und wird es auch nie werden.

Ingo zuckte mit seinen Schultern, "Eigentlich schon. Ich würde es jedenfalls sehr bereuen, hätte ich die Kindheit meiner Söhne nicht miterlebt. Aber vielleicht ist das auch nochmal anders, wenn man sein Kind noch nie getroffen hat. Oder bloß einmal. Ich kann dir diese Frage leider nicht beantworten. Der Einzige der Mint und uns diese und all die anderen Fragen beantworten kann, ist vermutlich ihr Vater." "Den sie nicht suchen will.", seufzte Michael. "Sie hat gesagt, dass sie es nicht weiß und erstmal Zeit braucht. Sei man nicht gleich so pessimistisch." "I know, but I don't want her to waste any more time with him.", ließ der Musiker sich seufzend auf einen Stuhl sinken. Er wollte doch nicht mehr als das seine Freundin glücklich ist und eine Familie hat, bei der sie zu jederzeit willkommen ist. "Versteh ich, aber das können wir nicht für sie entscheiden.", legte er seinem Schützling fürsorglich eine Hand auf die Schulter, "Außerdem kennst du sie doch, wenn sie etwas nicht will, dann kann sie sich arg querstellen, dagegen würden wir beide niemals ankommen." Beide Männer fingen an zu schmunzeln. "Recht hast du. Sie kann sehr stur sein. Dennoch würde ich gerne etwas für sie machen." Bloß was... er konnte schlecht in die Vergangenheit reisen, um ihr alle Informationen, die sie gerne wissen würde, zu besorgen. "Also... wenn du magst. Ich könnte mich mal vorsichtig umhören, ob aus meinem Bekanntenkreis jemand zufällig ihren Vater kennt?", bot sein Bodyguard an. Eine Idee bei der Michael am liebsten sofort laut 'Ja' gerufen hätte, wäre da nicht seine Angst Mint erneut zu verlieren, sobald sie von Ingos Vorhaben Wind bekommt. Ihr fehlendes Vertrauen bekäme er dadurch nicht zurück... sollte bei der Recherche allerdings herraus kommen, dass ihr Vater kein netter Mensch ist, dann könnte er sie beschützen, bevor ihr ein weiterer Mensch in ihrem Leben wehtut und ihre zarte Seele verletzt. "Glaubst du das ist eine gute Idee?", nachdenklich biss er auf seine Unterlippe, "Ich würde gerne mehr über ihren Vater herausfinden, aber ich möchte nicht riskieren, dass Min sauer auf mich ist." Verständnisvoll nickte sein Gegenüber, "Keine Sorge ich hör mich nur ein wenig um. Sie wird davon nichts mitbekommen, außer wir sagen es ihr." "Na gut. Ich vertrau dir. Bin gespannt, von welchem Mann sie ihre Leidenschaft für Musik und Sound geerbt hat." Vielleicht stammt sie wie er aus einer musikalischen Familie ab. Solange sie nicht mehr als zehn Halbgeschwister hat, war ihm alles recht. Seine eigene Familie überforderte ihn bereits das ein oder andere Mal mit dessen Größe, eine weitere Familie in dieser Art und er verliert jeglichen Überblick. "Sobald ich etwas weiß, werde ich es dir berichten." "Thanks Buddy, you are the best.", formten seine schmalen Lippen ein wertschätzendes Lächeln.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Dec 21, 2025 ⏰

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