KAPITEL 68

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Es klopft an der Tür. Carden steht auf, öffnet sie und spricht leise mit jemandem auf der anderen Seite. Ich kann nicht erkennen, wer es ist, doch kurz darauf kehrt er mit einer dampfenden Schüssel zurück. Der Duft steigt mir sofort in die Nase, und mein Magen zieht sich zusammen. Wie lange ist es her, dass ich etwas gegessen habe? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

Carden setzt sich neben mich und hält mir einen Löffel entgegen.

„Willst du mich etwa füttern?"

Er nickt. „Deine Arme sind verletzt. Ich will nicht, dass die Wunden wieder aufbrechen."

Ich mustere ihn skeptisch. Seit wann sorgt er sich so sehr um mich?

„Lass es bitte zu", sagt er leise.

Zögernd öffne ich den Mund. Die heiße Brühe rinnt meine Kehle hinunter, und ich muss zugeben, dass die Nudelsuppe die beste ist, die ich je gegessen habe. Löffel für Löffel nehme ich an, bis die Schüssel leer ist.

„Danke", murmle ich.

Carden stellt den Teller beiseite. „Dafür bin ich da. Um mich um dich zu kümmern. Mir ist es egal, ob wir streiten oder uns nicht ausstehen können – ich werde immer da sein."

Ich will ihm nicht glauben. Ich kann es nicht.

„Du willst mich immer noch heiraten, oder?" frage ich kühl.

„Ja", antwortet er ohne zu zögern. „Du hast mich von der ersten Sekunde an verzaubert. Erst dachte ich, ich müsste mich dazu zwingen, doch dann..." Er hält inne. „Es wurde geplant, lange bevor wir uns begegnet sind. Ich hielt es für ein Gerücht – bis zum Turnier."

Ich beiße mir auf die Lippe. „Aber es kann doch nicht Liebe auf den ersten Blick sein. So etwas gibt es nur im Märchen."

„In jeder Geschichte steckt ein Körnchen Wahrheit."

Ich schüttle den Kopf. „Meine Meinung zur Hochzeit hat sich nicht geändert."

Carden lächelt leicht. „Dann sieh es als Freundschaft. Du musst mich nicht lieben. Aber ich würde es mir wünschen."

Seine Worte hallen in mir nach. Ich erinnere mich an Aiden. Daran, wie ich ihm einst genau so in die Augen geschaut habe – mit Hoffnung, mit Zuneigung. Doch wo ist all das jetzt? Mein Herz fühlt sich leer an, wenn ich an ihn denke. Kein Ziehen, kein Schmerz. Nur eine vage Erinnerung an etwas, das längst vergangen ist.

Doch dann taucht ein anderes Gesicht in meinem Kopf auf. Kian. Sein schiefes Lächeln, sein selbstbewusstes Grinsen. Die Art, wie er mir das Land gezeigt hat, wie er immer da war, ohne große Versprechen zu machen. Und auf einmal merke ich, dass der Gedanke an ihn mir mehr bedeutet als die Erinnerung an Aiden.

„Du wünschst dir so einiges, nicht wahr?" Ich zwinge mich, in die Gegenwart zurückzukehren.

Carden lacht leise. „Mit Liebe wäre alles einfacher. Küssen, tanzen, Kinder erziehen."

Ich weiche seinem Blick aus.

„Ruh dich aus. Morgen wird ein langer Tag. Ich habe viel mit dir vor, meine Schöne."

„Wo wirst du schlafen?"

„Neben dir."

Ich drehe mich zur Seite, als er sein schwarzes Hemd auszieht. Seine Muskeln spannen sich im Licht der Kerzen, doch anstatt mich zu beeindrucken, fühlt es sich falsch an. Seine Nähe ist nicht das, wonach ich mich sehne.

„Ist es dir unangenehm, mich so zu sehen?" fragt er und legt eine Hand auf meine Schulter.

Ich drehe mich um und sehe ihm in die Augen. „Ich lasse nur wenige Menschen mich berühren."

„Warum?" Seine Stimme ist nur ein Flüstern.

„Weil es wehgetan hat", gebe ich zu. „Jemand hat mir einmal das Herz gebrochen. Damals, in meiner Welt."

„Wie töricht er war." Carden schüttelt den Kopf. „Einer solchen Schönheit das Herz zu brechen – man müsste ihn dafür hinrichten."

Ich lache kurz auf, doch das Gefühl hält nicht lange an. Jack hatte mir wehgetan. Aiden lässt sich leicht von einem Liebestrank täuschen und hatte davor auch schon diese Arwen mit großen Augen angesehen, als er sie das erste Mal gesehen hat. Doch wenn ich ehrlich bin, tut die Erinnerung daran kaum noch weh.

Ich denke wieder an Kian. An unsere gemeinsamen Abenteuer. Das Fest im Dorf, wie er mit mir getanzt hat, wie er mir geholfen hatte das Schwert besser zu führen oder mit mir beim Meervolk war. Die Art, wie er mich ansah – nicht als Prinzessin, nicht als Spielball eines Krieges, sondern als mich selbst.

„Ich werde dich bis zum Tod lieben", murmelt Carden. „Das schwöre ich dir."

Ich reagiere nicht darauf. Stattdessen drehe ich mich zur Seite.

„Schlaf jetzt", sage ich.

Er legt sich neben mich. Die Matratze bewegt sich unter seinem Gewicht.

Ich schließe die Augen, doch der Schlaf kommt nicht. Mein Kopf ist zu voll. Carden glaubt an die Prophezeiung. Er glaubt an unsere Verbindung. Doch ich nicht. Ich bin gefangen. In seinem Schloss. In diesem Bett. Und in einem Schicksal, das ich nicht akzeptieren will.

Ich hoffe, dass jemand mich rettet. Kian. Oder Fynn. Irgendjemand.

Ich stelle mir vor, wie Kian mich findet. Wie er eine seiner tollkühnen Ideen hat und mich aus diesem goldenen Käfig holt. Wie er mir diesen frechen Blick zuwirft und sagt: „War ja klar, dass du dich mal wieder in Schwierigkeiten bringst."

Und auf einmal wird mir klar: Es ist nicht Aiden, an den ich denke. Nicht mehr. Es ist Kian.






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