KAPITEL 53

60 3 0
                                        

Wohin wir reiten, bleibt mir ein Rätsel. Kian hat darauf bestanden, dass ich mich überraschen lasse. Der genaue Ort der Statue der Göttin ist ein streng gehütetes Geheimnis. Ich blicke zu ihm hinüber, und zu meinem Erstaunen bemerke ich, dass er mich ansieht.

„Ist etwas?", frage ich neugierig.

Er schüttelt den Kopf, doch ein Lächeln spielt um seine Lippen. „Ich bin nur fasziniert, dass du so ruhig bleibst."

Ich verdrehe die Augen. „Wir reiten nur nebeneinander her, was soll daran aufregend sein?"

„Stimmt", gibt er zu, „aber hast du bemerkt, dass er bis jetzt nicht einmal nach dir gesehen hat?"

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich weiß genau, von wem er spricht. Seit unserer Rückkehr vom Training hat Aiden mich nicht einmal aufgesucht. Ich hatte gehofft, dass er in mein Zimmer kommen würde, um zu sehen, wie es mir geht. Aber er kam nicht. Vielleicht war er zu beschäftigt, sich für das Fest vorzubereiten. Oder... vielleicht war er mit Lady Arwen zusammen. Seit ihrer Ankunft sind die beiden unzertrennlich.

Ich will mich nicht darüber aufregen. Schließlich bin ich nicht adelig. Ich habe kein Anrecht darauf, an Aidens Seite zu sein. Und doch... Etwas an dieser Frau fühlt sich falsch an. Mein Instinkt hat mich noch nie getäuscht, und er schreit förmlich, dass sie Dreck am Stecken hat.

„Du weißt, dass er dich liebt", erinnert mich Kian sanft. „Er tut das nur wegen Vaters Willen."

Ich presse die Lippen aufeinander. „Ich erinnere mich an seine Worte, ja. Aber ich hätte nie gedacht, dass er mich so schnell vergessen würde."

Kian seufzt. „Vater will Taten sehen. Er glaubt, dass Arwen die richtige Wahl ist."

„Aber findest du das nicht seltsam? Eine fremde Frau taucht plötzlich auf, und wir wissen nichts über sie."

„Thalia", sagt Kian mit ernster Stimme, „wir werden es früh genug erfahren."

Ich gebe ihm keine Antwort, sondern treibe mein Pferd an und reite etwas schneller voraus. Ich halte mich vom neuen Königspaar fern, doch meine Augen folgen ihnen unaufhörlich. Jede ihrer Bewegungen, jede Berührung registriere ich genau. Sie ist wie eine Schlange, die sich langsam um Aiden windet. Und wenn er wirklich so blind ist, sie zu heiraten, dann fürchte ich um sein Leben. Sie sieht aus wie jemand, der seinen Ehemann nach der Hochzeit vergiften und dann allein herrschen würde.

Um meine aufkeimende Wut zu verbergen, lenke ich meine Aufmerksamkeit auf die Landschaft. Die Felder weichen langsam einem dichten Wald, der sich in Dunkelheit hüllt. Kleine Glühwürmchen tanzen in der Luft, und leuchtende Blumen spenden ein sanftes Licht. Es ist magisch, als wäre die Natur selbst eine lebendige Legende. Die Blätter der Bäume rascheln leise im Wind, fast so, als würden sie flüstern.

„Wir sind da", verkündet Aiden schließlich.

Er gleitet elegant von seinem Pferd und wendet sich sofort Lady Arwen zu, um ihr beim Absteigen zu helfen. Ich schnaube leise und springe ohne Umschweife aus dem Sattel. Dabei wirbelt der Stoff meines gelben Kleides um meine Beine.

Ein belustigtes Geräusch hinter mir lässt mich aufblicken. Kian steht neben mir und grinst. „Das war... sehr anmutig. Selbst eine Prinzessin hätte es nicht besser gemacht."

Ich strecke ihm frech die Zunge heraus. „Was hätte ich denn sonst tun sollen? Mich vor allen blamieren?"

„Du hättest einfach warten können, dann hätte ich dir geholfen."

„Danke, aber ich kann mich allein um mich selbst kümmern."

Kian lacht leise. „Überlass das Hochnäsige lieber den Hofdamen."

Eine dritte Stimme mischt sich ein. „Mir scheint es, als hättet ihr zwei zu viel Spaß."

Ich drehe mich um und sehe Fynn, der sich uns angeschlossen hat. Ich hatte ihn vorher am Ende der Gruppe gesehen. Wahrscheinlich hielt er sich absichtlich abseits, um die Umgebung im Blick zu behalten – als eine Art stiller Beschützer der königlichen Familie.

Ich lehne mich ein wenig zu ihm hinüber. „Kommst du nachher mit zum Dorffest?"

Fynn zieht eine Augenbraue hoch und schaut Kian vielsagend an. „Auf was für Ideen bringst du sie schon wieder?"

„Oh, komm schon", sage ich schnell. „Das königliche Fest wird doch ohnehin langweilig."

Fynn verschränkt die Arme vor der Brust. „Du weißt, dass du eigentlich dort erwartet wirst."

Ich zucke mit den Schultern. „Als ob mich dort irgendjemand haben will." Dann lächle ich Kian an. „Mit ihm habe ich sicherlich mehr Spaß."

Fynn schüttelt den Kopf und wirft Kian einen spöttischen Blick zu. „Lass das bloß nicht deinen Bruder hören. Er könnte es falsch verstehen."

„Er ist viel zu beschäftigt mit seiner neuen kleinen Freundin", erwidert Kian unbekümmert. „Er wird es nicht einmal bemerken."

Fynn mustert mich nachdenklich. „Aiden hat mich gebeten, auf dich aufzupassen. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als euch zu begleiten."

„Gib es doch zu", meint Kian und klopft ihm auf die Schulter. „Du willst auch mal etwas anderes erleben als immer nur Befehle entgegenzunehmen."

„Ein paar Stunden Freiheit werden wohl niemandem schaden."

Ich muss lächeln. Der Plan steht. Doch zuerst kommt die Zeremonie.

Aiden hebt einen Korb vom Wagen, gefüllt mit den schönsten Früchten des Königreichs. Lady Arwen nimmt einen kleineren. Gemeinsam treten sie auf die Statue zu. Erst jetzt bemerke ich die Figur richtig. Moos bedeckt ihren Sockel, legt sich wie ein grünes Kleid über den Stein. Es sieht fast so aus, als würde sie atmen.

Die Gespräche verstummen. Selbst die Vögel scheinen den Atem anzuhalten.

„Andastra, Göttin des Lebens und des Schutzes", spricht Aiden mit fester Stimme. „Wir bitten dich, unsere Gaben anzunehmen und uns deine Sicherheit zu gewähren."

Er legt den Korb vor der Statue nieder, Lady Arwen tut es ihm gleich. Dann neigen alle die Köpfe.

Ich werfe einen Blick zu Kian. Seine Augen sind geschlossen, und seine Lippen bewegen sich lautlos. Er betet.

Seine Worte hallen in meinen Gedanken nach. Wenn ich an sie glaube, kann ich um ihren Schutz bitten.

Also schließe ich die Augen und konzentriere mich. Ein leises Flattern geht durch meine Brust, und dann spüre ich es – Wärme. Tiefe, beruhigende Wärme breitet sich in mir aus. Für einen Moment fühle ich mich schwerelos.

Vor meinem inneren Auge erscheint eine Gestalt. Sie ist nur ein Schemen, doch etwas an ihr zieht mich an. Eine sanfte Kraft strömt von ihr aus, füllt mich mit Frieden.

Meine Lippen formen lautlose Worte, und in meinem Herzen flehe ich um Schutz. Nicht für mich. Sondern für Aiden.

Er braucht ihn mehr als jeder andere.














Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt