KAPITEL 48

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Bis zum Abend bleibt mein Zimmer leer. Kein Klopfen, keine Stimmen auf dem Gang. Eine seltsame Stille liegt in der Luft, als wäre ich in einem goldenen Käfig eingesperrt. Vielleicht hat der König es so angeordnet, vielleicht meidet mich einfach jeder nach dem Zwischenfall beim Turnier. Mir ist es recht. Doch ob ich mich damit wirklich sicherer fühle?

Ich liege auf dem Bett, starre an die Decke, doch mein Kopf ist nicht ruhig. Immer wieder taucht Aidens Gesicht vor meinem inneren Auge auf – seine wütenden, aber auch besorgten Augen. Und dann ist da Carden. Unaufhaltsam drängt er sich in meine Gedanken.

Er ist gefährlich. Das sagen mir Verstand und Bauchgefühl gleichermaßen. Aber diese Augen ... Diese dunklen, intensiven Augen, die mich durchdringen, als könnte er meine tiefsten Geheimnisse lesen. Was ich beim Turnier gefühlt habe, ist neu für mich. Es war nicht nur Angst. Es war etwas anderes. Etwas Verbotenes, das mich gleichzeitig abstößt und anzieht. Ich sollte nicht so denken. Carden ist ein skrupelloser Mann, einer, der mich nur als Spielzeug betrachtet. Und doch kann ich nicht leugnen, dass es da eine brennende Neugier gibt, die mich irritiert.

Ein Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Herz setzt kurz aus.

„Herein!", rufe ich und springe hastig auf.

Die Tür öffnet sich, und Alenja tritt ein. Sie sieht atemberaubend aus in einem Kleid aus schimmerndem blauen Seidenstoff, in das kleine Diamanten eingenäht sind. Sie bewegt sich elegant, das Licht bricht sich in den Edelsteinen, sodass sie wie eine Elfe wirkt.

„Du siehst bezaubernd aus", sage ich mit einem kleinen Lächeln.

Sie errötet leicht. „Ach was. Ich sehe aus wie ein Kind, in das man eine Menge Gold investiert hat."

„Nun, du bist die Jüngste deiner Geschwister. Sie werden dich immer so sehen."

Sie seufzt und setzt sich auf mein Bett. „Genau das ist das Problem. Alle Freier sehen mich ebenfalls als kleines Mädchen."

Ich grinse. „Dann zeig ihnen, dass du erwachsen bist. Sei selbstbewusst, klug, charmant – und schlagfertig."

„So wie du?"

Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu finden."

Alenja springt plötzlich auf. „Du weißt noch gar nichts vom Ball, oder?"

Verwirrt schüttle ich den Kopf.

„Oh, Thalia! Heute Abend ist ein großes Fest mit all unseren Gästen. Wir müssen dich vorbereiten, und zwar sofort!"

Ehe ich etwas entgegnen kann, stürmt sie zur Tür. „Ich hole die Zofen!"

„Ich brauche keine Zofen, um mich zu baden!", rufe ich ihr hinterher, doch sie winkt nur ab.

Also gehe ich ins Badezimmer und lasse mir heißes Wasser ein. Ich wasche mich hastig, trockne mich ab und stehe dann in Unterwäsche vor meinem Kleiderschrank. Meine Finger gleiten über die Stoffe, bis mein Blick auf ein goldenes Kleid fällt. Es wirkt beinahe zu wertvoll, zu edel für mich.

Zaghaft nehme ich es heraus und streiche mit den Fingern über den glatten Satin. Edelsteine funkeln im Licht. Ich beiße mir auf die Lippe. Wenn ich das trage, werde ich alle Blicke auf mich ziehen. Will ich das wirklich?

Ehe ich es mir anders überlegen kann, zwänge ich mich hinein. Das Mieder ist eng, jede Bewegung lässt mich den Stoff spüren. Gerade als ich versuche, die Schnürung zu schließen, platzt Alenja wieder ins Zimmer.

„Oh, wow", haucht sie und starrt mich mit großen Augen an. „Thalia ... du siehst aus wie eine Göttin!"

Die Zofe, die sie mitgebracht hat, tritt ohne zu fragen hinter mich und beginnt, das Mieder noch enger zu schnüren. Ich halte mich an Alenjas Arm fest, während mir die Luft wegbleibt.

Dann geht alles schnell: Die Zofe setzt mich auf einen Stuhl, kämmt meine Haare und steckt sie in einen kunstvollen Dutt. Sie schminkt meine Augen und betont meine Wangen, bis ich kaum wiederzuerkennen bin. Als sie fertig ist, verbeugt sie sich wortlos und verlässt den Raum.

Ich stehe auf und trete vor den Spiegel. Mein Atem stockt. Die Frau, die mich aus dem Spiegel ansieht, ist nicht mehr nur Thalia. Sie ist jemand anderes. Eine Königin.

Das goldene Kleid sitzt wie eine zweite Haut, betont meine Taille, während die Edelsteine einen schimmernden Wasserfall aus Licht erzeugen. Der Ausschnitt ist gewagt – ein ungewohntes Gefühl, doch ich kann nicht leugnen, dass ich mich schön fühle. Selbstbewusst.

„Aiden wird sich zusammenreißen müssen, wenn er dich so sieht", kichert Alenja.

Ich zwinge mich zu einem Seufzen. „Ich soll mich doch von ihm fernhalten."

„Ja, wegen des Königs." Alenja zögert. Dann beißt sie sich auf die Lippe. „Deswegen sollte ich es dir vielleicht nicht sagen ..."

Ich wende mich ihr zu und verenge die Augen. „Mir was sagen?"

Sie drückt den Stoff ihres Kleides nervös zwischen den Fingern. „Es geht um Carden."

Mein Körper versteift sich.

„Was ist mit ihm?" Meine Stimme klingt gefährlich leise.

Alenja sieht mich an, als wisse sie nicht, ob sie weiterreden soll. „Er hat nach dir gefragt. Mehrmals."

Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken.

„Was wollte er wissen?"

„Ob du heute auf dem Ball sein wirst. Und ..." Sie stockt.

„Und was?"

„Er meinte, er würde dich dort erwarten."

Mein Herz hämmert in meiner Brust.

Ich drehe mich wieder zum Spiegel und betrachte mein Spiegelbild. Vor wenigen Minuten noch fühlte ich mich wie eine Königin. Jetzt wie eine Beute.

Carden wartet also auf mich.

Und ich weiß nicht, ob das eine Warnung ist – oder eine Einladung zu einem Spiel, das ich nicht gewinnen kann.



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