Hisoka sah sich langsam um, in dem Raum, in dem er saß. Ihm war schwindelig, er war müde, alles tat ihm weh. So fühlte es sich also an, von Feitan gefoltert zu werden?
Hisoka sah zu Chrollo.
Dieser wechselte gerade den Verband an seinem Arm aus. Sie hatten die Blutung überraschend gut gestoppt.
„Was habt ihr jetzt vor?", fragte Hisoka ungeduldig, „...mich foltern, bis ich sterbe?"
„Du hast es erfasst", lachte Feitan von der Seite.
„Ich hab doch gesagt, ich will, dass du leidest", meinte Chrollo, mit einem Blick, so düster wie das Versteck, in dem sie saßen.
Hier und dort seilte sich eine Spinnen von der Decke.
Feitan riss Hisoka einen Nagel heraus. Noch ein paar mehr. Hisoka tat, als kümmerte es ihn nicht. Phinks fing an, sich zu beteiligen. Mit Schlägen, was er eben so drauf hatte.
Die Spinnen folterten ihn von Kopf bis Fuß.
Feitan schien beim Foltern eine unendliche Ausdauer zu haben.
„Chrollo! Was soll das eigentlich bringen? Eure Kameraden bringt es jedenfalls nicht zurück!", rief Hisoka irgendwann, voller Wut.
„Du sollst aber das ertragen, was sie ertragen mussten", meinte Chrollo kühl.
„Ach ja?", gab Hisoka zurück, „Wie viel müssten wir alle dann leiden, bei so vielen Menschen, die wir umgebracht haben?"
„Da hast du Recht", sagte Chrollo, „Aber der Unterschied zu unseren Opfern ist, dass sie niemals die Kraft haben werden, uns dafür büßen zu lassen."
„Ach, und eure toten Kameraden haben nicht ihre Strafe bekommen?", fragte Hisoka in einem erwartungsvollen Ton.
„Warum hälst du nicht einfach mal die Fresse? Wir wissen das alle schon längst", knurrte Feitan und verpasste ihm einen schmerzhaften Tritt ins Gesicht.
Ein paar seiner Zähne flogen heraus, und er blutete.
„Aber ehrlich, was bringt euch das?! Wo wollt ihr danach hingehen?! Auf dem gesamten Kontinent sucht die Mafia nach euch! Es gibt noch mehr Leute, wie mich! Könnt ihr nicht einfach einsehen, dass euer Leben nichts mehr bringt?!", fuhr Hisoka sie an.
„Wenn Feitan dir sagt, dass du die Fresse halten sollst, dann tust du das auch! Wir werden nicht untergehen!!", schrie Phinks ihn an, „ ach ja, und das hier ist für Shal!"
Er trat Hisoka, viel zu oft und viel zu kraftvoll.
Einige Knochenbrüche, und Hisoka hielt wirklich erst einmal die Klappe.
„Für wen hälst du uns?", fragte Shizuku und starrte ihn ausdruckslos an. Auch sie wollte sich jetzt einmal beteiligen.
Sie saugte ihm mit ihrem Staubsauger ein Wenig seines Blutes ab.
Ja, den Staubsauger hatte sie wieder gefunden.
Nach dem Kampf auf dem Penthousedach hatten die übriggebliebenen Spinnen alles eingesammelt, was sie einsammeln mussten.
Chrollo hatte selbst mit einem Arm Machis Leiche den ganzen Weg zurück zum Versteck getragen. Er hatte sich einfach dazu verpflichtet gefühlt, sie zu tragen.
Die anderen Leichen, jede einzelne, hatten sie auch hierher zum Versteck geschafft.
Es hatte gar nicht lange gedauert, so schnell wie sie waren, vielleicht eine halbe Stunde.
Deswegen war der Himmel auch noch immer in ein schönes, morgendliches Rot getunkt.
„Für wen ich euch halte?", fing Hisoka jetzt doch wieder an, zu reden, „Ich halte euch für Leute, die tot sind! Was seid ihr eigentlich noch? Bloß leere Hüllen, so wie ich! Und ihr seid tot, wie eure Kameraden. Wisst ihr auch, warum? Meine Mission sollte schon in der Nacht vorbei sein. Das heißt, der ganze Kontinent wird seine Verstärkung hierher schicken!! Ihr seid tot, Chrollo Lucilfer! Feitan, Phinks, Shizuku! Egal, was ihr mit mir macht! Sie werden kommen und euch holen!"
Seine Stimme überschlug sich schon fast, so schnell und intensiv posaunte er das heraus, obwohl ihm das atmen so schon schwer viel.
Da war dieser Wahnsinn in seinen Augen.
Die Spinnen schien es kaum zu kümmern.
„Ihr werdet sterben, hört ihr?!", rief Hisoka, immer weiter, egal was man ihm antat.
Er fraß sich durch ihn hindurch. Der Gedanke, sein Lebensziel nicht erreicht zu haben.
Feitan, Phinks und Shizuku ließen ihre gesamte Wut herraus, die sich durch Shalnarks Tod aufgestaut hatte. Unzählbare Wunden fügten sie Hisoka zu.
Abgetrennte Körperteile und Nägel.
Er sollte bloß leiden. Und das tat er auch.
Irgendwann erhob sich Chrollo, und trat auf Hisoka zu.
„Endlich sagst du auch mal was?", keuchte Hisoka in provokantem Ton. Er spuckte Blut auf den Boden.
„Ich habe es mir zu meiner Lebensaufgabe gemacht, dich zu töten, Chrollo! Also werde ich erst sterben, wenn ihr das auch tut! Hört ihr? Ihr seid zum Tode verdammt! Die Mafia wird bald hier sein! Und dann wird mein Traum endlich in Erfüllung gehen! Du wirst endlich sterben, Chrollo Lucilfer!!", lachte Hisoka, ganz laut, und wie ein Verrückter.
Er starrte Chrollo mit seinen hungrigen, goldenen Augen an.
Doch auf einmal verschwand all sein Mut.
Der Danchou der Gen'ei Ryodan blickte ihm noch tiefer in die Augen.
Diese großen, dunklen Augen machten selbst Hisoka ein Wenig Angst.
Chrollos Augen waren nur wenige Zentimeter von Hisokas entfernt.
Es war furchterregend. Es waren die Augen des Teufels, schon wieder.
Und dazu war da noch diese abartige Aura.
„Hisoka. Wir werden nicht untergehen. Also stirb, hier und jetzt. Ohne, dass dein Traum je in Erfüllung gegangen ist. Aus welchem Grunde das auch dein Traum war", sprach Chrollo in einem wirklich dunklen Ton.
„Du Teufel", sagte Hisoka. Er blutete überall an seinem Körper. Er zitterte. Er könnte sich nicht mehr lange bei Bewusstsein halten. Selbst Hisoka wurde von Schmerzen dieses Ausmaßes gequält.
Feitan war wirklich brutal.
Chrollo beugte sich langsam und bedrohllich zu Hisoka herunter.
„Mag sein, dass ich der Teufel bin.... Aber niemand auf dieser großen, bösen Welt wird etwas daran ändern können, dass ich ein Dieb bin...", flüsterte Chrollo mit düsterer Stimme in sein Ohr.
Chrollo machte wieder einen Schritt zurück, nickte Feitan zu.
Dieser zückte daraufhin seine messerscharfen Krallen.
Einige Minuten später stürmte die Mafia das dunkle Versteck.
Hunderte Soldaten fielen ein.
Doch zu ihrer Enttäuschung fanden sie nichts, als Hisokas völlig entstellte Leiche.
Er hatte endgültig verloren.
Er war in Höllenqualen gestorben.
Die Mafia war schon wieder zu spät gekommen.
Sie hatten zu lange gesucht.
Die Spinnen waren schon wieder verschwunden, wie ein Phantom.
Die Mafia versuchte ihre Spuren zu verfolgen.
Ein schwarzes, großes und teures Auto stand am Fuß eines Berges von Yorkshin City.
Die vier Spinnen waren auf diesen Berg geklettert.
An einer flachen Stelle hatten sie gegraben.
Sie hatten alle Leichen, und Shalnarks Herz, da seine Leiche ja verbrannt war, dort eingegraben.
Über jedes Grab hatten sie die jeweiligen Namen und eine Spinne in die Erde eingeritzt. Auch Nummer 4's Name stand dort.
Die frische Luft wehte über die Gräber und an den vier lebenden Spinnen vorbei.
Die vier setzten sich hin. Und schauten in den schönen, roten Himmel.
Diese Brise war, als würde sie noch einmal aus dem Sommer kommen. Ein letzter Sommerwind. Im September.
Es war ein schöner Morgen.
Chrollo, Feitan, Phinks und Shizuku entblößten alle ihre Spinnentattoos. Sie glitzerten irgendwie unheimlich, aber auch irgendwie wunderschön in der orange-roten aufgehenden Sonne.
Es fühlte sich an, als würde die Sonne zu ihnen herunterkommen.
Es war die letzte Ehre für ihre gefallenen Kameraden.
Sie genossen diesen Moment noch ein Wenig.
Bis der Wind verstummte und das Rot langsam den Himmel verließ. Genauso klang die schwarze Melodie allmählich ab.
„Ihr bleibt auf ewig unsere Kameraden. Ihr bleibt auf ewig Spinnen", sagten alle vier.
Dann verließen sie den Berg, und stiegen in das Auto.
Phinks saß am Steuer, Shizuku direkt neben ihm, Chrollo und Feitan saßen hinten.
Chrollo konnte so ja nicht mehr fahren.
So fuhren sie also aus Yorkshin heraus, ganz weit, weiter als man es sich vorstellen könnte. Mit dem ganzen teuren Kram, den sie von den Auktionen geraubt hatten. Sie waren ja schließlich Diebe, und Diebe gingen niemals mit leeren Händen.
Auch wenn das ganze Gold ihre Kameraden nicht ersetzen konnte.
Die Mafia, die ihre Spur bis zu dem Berg verfolgt hatte, fand nur noch die schönen, in der aufgehenden Sonne leuchtenden Spinnengräber.
Sie leuchteten, wie die Gräber von Legenden.
Die Mafia hatte versagt.
Hisoka hatte versagt. Ohne seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Es war vorbei.
Die schwarze Melodie verstummte.
Und so fuhren die vier Spinnen dahin, auf einer schönen, holprigen Landstraße, in den weiten Horizont, mit einem zufriedenen, aber auch traurigen Gefühl in ihren Adern.
Die Phantomtruppe hatte diesen Krieg gewonnen.
Keine Menschenseele hatte sie danach jemals wieder gefunden.
Warum war Chrollo so böse? Warum hatten nur diese vier überlebt? Warum hatten die Schicksalsverse gelogen?
Niemand wusste das.
Wahrscheinlich wusste es nicht einmal das Schicksal selbst.
Ein Sandsturm fegte durch Meteor City.
Dieser Sandsturm wirbelte die Blätter einer Zeitung selbst in die dunkelsten Gassen.
Ein alter Mann griff nach einer Zeitung, die mit dem warmen Wind in der Gasse segelte.
Er sah sie an.
Die Zeitung berichtete über die Geschehnisse in Yorkshin City.
Jedes kleinste Detail. Wer gestorben war, wie, und wer nicht gestorben war.
Da waren sogar Bilder der Gräber.
Da stand auch, wer überlebt hatte.
Und dass die Überlebenden spurlos verschwunden waren. Man gab die Suche wohl auf.
Der Mann las sich alles durch.
Lächelnd sah er in den Himmel.
Doch Tränen rinnten seine Wangen entlang.
„Ich liebe euch beide doch. Was habe ich bloß getan... Ihr wart doch immer meine Söhne...", sagte er zu sich selbst. Schuldgefühle überkamen ihn.
Die Tränen wollten nicht aufhören.
Eine Zeitung flog an den Ruinen eines alten Arbeitslagers vorbei, eine andere streifte ein leerstehendes Familienhaus, in dem sich bloß noch ein paar alte, staubige Bierflaschen erblicken ließen, eine weitere Zeitung streifte ein umgebautes Bordell, die Villa einer der seltenen Reichenfamilien, noch eine kreuzte ein altes, in sich zusammengefallenes Labor und ein Familienhaus, von dem man sich sagt, es hätten sich dort vor langer Zeit grausige Morde abgespielt.
Eine Zeitung trieb auch durch das Fenster des Hauses eines Ehepaares. Sie hatten keine Kinder.
Gespannt lasen sie sich den gesamten Artikel durch.
Der Mann lachte.
„Wir haben es doch immer gewusst", sagte er.
„Ja", stimmte seine Frau zu, „Er ist das pure Abbild des Bösen."
Und so ehrte auch Meteor City - nicht nur die Menschen, sondern auch die sandige Stadt selbst - die überlebenden Spinnen, und verabschiedete die toten.
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A Story about Thieves
FanfictionSie sind die Bösen. Verbrecher. Diebe. Mörder. Nennt sie wie ihr wollt. Aber warum sind sie die Bösen, warum tun sie, was sie tun? Vergesst niemals, auch die Bösen gehen auf Abenteuer. Auch die Bösen wissen, was Kameraden wert sind. Und sie sind unb...
