Das schrille Klingeln meines Weckers reißt mich abrupt aus meinem Traum. Noch eben war ich im Königreich Andastra, jetzt bin ich wieder in meinem Zimmer in Harvard. Gähnend strecke ich meine müden Glieder, während die Realität langsam auf mich einwirkt.
Mit meinem Waschbeutel und ein paar Wechselklamotten unter dem Arm schleppe ich mich zu den Gemeinschaftsduschen. Ich war noch nie ein Fan dieser Art von Badezimmern. Selbst mit abgetrennten Kabinen fühlt sich Privatsphäre hier wie ein Fremdwort an.
Das Bad ist bereits voller Studentinnen. Einige putzen sich die Zähne, andere tragen sorgfältig Lippenstift auf oder föhnen sich die Haare. Ich manövriere mich durch die Menge, ergattere eine freie Duschkabine, hänge meinen Beutel auf und schiebe den Vorhang hastig zu.
Nach einer schnellen Dusche wickle ich mich in mein Handtuch, ziehe mich an und gehe zum Waschbecken, um mir die Zähne zu putzen. Die morgendlichen Rituale anderer ziehen wie ein verschwommenes Bild an mir vorbei. Ich bin noch nicht richtig wach, doch mein Magen macht mir unmissverständlich klar, dass ich dringend Frühstück brauche.
Mit meinem Campus-Plan in der Hand steuere ich die Cafeteria an. Ich setze mich mit meinem Tablett an einen freien Tisch – allein, aber das macht mir nichts aus. Ich habe meine neue Lektüre dabei, und sie leistet mir ausreichend Gesellschaft.
Nachdem ich mich gesättigt habe, mache ich mich auf den Weg zu meiner ersten Vorlesung. Der Hörsaal ist noch relativ leer. Der Professor ordnet seine Unterlagen, während einige Studierende bereits eifrig auf ihre Laptops tippen. Ich wähle einen Platz in der letzten Reihe, packe meinen Block aus und warte, dass es losgeht.
Als ich nach der letzten Vorlesung das Gebäude verlasse, fühlt sich mein Kopf an, als hätte jemand einen Presslufthammer darin vergessen. Ich massiere meine Schläfen, als ich plötzlich eine vertraute Stimme höre.
„Thalia! Da bist du ja! Wie war dein erster Tag?"
Austin kommt mit einem breiten Grinsen auf mich zu.
„Erschöpfend. Und meine Kopfschmerzen bringen mich um", gebe ich zu.
„Trink Wasser. Wenn das nicht hilft, nimm eine Tablette", sagt er lässig.
Ich verdrehe die Augen. „Danke für die bahnbrechenden Tipps."
Er lacht. „Hast du heute schon was vor?"
Ich schiele ihn misstrauisch an. „Nein, warum?"
„Heute Abend steigt eine Party. Ein Kumpel von mir schmeißt sie. Komm mit!"
Genau das hatte ich befürchtet. „Ich bin nicht so der Party-Typ."
„Ach komm schon! Die anderen sind auch da, und du lernst neue Leute kennen. Es wird Spaß machen!"
Ich zögere. Mein Verstand sagt nein, doch irgendwo tief in mir schreit eine Stimme: Mach es! Ein kleines Abenteuer schadet nicht. „Na schön. Aber wehe, es ist furchtbar."
„Du wirst es lieben. Wir holen dich um zehn ab!"
Zurück in meinem Zimmer ordne ich meine Vorlesungsunterlagen. Je früher ich Struktur in meine Unterlagen bringe, desto weniger Stress werde ich später haben. Dann lehne ich mich ans Fenster und beobachte, wie die Sonne langsam untergeht.
Was zum Teufel habe ich mir da eingebrockt?
Ich bin kein Party-Mensch. Die Vorstellung, mich in einer stickigen Menge betrunkener Studenten zu bewegen, macht mich nervös. Doch anderseits – sollte ich nicht genau dafür hier sein? Um Dinge auszuprobieren, um neue Erfahrungen zu sammeln?
Ich ziehe eine Jeans und ein schlichtes Top aus dem Schrank. High Heels besitze ich sowieso nicht, also müssen meine Sneakers herhalten. Ein bisschen Eyeliner und ein paar lockere Wellen in meinem Haar – das muss reichen.
Es klopft. Ich schrecke hoch. Zehn Uhr schon?
Ich schnappe mir meine Jacke und öffne die Tür. Austin grinst mich erwartungsvoll an. „Bereit?"
Ich nicke langsam. „So bereit, wie ich sein kann."
Wir machen uns auf den Weg zur Party. „Mach dir keinen Stress. Wenn es dir nicht gefällt, bringen wir dich einfach zurück", verspricht Austin.
„Danke", murmele ich.
Als wir ankommen, ist das Haus der Studentenverbindung bereits von lauter Musik erfüllt. Bunte Lichter flackern durch die Fenster, Menschen tummeln sich auf den Stufen, lachen, trinken, knutschen. Ein beklemmendes Gefühl schleicht sich in meine Brust.
Ich bleibe stehen. „Austin ... ich weiß nicht."
Er dreht sich zu mir um. „Alles gut. Drinnen gibt es ruhige Ecken. Wenn es dir zu viel wird, sag einfach Bescheid."
Tief durchatmend zwinge ich mich, weiterzugehen.
Drinnen ist es stickig. Überall tanzen Menschen, stehen dicht an dicht, lachen laut oder grölen zur Musik. Ich klammere mich an Austins Arm, als wir uns durch die Menge kämpfen.
Schließlich erreichen wir eine ruhigere Ecke, wo Alice, Cody und ein paar andere zusammensitzen. Ein fremder Junge schaut auf und lächelt.
„Thalia! Schön, dass du gekommen bist!" Alice winkt mir aufgeregt zu.
Cody grinst und legt den Arm um sie. „Mach es dir bequem."
Ich setze mich neben den unbekannten Jungen. Austin gesellt sich zu Ella, die bereits kichert, während er ihr einen Kuss auf die Wange drückt.
Alice deutet auf den Fremden neben mir. „Das ist übrigens Jonah. Er ist im selben Semester wie wir."
Jonah mustert mich mit freundlichem Interesse. „Schön, dich endlich kennenzulernen."
Ich runzele die Stirn. „Endlich?"
„Ella hat mir von dir erzählt."
Oh. Jetzt verstehe ich. Das hier ist ein Verkupplungsversuch.
„Freut mich auch", sage ich höflich.
„Willst du was trinken?" Er hält seinen Becher hoch.
„Gern."
Gemeinsam bahnen wir uns den Weg in die überfüllte Küche. Jonah mixt mir einen alkoholfreien Cocktail, während er selbst sich ein hochprozentiges Getränk einschenkt.
„Woher kannst du das?" frage ich neugierig.
„Ich habe mal als Barkeeper gearbeitet. War ein cooler Job, aber mit der Uni nicht vereinbar."
„Das ist echt beeindruckend."
„Danke. Also, was machst du so, wenn du nicht lernst?"
„Lesen. Viel lesen."
„Mehr nicht? Das kann man doch ändern."
Ich ziehe eine Braue hoch. „Mal sehen."
Er grinst. „Wollen wir tanzen?"
Bevor ich ablehnen kann, zieht er mich mit auf die Tanzfläche. Seine Hände liegen an meinen Hüften, er kommt mir viel zu nah. Mein Herz rast.
„Wollen wir uns irgendwohin zurückziehen? Nur du und ich?" flüstert er mir ins Ohr.
Meine Alarmglocken schrillen. Ich schüttele den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich die Richtige für sowas bin."
Jonah mustert mich kurz, dann zuckt er mit den Schultern. „Schon verstanden. Falls du deine Meinung änderst, sag Bescheid."
Er zwinkert mir zu und verschwindet in der Menge.
Ich atme erleichtert aus. Vielleicht war das meine erste und letzte College-Party.
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Enchanted by you
FantasyFictional Boyfriends can be real ... Ein Bücherwurm in Harvard entdeckt eine Welt voller Magie, als der Protagonist eines Fantasy-Romans plötzlich vor ihr steht und sie gemeinsam zwischen der modernen Welt und einem faszinierenden Königreich Gefahre...
