KAPITEL 3

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Ein lautes Klopfen reißt mich aus meiner Trance. Widerwillig löse ich mich von den Buchseiten – natürlich genau dann, wenn es spannend wird. Stöhnend lege ich das Buch beiseite, stehe auf und stapfe zur Tür. Mit einem Ruck reiße ich sie auf. Der Teufel höchstpersönlich steht vor mir. Meine Mutter.

„Was willst du?", frage ich und bemühe mich, meine Abneigung zu verbergen. Es gelingt mir nur mäßig.

„Das Essen ist fertig. Komm runter", sagt sie mit neutraler Miene. Dann hebt sie eine Augenbraue. „Außer du möchtest heute auf deinem Zimmer essen?"

Ihr Blick macht mir klar: Es gibt nur eine akzeptable Antwort. Seufzend rolle ich mit den Augen. Ich habe keine Wahl. Wortlos folge ich ihr in die Küche. Einen Kommentar verkneife ich mir. Eigentlich will ich, dass wir uns besser verstehen. Streit liegt mir nicht. Normalerweise bin ich ruhig, zurückhaltend – doch bei meiner Mutter kann ich nicht anders. Wenn ich nicht kontere, gehe ich unter.

Ich lasse mich auf meinen Stuhl sinken. Sie stellt mir einen Teller vor die Nase. Eintopf. Schon wieder. Lustlos rühre ich in der Suppe herum und starre sie an, als könnte sie sich durch pure Willenskraft in etwas anderes verwandeln.

„Hast du keinen Hunger, oder warum hypnotisierst du dein Essen?"

„Ich hab einfach keinen Appetit auf Suppe", murmele ich und halte den Blick gesenkt. „Es gibt fast immer Suppe."

„Jetzt meckere nicht rum und iss. Suppe ist gesund und hat kaum Kalorien. Du ernährst dich sowieso nur von Süßigkeiten. Das macht dick und gibt Pickel. Dann findet dich kein Junge mehr attraktiv, und du endest allein mit zwanzig Katzen."

Ich erstarre. Lege den Löffel beiseite. Schaue sie an. „Wirklich? Das ist dein Kommentar dazu?" Meine Stimme klingt schärfer als beabsichtigt. 

Meine Mutter blinzelt überrascht. „Schatz, das meine ich doch nicht böse. Aber wenn du dich gesünder ernährst und mehr Sport machst, ändert sich deine ganze Einstellung. Immer nur in deinem Zimmer hocken und lesen ist ungesund. So findest du nie einen Freund. Ich will doch nur das Beste für dich."

Ich schüttele den Kopf. Ungläubig. Wütend. „Nur weil ich nicht sofort neue Freunde finde, musst du mich nicht beleidigen. Ich mag es zu lesen. In Büchern werde ich wenigstens nicht für meine Eigenheiten kritisiert."

Meine Mutter seufzt. „Versuch doch wenigstens, während deiner Abschlussfeier etwas offener zu sein. Du könntest Carter fragen, ob ihr gemeinsam den Tag verbringt."

Mein Blut gefriert. Ich springe auf, knall die Hände auf den Tisch. Meine Suppe schwappt über den Rand. 

„Wag es nicht, diesen Namen zu nennen!" Meine Stimme bebt vor Wut.

„Ach Liebling, nur weil ihr nicht mehr zusammen seid, müsst ihr doch nicht Feinde sein." Sie sieht mich tadelnd an. „Und jetzt räum dein Chaos auf." 

Grimmig nehme ich meinen Teller, wische den Tisch sauber. Als ich an ihr vorbeigehe, zischt es aus mir heraus: „Nur zur Erinnerung: Er hat mit mir Schluss gemacht. Wegen einer Austauschschülerin aus Frankreich."

Sie stöhnt. „Jetzt komm schon darüber hinweg. Carter ist immer noch ein charmanter junger Mann. Wenn du hier an der Uni bleibst, kennst du wenigstens jemanden."

Jetzt bin ich es, die laut aufseufzt. „Wir hatten das Thema schon. Ich gehe nach Harvard. Ende der Diskussion."

Sie hält mich an der Schulter fest. Ich drehe mich langsam um. Ihre Augen flehen. „Können wir morgen nach deiner Abschlussfeier vernünftig darüber reden? Im Waffelladen, den du so liebst?"

Ich mustere sie. Ihre Verzweiflung ist echt. „Nur wenn du mich ausreden lässt."

Erleichtert zieht sie mich in eine Umarmung. „Ich will nicht mehr mit dir streiten", flüstert sie und küsst meinen Scheitel. 

Ohne ein weiteres Wort ziehe ich mich zurück. Essen? Unwichtig. Ich habe immer eine Notration Schokolade im Nachttisch. Später kuschle ich mich in mein Bett, nehme mein Buch zur Hand. Doch die Müdigkeit übermannt mich. Meine Augen werden schwer – aber der Schlaf hält nicht lange. 

Ein Rumpeln weckt mich. Gefolgt von einem Schmerz, der durch meinen Kopf pocht. Verwirrt blinzele ich in die Dunkelheit. Die Welt sieht merkwürdig aus. Anders. Ich taste nach meinem Kopf – pochend, dröhnend. Ich bin aus dem Bett gefallen. Schon wieder. 

Seufzend setze ich mich auf, entwirre mich aus der Bettdecke. Mein Buch liegt auf dem Kopfkissen. Mein Bett ist groß genug, aber ich schlafe immer am Rand. Ich könnte mich ausbreiten – doch dann fühle ich mich winzig zwischen den Laken. 

Mit müden Schritten schleppe ich mich ins Bad. Eine Kopfschmerztablette später spüle ich mit Wasser nach. Der bittere Nachgeschmack verzieht mir das Gesicht. Als ich zurück in mein Zimmer komme, wirft ein Blick aufs Handy-Display die nächste Überraschung auf mich: 7:30 Uhr. 

Zurück ins Bett lohnt sich nicht. Ich strecke mich, gehe die Treppe hinunter – und in der Küche erwartet mich etwas, das ich nicht kommen gesehen habe.




















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