KAPITEL 38

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Aiden betrachtet die Münze in meiner Hand, dann wandert sein Blick zu mir. Seine grünen Augen verdunkeln sich ein wenig. „Meine Mutter", sagt er leise.

Ich erinnere mich an ihr Bild in der Eingangshalle und im Arbeitszimmer des Königs. Das blonde, lockige Haar, die leuchtenden grünen Augen, dieses strahlende Lächeln, das mit der Sonne konkurrieren konnte.

„Sie starb, als ich noch jung war." Seine Stimme bricht fast. „Sie war krank. Niemand wusste, was ihr fehlte. Kein Heiler, kein Gelehrter konnte helfen. Es ging alles so schnell... und seitdem ist mein Vater nicht mehr derselbe. Ihr Tod hat ihn verändert. Uns alle."

Er schweigt für einen Moment, als würde er sich sammeln müssen. Dann fährt er fort: „Mein Bruder stürzt sich in Abenteuer, als könnte er der Trauer davonlaufen. Meine Schwester... sie verbringt ihre Tage mit der Tochter eines angesehenen Barons, so als könnte Freundschaft die Leere füllen, die Mutter hinterlassen hat."

Seine Worte hallen in mir nach. Ich kann den Schmerz in seiner Stimme spüren. Er hat so viel verloren.

„Es tut mir leid", sage ich, und es fühlt sich unzulänglich an.

Er zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Wir haben gelernt, mit der Trauer zu leben. Die Erinnerungen an sie sind das Einzige, was bleibt."

Ich greife nach seiner Hand und drücke sie fest. „Danke, dass du mir das anvertraut hast." Ich schlucke schwer. „Meine Mutter und ich... wir haben auf unsere Weise gelernt, mit der Abwesenheit meines Vaters umzugehen. Sie vergräbt sich in ihrer Arbeit, und ich... verliere mich in Büchern."

Ein sanftes Lächeln huscht über seine Lippen. „Ihr beide seid stärker, als ihr glaubt. Ihr lasst euch nicht unterkriegen. Das bewundere ich." Er blickt kurz zu den Pferden, dann wieder auf die Münze in meiner Hand.

„Eines Tages wird es mein Gesicht sein, das auf jeder Münze geprägt ist – neben dem meiner Königin." Aiden atmet schwer aus. „Das ist der Grund, warum ich gestern so abwesend war."

Ich halte die Luft an.

„Du dachtest, dein Vater würde dir mehr Zeit geben... um selbst zu wählen, wen du heiratest?" Ich spreche die Worte aus, die unausgesprochen zwischen uns hängen.

Er reißt ein paar Halme Gras aus dem Boden. „Ich dachte, als König hätte ich die Macht, Gesetze zu ändern. Doch wenn die Traditionen so tief verwurzelt sind... und der Rat genauso stur ist wie mein Vater..." Er bricht ab, schüttelt leicht den Kopf.

Schuld breitet sich in mir aus, warm und unangenehm. Warum fühle ich mich verantwortlich? Ich habe ihm nichts angetan. Und doch... habe ich zugelassen, dass er sich in mich verliebt.

Wenn ich nicht wäre, würde er eine Prinzessin heiraten. Jemanden, den sein Volk akzeptiert. Vielleicht dachte er wirklich, wir hätten eine Zukunft zusammen.

Für einen Moment stelle ich es mir vor. Eine Königin sein. An seiner Seite. Zusammen alt werden, Hand in Hand.

Aber das ist unmöglich.

Ich bin nicht von adligem Blut. Kein Titel ziert meinen Namen. Und noch entscheidender – ich bin kein Teil dieser Welt.

Doch das Gefühl, das zwischen uns schwebt, ignoriert jede Logik. Ich weiß nicht, ob es Liebe ist oder bloße Faszination. Aber eines weiß ich: Solange ich hier bin, will ich es herausfinden.

Ich beobachte ihn. Es tut weh zu sehen, wie jemand gezwungen wird, seiner Pflicht nachzukommen. Früher habe ich Prinzessinnen um ihr Leben beneidet. Ihre prächtigen Kleider, den Schmuck, die Bälle. Ich dachte, sie hätten alles. Aber jetzt sehe ich die Wahrheit. All der Glanz hat seinen Preis. Freiheit gibt es für sie nicht.

Ich zwinge mir ein Lächeln auf. „Vielleicht ist heute Abend eine wunderschöne, anmutige Dame dabei." Ich hasse mich selbst für diese Worte.

Aiden sieht mich an, als hätte ich ihm gerade einen Dolch ins Herz gestoßen. „Ich will keine andere", sagt er. Seine Stimme ist heiser. „Ich will..."

Er verstummt.

Ich spüre, wie mir der Atem stockt. Er wollte es sagen. Ich weiß es. Doch wir beide wissen, dass er es nicht darf.

Also schweigen wir.

Der Wind raschelt durch die Blätter. Die Stille zwischen uns ist schwer, voller unausgesprochener Worte.

Ich kann es nicht länger ertragen. Ich ziehe meine Schuhe aus, stehe auf und gehe zum See. Das Wasser ist kristallklar. Sanfte Wellen tanzen im Licht. Ich hebe den Saum meines Kleides und tauche einen Fuß hinein.

Es ist warm.

Zögernd setze ich den anderen Fuß dazu und laufe langsam durch das Wasser. Die Fische weichen nicht zurück, sie schwimmen friedlich neben mir her. Ein paar von ihnen streifen meine Beine, und ich kichere.

Aiden beobachtet mich. Sein Lächeln ist sanft, doch in seinen Augen liegt noch immer Sorge.

„Willst du dich nicht auch ein wenig abkühlen?" Ich spritze spielerisch etwas Wasser in seine Richtung.

Er lehnt sich zurück. „Ich sehe dir lieber zu."

„Ist das so?" Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht. Ich schöpfe Wasser in meine Hände, springe ans Ufer – und schütte es über ihn.

„Thalia!" Aiden springt erschrocken auf. Seine Kleider sind durchnässt. Das weiße Hemd klebt an seiner Brust, zeichnet seine Muskeln ab. Ich reiße den Blick los, damit ich nicht zu auffällig starre. Ein schelmisches Funkeln tritt in seine Augen.

„Oh, das bereust du", sagt er grinsend.

Bevor ich fliehen kann, stürzt er sich auf mich. Ich schreie auf, doch es ist zu spät – mit einem schnellen Ruck liege ich auf der Decke, Aiden über mir. Seine Arme stützen sich neben meinem Kopf ab.

Ich kann seinen Atem auf meiner Haut spüren.

Mein Herz hämmert.

Sein Blick wandert zu meinen Lippen, dann wieder zu meinen Augen.

Mein Körper ist wie erstarrt.

Dann, ganz plötzlich, nimmt er meine Handgelenke, hebt sie über meinen Kopf und hält sie dort fest. Ich bin gefangen.

„Jetzt hast du mein schönes Hemd durchnässt", murmelt er. „Ich glaube, das verlangt nach Rache."

Seine Stimme ist sanft, aber sein Blick... sein Blick ist voller Hitze.

Ich beiße mir auf die Lippe. Die Spannung zwischen uns ist erdrückend.

Und dann... beginnt er mich zu kitzeln.

Ich schreie auf, lache, winde mich unter ihm, aber er ist gnadenlos. Er kennt keine Gnade. Seine Finger finden jede empfindliche Stelle.

„Aiden! Ich... kann... nicht mehr!" Ich japste nach Luft, doch er lacht nur.

„So einfach kommst du mir nicht davon", sagt er und grinst.

„Nein! Bitte! Ich kapituliere!" Tränen laufen über mein Gesicht – Lachtränen.

Er hält inne. Sein Blick ist schelmisch.

„Ich erlasse deine Strafe", sagt er langsam. „Aber nur unter einer Bedingung."










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