KAPITEL 5

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Das letzte Mal, dass ich meinen Ex-Freund gesehen habe, lag sein Arm wie selbstverständlich um eine französische Austauschschülerin. Er sah mir dabei direkt in die Augen und lächelte süffisant – als wäre ich eine längst vergessene Erinnerung, ein abgeschlossenes Kapitel.

Jaqueline Bordeaux war das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte. Rabenschwarze Locken, die perfekt auf ihre Bluse fielen. Lippen, voll und sinnlich, in einem Kräftigen rot geschminkt. Wimpern, so lang und dicht, dass sie aussahen wie Flügel eines dunklen Engels. Gegen sie hatte ich nie eine Chance. Ich musste es abhaken und damit klarkommen, dass ich ersetzt wurde.

Jack hatte sich verändert. Seine braunen Haare waren nach hinten gekämmt, einzelne Strähnen fielen ihm über die Stirn und umrahmten seine hohen Wangenknochen. Ich hatte ihn immer um diese makellosen Gesichtszüge beneidet. Seine sonst so leuchtenden blauen Augen wirkten matt, fast müde – bis er mich sieht. Seine Augen weiten sich schlagartig. Sein perfektes Gesicht, in das ich mich damals so leicht verliebt hatte, wird plötzlich blass. 

Wenn man es Liebe nennen konnte. Ich hatte keine Ahnung von Liebe. 

Ich zwinge mich, meinen Blick von ihm zu lösen, auch wenn es mir schwerfällt. Nervös kaue ich auf meiner Lippe, spüre, wie der Lippenstift verschmiert. Die Blicke der anderen beginnen, mich zu erdrücken. Die plötzliche Aufmerksamkeit ist ungewohnt, und mit jeder Sekunde fühle ich mich unsicherer. Mein Herz rast, meine Kehle schnürt sich zu. Ich muss hier raus, bevor ich mich völlig verliere. Also tue ich das, was ich am besten kann: Ich verschwinde. 

Hastig laufe ich durch die verlassenen Schulgänge, meine Absätze hallen auf dem Boden wider. Ein letztes Mal, bevor ich diesen Ort für immer hinter mir lasse. Ich bin allein. Niemand kommt mir entgegen.

Ich lehne mich mit klopfendem Herzen gegen die kalte Metallwand der Spinde, schließe kurz die Augen und versuche, meine Atmung zu beruhigen. Aber mein Herz will nicht auf mich hören. Es rast weiter, schlägt wie wild gegen meine Rippen, als will es aus meinem Brustkorb ausbrechen.

Ich sollte nicht so auf ihn reagieren. Ich bin über ihn hinweg – dachte ich zumindest. Doch dieser eine Moment reicht, um mich ins Wanken zu bringen. Habe ich wirklich mit ihm abgeschlossen? Oder habe ich mir das nur eingeredet?

„Du siehst wunderschön aus." 

Die Stimme lässt mich zusammenzucken. 

Jack.

Er steht nur wenige Meter entfernt, die Hände tief in den Taschen seiner Anzughose vergraben. Die ersten Knöpfe seines marineblauen Jacketts sind offen, als hätte er die Krawatte kurz vor der Zeremonie hastig gelockert. Lässig, selbstsicher – und doch liegt etwas in seinem Blick, das mich erstarren lässt.

Ich sehe auf den Boden, fixiere meine Schuhe, will seine Augen nicht treffen. „Danke", murmele ich kühl. Sollt er ruhig merken, dass ich immer noch wütend bin.

Er mustert mich langsam von oben bis unten. Ich spüre seinen Blick auf meiner Haut wie eine Berührung, und mein Körper spannt sich unwillkürlich an. Ich will mich verstecken, will diesen Moment nicht.

„Hätte nie gedacht, dass du mal so auftauchst."

Ich atme scharf ein. „Das dachte ich auch nicht", sage ich und zwang zwinge, ihm in die Augen zu sehen. „Aber dann habe ich beschlossen, dass es völlig egal ist. Es ist nicht so, als würde ich je wieder mit einem von euch reden müssen."

Er öffnet den Mund, doch ich hebe die Hand, um ihn zu stoppen.

„Ich bin noch nicht fertig", sage ich bestimmt. „Ich war immer das graue Mäuschen, das niemand beachtet hat. Immer am Rand, immer unsichtbar. Und heute? Heute wollte ich für einmal aus diesem Schatten treten. Auch wenn es mir schwerfällt."

Jack tritt einen Schritt näher, dann noch einen. Bevor ich realisiere, was geschieht, nimmt er meine Hand in seine .Mein Herz setzt für einen Moment aus. Seine Haut ist warm, fest. Ein sanfter Druck, als wolle er mich nicht mehr loslassen.

„Du warst für mich mehr als das", haucht er.

Ich starre auf unsere ineinander verschlungenen Finger. Ich kenne diese Berührung, aber sie fühlt sich jetzt anders an. Anders, weil ich weiß, dass es zu spät ist .Ich reiße meine Hand los.

„Dann hättest du mich nicht für sie verlassen", sage ich. Die Bitterkeit in meiner Stimme ist nicht zu überhören.

Seine Kiefermuskeln spannt sich an, doch er nickt nur. Dann sieht er mir ein letztes Mal in die Augen – und dreht sich um. Ohne ein weiteres Wort kehrt er ins Klassenzimmer zurück.

Ich stehe für einen Moment da, spüre das Zittern in meinen Fingern, den Kloß in meinem Hals. Dann mache ich kehrt und laufe in Richtung der Toiletten. Mit zittrigen Händen ziehe ich meinen Lippenstift nach. Streiche über meine Lippen, bis sie wieder perfekt sind. Ich muss makellos aussehen. Ich muss weitermachen. Ein letztes Mal sehe ich mein Spiegelbild an, dann drehe ich mich um und verlasse den Raum.

Vor dem Klassenzimmer warten bereits meine Mitschüler, zusammen mit den Lehrern. Ich reihe mich ein, setze meine Kappe auf und ziehe meine blaue Robe zurecht. Für diesen Moment sehen wir alle gleich aus. Während wir durch die Türen auf den Schulhof treten, frage ich mich, ob jemand gerade an die letzten Jahre zurückdenkt. An Freundschaften, die entstanden und zerbrachen. An Momente, die nie wieder zurückkehren werden. 

Ich? Ich denke nur daran, wie sehr ich darauf gewartet habe, diesen Ort endlich zu verlassen.

Als wir das Footballfeld betreten, spielt die Kapelle. Die Tribünen sind gefüllt mit Eltern, Freunden und Familie. Kameras blitzen, Hände winken. Ich versuche, den Kloß in meiner Kehle zu ignorieren. Mein Blick fällt auf Jack. Natürlich sitzt er direkt neben mir. Während die Direktorin ihre Rede hält, spüre ich seinen Blick auf mir brennen. Immer wieder. Ich drehe mich nicht zu ihm. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken.

Bis ich es nicht mehr aushalte. Mein Blick trifft seinen. Ich sage ihm wortlos, dass er aufhören soll. Doch er tut es nicht. Er lächelt. Und ich hasse, wie sehr es mich trifft.

Namen werden aufgerufen. Jack geht vor mir, nimmt sein Zeugnis entgegen, grinst in die Menge. Dann bin ich an der Reihe. Mit schweren Schritten laufe ich zur Bühne. Meine Absätze versinken leicht im Rasen, aber ich halte mich aufrecht. 

Die Direktorin überreicht mir mein Zeugnis. „Ich weiß, dass Sie einmal große Dinge schaffen werden", sagt sie mit einem warmen Lächeln.

Ich lächele zurück. Und zum ersten Mal glaube ich es vielleicht.












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