KAPITEL 13

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Die Sonne taucht den Himmel in ein tiefes Orange, als ich die letzten Kleidungsstücke in die Kommode lege. Mit einem Seufzen lasse ich mich auf mein frisch bezogenes Bett fallen. Die Realität trifft mich mit voller Wucht – ich bin wirklich hier. Harvard. Mein neuer Lebensabschnitt beginnt jetzt.

Ich schließe für einen Moment die Augen, atme tief ein und wieder aus. Doch anstatt mich zu entspannen, wirbelt mein Kopf voller Gedanken. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, zur Eröffnungsfeier in die große Aula zu gehen. Es wäre ein guter erster Schritt, um neue Leute kennenzulernen – oder zumindest, um mich an die vielen Gesichter zu gewöhnen, die mich in den nächsten Jahren umgeben werden.

Mit meinem Plan in der Hand mache ich mich auf den Weg. Die alten Backsteinbauten des Campus leuchten im goldenen Licht der untergehenden Sonne. Ich bin so fasziniert von ihrer Schönheit, dass ich nicht bemerke, wie ich in jemanden hineinlaufe.

„Oh! Tut mir leid!", entkommt es mir sofort.

„Alles gut. Ich hätte auch besser aufpassen können."

Ich blinzele und sehe eine junge Frau vor mir stehen. Sie hat kinnlange blonde Haare, trägt einen perfekten Lidstrich und ein Outfit, das direkt aus einem Modekatalog stammen könnte.

„Ich bin Alice. Und du bist?" Sie mustert mich neugierig.

„Thalia", sage ich, noch leicht überrumpelt.

„Dachte ich mir. Ich habe dich hier noch nie gesehen."

„Stimmt. Ich bin neu", murmele ich.

Alice grinst. „Dann bist du bestimmt auf dem Weg zur Eröffnungsfeier, oder?" Sie deutet auf die Campus-Karte in meiner Hand.

Ich nicke. „Ja, genau."

„Du bist ja richtig gesprächig." Ein amüsiertes Lachen entweicht ihr.

„Ich bin es nicht gewohnt, mit Fremden zu reden", gestehe ich ehrlich.

„Oh, dann tut es mir leid. Ich bin ziemlich offen gegenüber jedem."

„Schön." Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

„Brauchst du Hilfe, den Weg zu finden?"

Ich zögere kurz. „Wäre nicht schlecht."

„Vergiss die Karte. Ich bring dich hin." Sie dreht sich um und geht los, während sie mir auffordernd zuwinkt.

Ich folge ihr und versuche, mich nicht zu unwohl zu fühlen. „Was studierst du?"

„Marketing Management. Und du?"

„Englische Literatur und kreatives Schreiben."

Alice nickt anerkennend. „Dann wirst du viel Zeit in der Bibliothek verbringen."

Bevor ich darauf antworten kann, erreichen wir die Aula.

„Danke, dass du mir geholfen hast."

„Kein Problem, ich komm einfach mit. Drinnen sitzen ein paar Freunde von mir. Sie haben die Veranstaltung organisiert."

Bevor ich protestieren kann, schnappt sie meinen Arm und zieht mich mit sich.

Die Aula ist voller Menschen. Stimmengewirr und Gelächter füllen den Raum, während Gruppen aufgeregt durcheinanderreden. Überall blitzen Handybildschirme auf, und die Atmosphäre ist aufgeladen mit der Spannung eines neuen Anfangs.

„Harper! Hier drüben!", ruft eine Stimme aus der Menge.

Alice dreht sich um und winkt einer Gruppe zu. Ohne sich um die Blicke der Umstehenden zu kümmern, marschiert sie direkt zu ihnen – und ich folge ihr unsicher.

„Leute, das ist Thalia. Sie ist neu hier."

Plötzlich sind alle Augen auf mich gerichtet. Ich schlucke. „Ähm ... hi?"

„Wie gefällt's dir bis jetzt?", fragt ein Mädchen mit lockigem braunem Haar und einer runden Brille. Ihre warmen, hellbraunen Augen mustern mich neugierig.

„Ähm ... ich hab bis jetzt nur mein Zimmer gesehen."

Sie lacht. „Dann hast du ja noch einiges vor dir! Falls du Lust hast, zeigen wir dir später den Campus."

Ich zögere. Kaum hier angekommen, und schon habe ich eine Einladung? Irgendwie fühlt sich das surreal an.

„Gern."

„Ich bin übrigens Ella West. Business Management." Sie streckt mir ihre Hand entgegen.

„Freut mich, dich kennenzulernen."

„Setz dich zu uns."

Ich lasse mich auf einen freien Platz sinken und blicke in die Runde. Zwei Jungs neben mir lächeln freundlich.

„Und ihr seid?"

Der mit den langen braunen Haaren grinst. „Cody Martin, Zahnmedizin."

Der andere, mit pechschwarzen Haaren, lacht. „Austin Black. Lehramt, Physik und Chemie."

„Ah, das kann ich mir merken."

Während der Eröffnungsfeier beobachte ich die verschiedenen Präsentationen: Acapella-Gruppen, Sportclubs, Theaterensembles. Ich weiß, dass ich mich in nichts davon einschreiben werde.

Als die Veranstaltung zu Ende ist, strömen die Massen aus der Aula.

„Los, wir haben noch viel vor!"

Bevor ich protestieren kann, zieht mich diesmal Ella mit sich.

„Da du Literatur studierst, wäre die Bibliothek ein guter Startpunkt", sagt Alice. „Wird dir bestimmt gefallen."

„Wo kommst du eigentlich her?", fragt Ella.

„Burlington, ein kleines Städtchen in Kansas."

„Nie gehört. Ich bin aus Philadelphia."

„Danvers", kommt es von Cody.

„New York City", ruft Alice.

„Austin wohnt gleich hier ums Eck", fügt Ella grinsend hinzu.

„Also kein Wohnheim für dich?" Ich drehe mich zu Austin um.

Er schüttelt den Kopf. „Spar ich mir ne Menge Geld."

„Ich hab ein Stipendium bekommen."

Plötzlich bleibt die Gruppe stehen. Vier Augenpaare starren mich an.

„Bitte was?", fragt Ella ungläubig.

„Ja, ich hab mich beworben – und wurde genommen."

Cody legt einen Arm um mich. „Heißt das, du bist ein Genie?"

Ich lache und schüttele den Kopf. „Nein, ich hab nur viel gelernt."

In diesem Moment betreten wir die Bibliothek – und ich bleibe atemlos stehen. Die riesige Halle mit ihren endlosen Bücherregalen und den kunstvollen Holzverzierungen raubt mir den Atem.

Vielleicht wird Harvard doch nicht so schlecht.














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