„Bist du von der Mafia? Du trägst nämlich so einen schwarzen Anzug", fragte Neon erst einmal, bevor sie einwilligte, etwas mit Chrollo essen zu gehen.
Schnell schüttelte Chrollo den Kopf. „Ich bin damit nur auf die Auktion gegangen. Ich wollte nicht unbedingt auffallen, weißt du?", gab Chrollo vor.
Er trug wieder diesen schwarzen Anzug, anstatt seines eigenen langen Mantels, da er so wohl glaubhafter erscheinen würde.
„Dann ist ja gut", meinte Neon erleichtert und wendete ihren Blick gen Himmel. Sie musste minutenlang den Mond angestarrt haben. Mit einem ziemlich leeren Blick.
Als Chrollo dann allmählich anfing, ungeduldig zu werden, fragte er, aber ohne sich etwas anmerken zu lassen: „Ist denn alles in Ordnung? Du siehst unglücklich aus."
„Wenn du mit mir essen gehst, dann bringst du mich am Ende nicht hierher zurück, oder?", fragte sie nur. Chrollo schüttelte den Kopf. Konnte ihm ja egal sein, wo sie danach hinging, er brauchte nur endlich diese verdammte Fähigkeit.
„Gut, dann lass uns losgehen, zu einem Restaurant in der Innenstadt. So hab ich wahrscheinlich eine bessere Chance auf Freiheit, als alleine", willigte sie dann ein, mit ihm etwas essen zu gehen.
Die beiden standen aus dem Laub auf und machten sich auf den Weg in die Innenstadt von Yorkshin.
„Weißt du, ich habe das Leben mit diesen Leuten satt", fing Neon irgendwann an, das Schweigen der beiden zu brechen, mit dem sie in Richtung eines schicken Restaurants steuerten.
Chrollo sah sie erwartungsvoll an. Sie sollte weitererzählen.
„Sie sperren mich immer nur ein. Sie haben gesagt, ich darf zur Auktion, aber jetzt auf einmal nicht mehr. Nur weil sie sagen, es sei zu gefährlich, weil die Auktion angegriffen wurde, oder so.
Aber mir ist doch egal, wie gefährlich es ist. Ich will eben trotzdem dahin. Ich wollte die Körperteile ersteigern", erzählte sie mit einer gewissen Traurigkeit in ihrer Stimme.
Chrollo zeigte ihr sein Mitgefühl, zumindest glaubte sie, es wäre so. Insgeheim musste er bloß etwas lachen. Sie wollte Körperteile? Da hätte sie sich ja gut mit Feitan verstanden.
Neon redete weiter: „Aber sie haben mich nicht nur heute eingesperrt. Sie tun es immer. Mein Vater tut es immer. Nicht, weil er Angst um mich hat, sondern, weil er Angst hat, dass, wenn ich irgendwie verschwinden sollte, sein Geschäft den Bach runtergeht, weil dann meine Fähigkeit weg wäre. Also bestellt er immer Bodyguards zu uns nach Hause, damit mir auch ja nichts passiert. Und dann sollte ich noch der Mafia helfen. Aber keiner von ihnen versteht, dass ich auch einfach mal nach draußen will. Ohne diese Leute. Ich will einfach mal frei sein. Deswegen bin ich abgehauen."
Also hatte die Mafia sie wirklich in der Hand. Neon hatte ja eine richtige Geschichte zu erzählen, dachte Chrollo. Er tat, als würde er sie trösten und versuchen, sie aufzumuntern. Das wirkte sogar.
„Und dann hab ich dich getroffen, obwohl ich dich gar nicht kenne, du hilfst mir, ein bisschen frei zu sein! Deswegen bin ich auch mit dir mitgegangen.
Aber irgendwann muss ich auch wieder zurück, dafür, dass ich so behandelt werde, kauft mir mein Vater alles, was ich will", sagte sie aufeinmal fröhlich.
Sie konnte wohl auch anders, dachte Chrollo. Ganz schön gerissen.
Und so schlenderten die beiden durch Yorkshins Innenstadt, vorbei an den vielen Ständen, wo alles mögliche verkauft wurde, vorbei an den ganzen bunten Lichtern, vorbei an den dunklen Gassen, unter dem schönen, silbernen Mondlicht.
Irgendwann erreichten sie dann endlich das Restaurant.
Chrollo fragte die Bedienung nach einem Tisch für zwei, irgendwo in einer Ecke am Fenster. So weit hinten, damit sie nicht so einfach gesehen werden konnten, sonst hätte vielleicht noch jemand Verdacht geschöpft. Man konnte ja nie wissen, wer alles Chrollos Gesicht kannte. Wobei, das Kreuz auf der Stirn hatte er verbunden, sonst wäre Neon noch irgendwie misstrauisch geworden. Und die Haare trug er wieder normal, schön verstrubbelt. So gefiel es ihm wirklich besser.
Sie bestellten sich also etwas zu essen und schon bald ging ihr Gespräch auch schon weiter.
Das Beste an diesem Restaurant war wohl die unglaubliche Aussicht aus dem Fenster, neben ihrem Tisch. Für Chrollo gab es kaum etwas Schöneres als die Dunkelheit der Nacht. Zusammen mit dem Mond.
„Also Neon... Wie gesagt, man hört ja so von dir. Also wollte ich schon immer mal mehr über deine Fähigkeit wissen", meinte Chrollo irgendwann, anscheinend ganz interessiert.
„Ich hab ja schon gesagt", antwortete Neon, wieder mit diesem unglücklichen Blick, „wegen dieser Fähigkeit wurde mir meine Freiheit genommen. Eigentlich mag ich die Fähigkeit, aber manchmal wünschte ich, ich hätte sie gar nicht."
Bedrückt schaute sie aus dem Fenster, in den weiten, dunklen Himmel. Ihr langes, blaues Haar glänzte silbern im Licht des Mondes.
„Diese Fähigkeit macht dich eben zu etwas ganz Besonderem", lächelte Chrollo, „und solange du stark bist, bist du auch frei. Du hast es ja gerade geschafft, nicht wahr?"
Neon sah auf, sie sah Chrollo in die Augen. Irgendwie wollte sie ihm vertrauen. Er war der erste, der nicht bloß wegen ihrer Fähigkeit mit ihr sprach. Das glaubte sie zumindest.
Chrollo hätte Schauspieler werden können.
Noch dazu versteckte er gänzlich sein bösartiges Nen. Neon hätte niemals Verdacht geschöpft. Für sie war er einfach nur irgendein Typ, der sich gerade mit ihr anzufreunden schien.
„Willst du deine eigene Zukunft wissen?", fragte sie ihn. „Mit größtem Vergnügen", erwiderte er euphorisch. Das ging ja einfach.
„Schreib deinen vollen Namen, deinen Geburtstag und deine Blutgruppe auf das Blatt Papier hier", meinte sie und schob ihm ein kleines Blatt Papier hin. Und einen Stift.
Chrollo ergriff beides und tat, wie sie sagte.
„Das brauche ich, um deine Zukunft zu lesen", erklärte Neon.
Dann, auf einmal, schloss sie ihre Augen, und ein seltsam aussehendes, geistartiges Geschöpf erschien an ihrer Schulter. Dann schrieb sie etwas auf das Papier. Sie schien das aber nicht vorsätzlich zu tun, anscheinend steuerte der Geist an ihrer Schulter ihren Arm, und das, was sie schrieb.
Als sie damit fertig war, erklärte sie, dass sie bei ihrer Fähigkeit „Lovely Ghostwriter" gar nicht selbst wusste, was sie da schrieb, sondern dass dieser Geist sie leitete. Und dass die Zukunft immer in Versen geschrieben wurde. Jeder Vers stand für eine Woche des Monats, der vor einem lag. Wobei der erste Vers besagte, was in der jetzigen Woche schon geschehen war.
Chrollo nickte verständnisvoll und nahm das Blatt Papier mit seiner Prophezeiung darauf an sich.
„Willst du es nicht lesen?", fragte er.
„Ich lese nie, was ich anderen Prophezeihe. Ich glaube, das bringt Unglück", antwortete sie.
„Warum steckst du es weg?", fragte sie weiter, „willst du es auch nicht lesen?"
„Ich lese es mit meinen Freunden zusammen, später."
Neon nickte.
Endlich, zwei von den Bedingungen hatte Chrollo erledigt, um die Fähigkeit zu stehlen. Und dann schaffte er es auch noch irgendwie, dass sie ihre Hand auf den Abdruck auf seinem Buch legte. Er hatte ihr eben wieder etwas Brilliantes vorgespielt.
Jetzt hatte er, was er wollte. Er musste nur noch irgendwie nach Hause kommen, ohne sie.
Doch er wollte sie noch etwas fragen.
„Neon", fing er an, „Glaubst du eigentlich an die Phantomtruppe?"
„Wie?", fragte sie zurück. Ihre türkisfarbenen Augen leuchteten auf.
„Na diese Gruppe von Dieben, diese Massenmörder da. Manche glauben, dass die Mafia sie nur erfunden hat, weil sie bei ihren Überfällen immer verschwinden, ohne Beweise zu hinterlassen. Deswegen wohl auch ,Phantom'", erklärte Chrollo, und lächelte dabei so unschuldig, wie nur möglich.
„Ach die", antwortete Neon, als hätte sie die Antwort schon gewusst.
„Ja, ich glaube, dass es sie gibt."
„Und was hälst du von ihnen?", fragte Chrollo weiter.
„Ganz ehrlich? Ich bewundere sie."
Chrollos Augen weiteten sich etwas, als er das gehört hatte. Es gab jemanden, der sich nicht vor ihnen fürchtete? Der sie bewunderte?
Neon redete weiter: „Ich bewundere sie, weil sie frei sind. Sie tun und lassen, was sie wollen. Niemand kann ihnen etwas vorschreiben. Und niemand kann sie einsperren, weil sie so stark sind. Egal, was für grausame Dinge sie tun, ich bewundere sie, für ihre unendliche Freiheit."
Chrollo zögerte eine Weile, bevor er etwas sagte. So etwas hatte er von noch niemandem gehört. Aber er verstand, was sie meinte. Die Spinnen waren wirklich, unendlich frei. Er liebte diese Freiheit, so sehr wie er die Dunkelheit liebte.
„Weißt du noch, als ich vorhin auf das Dach deines Hotels klettern wollte? Ich wollte ja den Mond sehen. Ich möchte auch frei sein. Und immer, wenn ich den Mond sehe, dann fühlt es sich so an, als wäre ich es", sagte Chrollo lächelnd. Wenn sie bloß wüsste, wer er wirklich war. Dass er längst unendlich frei war.
Neon lachte. „Dann sind wir uns ja ähnlich. Meine Fähigkeit hat mich immer eingesperrt. Aber, da ich dich getroffen habe, habe ich eingesehen, dass ich das auch verhindern kann. Ich muss nur stark sein. Ich liebe es ja, die Zukunft vorauszusagen."
Neon strahlte richtig.
„Denk aber dran", meinte Chrollo, „Die Freiheit und der Tod sind wie Zwillinge."
Jetzt verstand Neon nicht mehr ganz, was Chrollo damit meinte. Die Freiheit und der Tod, Zwillinge? Sie machte sich nicht sehr viele Gedanken darum und widmete sich Chrollo wieder.
„Ich muss langsam los, meine Freunde warten", meinte er und stand auf. Neon nickte und tat es ihm gleich. Die beiden verließen das Restaurant, zurück auf die Straßen.
„Danke. Dass du mir ein Stück Freiheit gezeigt hast", lächelte Neon. „Kein Problem", entgegnete Chrollo.
„Wir sehen uns doch mal wieder, oder?", fragte sie.
„Ganz bestimmt", log Chrollo mit dem größten Charme, den er aufbringen konnte.
Er hatte nun wirklich keine Zeit für jemanden wie sie, alles, was er brauchte, waren seine Freunde. Und zu denen musste er gerade zurück, so schnell es ging.
Neon wollte sich gerade von ihm abwenden, da brach sie zusammen, mitten auf der Straße.
Behutsam fing Chrollo sie auf, sodass sie in seinen Armen lag. Er ließ es so aussehen, als müsste er sie um jeden Preis beschützen.
Dann schrie er nach einem Krankenwagen, spielte so besorgt, als hätte er Angst um ihr Leben.
Der Krankenwagen kam, nach ein paar Diskussionen, und nahm Neon mit. Ohne Chrollo. Der machte sich bloß grinsend auf den Weg zurück zu seinen Freunden.
Niemand hatte gesehen, wie er sie ausgeknockt hatte, so schnell war sein Schlag gewesen.
Er musste dafür sorgen, dass sie zurück in ihr Hotel kam, anderweitig hätte es noch Probleme geben können. Sie war eben immernoch die Tochter des Nostrade-Oberhauptes. Die Nostradeprinzessin, sozusagen. Es durfte ihm also doch nicht egal sein.
‚Da hattest du eben nur kurz deine Freiheit', dachte er, als er zurück zum Versteck schlenderte. In Wirklichkeit war ihm so ziemlich egal gewesen, ob sie jetzt frei war oder nicht, ihm ging es nur um seine Freunde. Die waren das Allerwichtigste für ihn.
Wobei er zugeben musste, dass ihm Neon besser gefiel, als all die anderen langweiligen Menschen.
Etwa zwei Stunden waren jetzt vergangen, seit er, Machi und Hisoka auf diese Missionen gegangen waren.
Chrollo war ja schonmal erfolgreich gewesen, „Lovely Ghostwriter" gehörte ihm. Wenn Neon nur wüsste, dass die Fähigkeit jetzt weg war. Naja, vielleicht würde sie das ja frei machen. Wer wusste das schon. Sie hatte sich ja gewünscht, dass die Fähigkeit verschwindet.
‚Wenigstens etwas, seit Langem hatte ich nicht mehr so ein interessantes Gespräch', dachte sich Chrollo auf dem Heimweg. Die Tatsache, dass es auch Menschen gab, die die Phantomtruppe bewunderten, anstatt sie zu fürchten, war etwas Neues. Er fand das wirklich lustig, dass jemand so dachte.
Er war eben frei, er konnte nehmen, was er wollte, töten, wen er wollte, und tun, was er wollte. Er konnte sich kein besseres Leben vorstellen, als der Anführer der Spinnen zu sein.
Sie waren nämlich, irgendwie, die Könige der bösen Seite dieser Welt.
Während Chrollo also sein interessantes Gespräch mit Neon gehabt hatte, infiltrierten Hisoka und Machi das Hotel mit der Mafia-Falle.
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A Story about Thieves
FanfictionSie sind die Bösen. Verbrecher. Diebe. Mörder. Nennt sie wie ihr wollt. Aber warum sind sie die Bösen, warum tun sie, was sie tun? Vergesst niemals, auch die Bösen gehen auf Abenteuer. Auch die Bösen wissen, was Kameraden wert sind. Und sie sind unb...
