KAPITEL 7

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Ich stehe mit meinem Rucksack vor dem Auto und werfe meiner Mutter einen letzten Blick zu. Wie üblich ist ihr Handy fest in ihrer Hand verankert, und ihre Finger fliegen über den Bildschirm. Ich räuspere mich, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Ich fahre jetzt los", sage ich.

Endlich hebt sie den Kopf, geht die wenigen Stufen herunter und mustert mich mit einem Lächeln, das ich nicht ganz einordnen kann. 

„Schreib mir, wenn du angekommen bist. Und versuch, es auf dich wirken zu lassen, ja? Vielleicht machst du heute schon ein paar interessante Bekanntschaften."

Sie zieht mich in eine feste Umarmung, die wärmer ist als erwartet. Vielleicht weil sie hofft, mich mit dieser letzten Geste doch noch umzustimmen. Ich löse mich von ihr, steige ins Auto und starte den Motor.

Während ich langsam aus der Einfahrt rolle, werfe ich einen letzten Blick in den Rückspiegel. Sie steht immer noch da. Ihr Lächeln ist weich – und viel zu selbstzufrieden. Ich kenne diesen Ausdruck. Sie hat etwas geplant. Irgendetwas läuft hier im Hintergrund, und ich habe keine Ahnung, was es ist. Noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.

Die Abmachung zwischen uns ist klar: Ich besuche für einen Tag den Campus der Universität von Kansas, schaue mir das Studienprogramm an und gebe ihm eine ehrliche Chance. Falls es mich überzeugt, bleibe ich. Falls nicht – gehe ich nach Harvard.

Was sie nicht weiß: Ich habe längst entschieden. Komme, was wolle. Da ich mich in dieser Gegend nicht besonders gut auskenne, lasse ich mich vom Navi führen. Peinlich ist mir das nicht – dafür wurde die Technik schließlich erfunden. Doch selbst mit den klaren Ansagen der elektronischen Stimme fühle ich mich fremd in meiner eigenen Stadt. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, doch nichts hier zieht mich wirklich an. Kansas City war nie mein Zuhause – nur ein Ort, an dem ich festgesteckt habe.

Die Straßen sind voll. Die morgendliche Rushhour bedeutet Stau, stockenden Verkehr und genervte Autofahrer, die sich durch die Lücken drängen. Zum Glück habe ich keinen Zeitdruck. Ich lehne mich zurück, verbinde mein Handy mit dem Bordcomputer und starte mein Hörbuch. Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia.

Seit meiner Kindheit liebe ich diese Geschichte. Jedes Mal, wenn ich den Kleiderschrank öffnete, hoffte ich insgeheim, dass ich hindurchtreten und in eine andere Welt gelangen könnte. Eine Welt voller Abenteuer, Magie und tapferer Helden.

Stattdessen fahre ich auf einer überfüllten Straße zur Universität meiner Mutter. Nach knapp anderthalb Stunden erreiche ich mein Ziel: den Campus der University of Kansas. Die Gebäude ragen imposant in den Himmel, und überall wimmelt es von Studenten, die mit Coffee-to-go-Bechern in der Hand zwischen den Vorlesungen hin und her hetzen. Ich verstehe, warum meine Mutter sich wünscht, dass ich hierbleibe. Ich wäre nur eine Autostunde entfernt. Nah genug, damit sie mich weiterhin im Auge behalten kann.

Ich steige aus, ziehe die Kappe meines Hoodies tiefer ins Gesicht und atme tief durch. Heute begehe ich offiziell meine erste Straftat. Die öffentlichen Besuchstage sind längst vorbei. Eigentlich dürften sich hier nur eingeschriebene Studenten aufhalten. Doch davon lasse ich mich nicht aufhalten. Solange mich niemand nach meinem Studentenausweis fragt, bin ich nur eine weitere Erstsemester-Studentin, die sich auf dem Campus zurechtfindet. 

Ich passe mich der Menge an, verschmelze mit ihr. Wie ein Chamäleon. Um mich herum fließen die Gespräche der Studenten an mir vorbei. Sie reden über Vorlesungen, Partys, nervige Professoren. Einige lachen laut, andere laufen schweigend nebeneinander her, Kopfhörer auf den Ohren. Ich folge einer Gruppe von Studenten, halte genug Abstand, um nicht aufzufallen, aber nahe genug, um ihnen unauffällig hinterherzugehen. Es dauert nicht lange, bis ich verstehe, wohin sie gehen: ein Literaturkurs. 

Perfekt. 

Die Gruppe steuert auf ein altes Backsteingebäude zu. Als sie die große Eingangstür aufstoßen, schlüpfe ich mit hinein. Ein paar Minuten später finde ich mich in einem Hörsaal wieder. Reihen über Reihen von Sitzen, ein großes Pult vorn, ein Beamer an der Decke. Ich nehme einen Platz in einer der hinteren Reihen ein, öffne meinen Laptop und stelle meine Thermoskanne mit Pfefferminztee daneben. 

Der Professor betritt den Raum. Er sieht überraschend jung aus – höchstens Mitte vierzig. Blonde Haare, grüne Augen, eine braune Hornbrille und ein drei-Tage-Bart, der ihm ein entspanntes, aber intelligentes Aussehen verleiht.

„Guten Morgen", sagt er mit einem warmen Lächeln und schaltet seinen Laptop an.

Die große Leinwand füllt sich mit den ersten Folien seiner Präsentation. Analytisches Schreiben. Er beginnt mit Zitaten von berühmten Autoren, spricht über Schreibtechniken, über die Kunst, einen Text auseinanderzunehmen und zu verstehen, wie er funktioniert. Ich lehne mich zurück, höre zu und mache mir ein paar Notizen.

Ein paar Studenten stellen Fragen, die er mit echter Begeisterung beantwortet. Er liebt sein Fach. Das merkt man sofort. Gelegentlich bringt er einen Witz, um die Aufmerksamkeit der Klasse aufrechtzuerhalten. Die Vorlesung vergeht schneller als erwartet. Als sie endet, packe ich meine Sachen zusammen und mische mich unter die Studenten, die den Saal verlassen. Ab hier bin ich auf mich allein gestellt.

Ich laufe über den Campus, lasse den Blick über die gepflegten Grünflächen und massiven Gebäude schweifen. Lerngruppen sitzen auf den Rasenflächen, einige Studenten lesen unter Bäumen, andere scrollen auf ihren Handys. Es ist ein schöner Ort. Einladend. 

Vielleicht könnte ich mich hier wohlfühlen. Doch dann passiert es. Mitten auf dem Weg bleibt mein Blick an einer Gestalt hängen. Mein Herz setzt für einen Moment aus.

Denn die Person, die dort steht, kenne ich nur zu gut.




















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