Mit einem Rucksack über der Schulter und einer Reisetasche in der Hand stehe ich vor dem alten Reisebus. Dies ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe. Mein neues Leben beginnt jetzt. Ich verlasse alles Vertraute – meine Heimat, meine Vergangenheit – und steige in eine Zukunft voller Möglichkeiten.
Meine Mutter steht neben mir, die Stirn besorgt in Falten gelegt. „Bist du sicher, dass ich dich nicht fahren soll? Es ist eine weite Strecke, und auf der Autobahn kann so viel passieren. Und dann der Flug—was, wenn euer Flugzeug entführt wird oder abstürzt?"
Ich stöhne genervt auf. „Mom, ernsthaft? Ich fahre mit dem Bus zum Flughafen und fliege ein paar Stunden. Nicht gerade die gefährlichste Mission der Welt." Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Außerdem würdet ihr mit dem Auto einen ganzen Tag brauchen."
Sie zieht mich plötzlich in eine feste Umarmung. Ihre Stimme ist leise, fast ein Flüstern. „Schreib mir, wenn du angekommen bist."
Ich atme tief ein, koste diesen Moment aus. Dann ziehe ich mich sanft aus ihrer Umarmung und schaue sie eindringlich an. „Aber nur, wenn du mir versprichst, endlich mal zu leben, Mom. Geh auf Dates, mach eine Kreuzfahrt, buch einen Spa-Tag—irgendwas. Hauptsache, du steckst nicht die ganze Zeit in der Arbeit fest."
Sie lächelt müde. Es ist das Lächeln einer Mutter, die sich nicht eingestehen will, dass ihr Kind erwachsen wird.
Ich verstaue mein Gepäck im Laderaum des Busses, steige ein und lasse mich auf einen freien Sitz fallen. Durch das Fenster sehe ich, wie sie mir zum Abschied zuwinkt – traurig, aber stolz.
Dann setzt sich der Bus in Bewegung. Und mit ihm mein neues Leben.
Gestern Abend.
Ich hatte gerade meine letzten Sachen gepackt, meine Reisetasche im Flur abgestellt und wollte eigentlich ins Bett gehen. Doch als ich mein Zimmer betrat, spürte ich es sofort—eine fremde Präsenz.
Ein kalter Luftzug strich über meine Arme. Die Gänsehaut war mein erster Hinweis. Der zweite? Das offene Fenster, das ich definitiv nicht geöffnet hatte.
Dann sah ich ihn.
Eine dunkle Gestalt stand in der Ecke meines Zimmers, umhüllt von Schatten. Mein Herz setzte für eine Sekunde aus—nur um dann in atemberaubender Geschwindigkeit loszuhämmern.
Ohne zu überlegen, riss ich die erste Waffe an mich, die ich zu fassen bekam—meine Tischlampe.
„Komm mir nicht zu nahe!", warnte ich und hob die Lampe wie eine Keule. Meine Finger zitterten um den Griff.
Die Gestalt bewegte sich.
Scheiß drauf.
Ich holte aus und schlug zu.
Ein gedämpfter Aufprall, dann ein erstickter Schrei. Die dunkle Kapuze rutschte nach hinten, und im schwachen Mondlicht erkannte ich das Gesicht, das ich nie wieder sehen wollte.
Jack.
Ich schnappte nach Luft. „Was zur Hölle machst du hier?!"
Er stöhnte und rieb sich den Kopf. „Verdammt, Thalia!"
„Hättest du geklingelt, wäre das nicht passiert!" Ich schnaubte, mein Herz noch immer außer Kontrolle. „Wer bricht denn bitte mitten in der Nacht durchs Fenster ein?!"
Jack zuckte mit den Schultern. „Deine Mutter ist unten. Was würde sie denken, wenn sie mich um Mitternacht vor der Haustür sieht?" Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Außerdem wäre das zu einfach gewesen. Ein bisschen Adrenalin hat noch niemandem geschadet."
Ich starrte ihn entgeistert an. „Jack, du bist unmöglich!"
Er rieb sich die Stelle, an der ich ihn getroffen hatte. „Ich sag dir was: Du hast ganz schön Kraft."
„Das geschieht dir auch recht!", zischte ich.
Er lachte trocken. „Endlich sehe ich mal wieder dein Temperament. Ich hatte mich schon gefragt, wo es beim letzten Mal geblieben ist."
Ich kniff die Augen zusammen. „Hör auf, mich auf die Palme zu bringen, und sag einfach, warum du hier bist."
„Hast du dich entschieden?" Seine Stimme klang plötzlich ernst.
Ich blinzelte. „Deswegen bist du die Regenrinne hochgeklettert?"
Er grinste. „Ähm ... ja?"
Ich hob die Hände in die Luft. „Ich dachte schon, es wäre irgendwas passiert! Aber nein, du willst nur wissen, ob ich mit dir auf die Uni gehe!"
„Und?" Er lehnte sich gegen den Schreibtisch, sein Blick lauernd. „Ja oder nein?"
„Jack." Ich atmete scharf aus und zeigte mit dem Finger auf das offene Fenster. „Raus."
Er musterte mich einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern. „War ja klar. Harvard kann sich glücklich schätzen."
Stille.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Warum fühlte es sich plötzlich so ... endgültig an?
Ich wandte den Blick ab. „Brauchst du was für deinen Kopf?"
„Etwas Kühles wäre nett. Zum Glück habe ich keine Platzwunde davongetragen."
Ein kleines Schuldgefühl regte sich in mir. Ich huschte auf leisen Sohlen in die Küche, griff nach einer gefrorenen Packung Erbsen und schlich zurück nach oben.
„Hier." Ich hielt ihm die Erbsen hin.
Er nahm sie dankend an und grinste. „Die behalte ich."
„Meine Mutter wird's nicht mal merken. Sie kocht nie mit Tiefkühlkram."
Jack lachte leise. „Stimmt. Der Herd und du wart auch nie Freunde."
Ich rollte mit den Augen und schlug ihm spielerisch auf den Arm. Er wich grinsend aus.
„Ich geh dann mal." Er drückte sich durch das Fenster und kletterte auf das Vordach.
Ich kreuzte die Arme. „Pass auf, dass du dir nichts brichst."
Er sah über die Schulter zurück. „Nur, wenn du mir versprichst, auf dich aufzupassen."
Ich hielt seinem Blick stand. „Ich versuch's."
Und dann war er weg.
Er hatte meine Entscheidung akzeptiert. Zumindest glaubte ich das. Aber in diesem Moment spielte es keine Rolle mehr.
Ich hatte meinen eigenen Weg gewählt. Und jetzt war es Zeit, ihn zu gehen.
Jetzt, während der Bus über die Landstraße fährt, schaue ich noch einmal aus dem Fenster.
Kansas verblasst langsam in der Ferne.
Harvard wartet.
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Enchanted by you
FantasyFictional Boyfriends can be real ... Ein Bücherwurm in Harvard entdeckt eine Welt voller Magie, als der Protagonist eines Fantasy-Romans plötzlich vor ihr steht und sie gemeinsam zwischen der modernen Welt und einem faszinierenden Königreich Gefahre...
