9. Trios

134 13 1
                                        

3 Wochen war Feitan mittlerweile umhergezogen, hatte gestohlen und verletzt, wenn notwendig. Da draußen auf der Straße galt der Kampf ums nackte Überleben. Und dazu musste man sich holen, was man brauchte.
Obwohl man in den Gassen ständig der Angst ausgesetzt war, draufzugehen oder alles zu verlieren, fühlte Feitan mittlerweile bloß grenzenlose Langeweile.
Seit ein paar Tagen hatte er keine Opfer mehr gefunden, die er ausrauben konnte. Er lief einfach nur noch auf und ab. Doch er fand nichts und niemanden. Vielleicht versteckten sie sich vor ihm, vielleicht hatte sich herumgesprochen, wie kaltblütig er mit seinen 13 Jahren war. Oder vielleicht hatte er einfach nur Pech.
Feitan gab das Suchen auf. Er spürte neben der Langeweile und der Lust, wieder zu töten, welche er aber im Zaum halten konnte, ein weiteres Gefühl. Hunger. War niemand zum Ausrauben da, gab es auch kein Essen.

In total zerlumpten Kleidern saß er nun da, lehnend an einer der schmutzigen alten Hauswände, von denen immer wieder der Putz von oben herunterbröckelte. Die Sonne knallte auf seine blasse Haut.
Völlig leer, hungrig und zusammengekauert wog er sich weiter in seiner armseligen Langeweile.
Irgendwann bemerkte er aber, dass sich jemand neben ihn gesetzt hatte. Es war ein vernarbter, hellblonder Junge im etwa selben Alter, und mit großen, grünen Augen.
Feitan wollte gerade ein Messer zücken und blutdurstig auf den Jungen losgehen, als dieser nervös die Hände vor sich hob, um sich zu schützen,  und sagte: „Heyyy, warte doch mal! Ich hab eh nichts Brauchbares. Du kannst mich kontrollieren, wenn du willst. Ich bin hier nur langgelaufen und als ich dich so alleine gesehen habe, dachte ich, dass ich ja genauso einsam bin. Also hab ich mich zu dir gesetzt. Sieh uns doch mal an, wir sind beide komplett heruntergekommen. Ich glaube, wir könnten etwas Gesellschaft vertragen, an einem Ort wie diesem."
Feitan zog das Messer zurück. Der Junge schien die Wahrheit zu sagen. „Ich heiße Shalnark", stellte dieser sich vor. „Feitan", antwortete er dann auch. Was Shalnark gesagt hatte, klang für ihn gar nicht so falsch.

Sie erzählten sich, wie sie beide hier in den Gassen gelandet waren und was sie dabei durchlebt hatten, um die Langeweile zu vertreiben.
„Hast du kein Problem damit, dass ich ein paar Leute nen Kopf kürzer gemacht hab? Den einen hab ich sogar gefoltert und hatte echt Spaß dabei", meinte Feitan trocken. Doch Shalnark störte das nicht. „Na und?", entgegnete er, „Ich hab immerhin den Leiter des Shino-Arbeitslagers und sein ganzes Waffensortiment in die Luft gejagt. Und ganz ehrlich, ich hätte absolut kein Problem, sowas wieder zu tun, um zu überleben, so wie diese Welt ist."
„Du warst das mit dem Shino-Arbeitslager?!?!?! Eyy maan das war ne echt geile Aktion! Hab davon im Radio gehört, kurz bevor ich auch hier gelandet bin. Du hast die komplett in Chaos gestürzt!", rief ein weiterer blonder Junge, der gerade dazugekommen war, bevor Feitan etwas über Shalnarks Tat sagen konnte.
„Seit wann stehst du denn bei uns?!", fragten Feitan und Shalnark überrascht, während Feitan wieder zum Messer greifen wollte. „Oh haha", reagierte der Blonde, „Ich war grade auf der Suche nach etwas zum Stehlen. Da hab ich euch kurz beobachtet, um zu sehen, ob ihr was Nützliches habt. Und da das nicht so war, dachte ich mir, ich könnte doch mal dazukommen. Ich hab ja sonst niemanden. Und dass ihr keine Skrupel habt, zu töten, hat mich noch mehr angezogen. Mir gehts nämlich auch so. Mal so nebenbei, ich bin Phinks."
Shalnark und der immernoch misstrauische Feitan stellten sich ebenfalls vor. Nach einer Weile aber, in der sich die drei von ihrer Vergangenheit erzählt hatten, begann auch Feitan, offener Phinks und Shalnark gegenüber zu werden.
Die drei verstanden sich sehr gut. Ihre begangenen Taten und die, die sie noch beghen würden, waren grausam, aber sie entwickelten eine Freundschaft.

Nachdem sie sich also verbündet und schon einige Wochen zu dritt die Gassen unsicher gemacht hatten, behandelten sie sich gegenseitig wie Brüder.
Feitan hätte es wohl nicht zugegeben, aber auch er sah die beiden als Brüder. Und das ging nur, weil die drei sich sehr ähnelten. Es war viel besser, als in Feitans oder Phinks früheren Familien, oder im Shino-Arbeitslager. Im Gegensatz zu denen, verstanden sie sich gegenseitig.
Nur deswegen, bildeteten sie dieses Trio.

Zur gleichen Zeit hatte Chrollo Lucilfer sich auf Meteor Citys Straßen einen Namen gemacht. Niemand stahl so gut wie er. Er benötigte nur seine Aura und ein Messer, um sich durchzuschlagen, das Buch ließ er fürs Erste unbenutzt, doch er wusste, er könnte damit irgendwann sein Nen verbinden.
Aber er war noch nicht stark genug.
Chrollo traf das erste Mal auf Nobunaga und Uvogin, als er versuchte, sie zu bestehlen. Aber auch sie waren stark, und vorallem schnell. Über Stunden hinweg, ohne dass weder die Brüder, noch er selbst, an Ausdauer zu verlieren schienen, verfolgte Chrollo sie durch die Gassen, da er an diesem Tag wirklich hungrig war, und der Hunger trieb ihn in den Wahnsinn.
Er schaffte es sogar, sie in der Dunkelheit einzuholen und zu überwältigen. Doch zu seiner Enttäuschung trugen sie nichts Wertvolles oder Essbares bei sich.
Als er sich frustriert zum Gehen wenden wollte, fingen Nobunaga und Uvogin plötzlich ein Gespräch mit ihm an. „Hey du", rief Nobunaga in leicht genervtem Ton, „Du bist echt stark. Du hast mir meinen Arm gebrochen. Wie kommt das?"
Und da Chrollo höchstpersönlich gespürt hatte, dass sowohl Nobunaga als auch Uvogin echt was auf dem Kasten hatten, sah er die seltene Gelegenheit, die ersten Spinnenbeine anzuwerben.
Er erzählte den beiden seine Geschichte, und alles, was er über sein Nen erfahren hatte. Sie hörten aufmerksam und interessiert zu.
„Das ist echt krasser Scheiß mit dem Nen", meinte Uvogin, während man ihm die Freude und Aufregung förmlich vom Gesicht ablesen konnte.
Nobunaga und Uvogin gingen auf Chrollos Vorschlag ein, seine Kameraden zu werden, da sie durch ihn Hoffnung sahen, irgendwann zu den Stärksten zu gehören. Vor allem auch, weil er einer der talentiertesten Diebe dieser Straßen war.

Sie folgten ihm also als die Beine einer Spinne, während er selbst den Kopf bildete.
Und auch wenn Chrollo sozusagen der Anführer war, aber ein echt geeigneter Anführer, verband die beiden Brüder schon bald eine tiefe Kameradschaft mit ihm.

A Story about ThievesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt