KAPITEL 40

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Hastig trete ich von Aiden zurück und schaffe Abstand zwischen uns. Mein Herz schlägt schneller.

„Vater!", ruft Aiden und fährt sich hastig mit dem Handtuch übers Gesicht, als könnte er so alle Spuren des Augenblicks verwischen.

Der König mustert uns mit seinem durchdringenden Blick. „Was hat das hier zu bedeuten?" Seine Stimme ist ruhig, doch eine scharfe Kante schwingt darin mit.

Mein Mund bleibt trocken. Ich wage es nicht, etwas zu sagen, aus Angst, mich zu verraten. Also schaue ich zu Aiden – bitte hab eine Antwort, bitte rette uns!

„Wir ... wir sind bei unserem Ausflug nass geworden", sagt er schließlich und versucht, überzeugend zu klingen.

Der König schweigt. Erst sieht er Aiden an, dann mich. Jede Sekunde zieht sich endlos.

Dann nickt er knapp. „Wenn du das sagst, dann wird es wohl so gewesen sein." Doch sein Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass er ihm nicht ganz glaubt.

Sein Blick bleibt an mir hängen. „Lady Thalia, ich denke, Sie werden woanders erwartet."

Ich runzle die Stirn. Wo? Von wem?

„Es ist wohl das Beste, wenn Sie sich in Ihr Gemach zurückziehen."

Ich verabschiede mich höflich, husche an ihm vorbei und eile die Treppe hinunter. Meine Beine tragen mich schneller, als ich es beabsichtige. Erst in meinem Zimmer angekommen, lasse ich mich auf mein Bett fallen, mein Herz rast noch immer.

Doch kaum habe ich Luft geholt, klopft es an der Tür. Ich öffne einen Spalt und sehe Alenja – zusammen mit dem unbekannten Mädchen vom gestrigen Abendessen.

„Wir haben auf dich gewartet. Dürfen wir eintreten?" Alenjas Stimme ist sanft wie immer.

Ich trete zur Seite und lasse sie hinein. Dabei fällt mir ihre festliche Kleidung auf, und plötzlich erinnere ich mich – der Ball!

Alenja trägt ein sonnengelbes Kleid mit weiten, bodenlangen Ärmeln. Die feinen Schmetterlinge in ihrem Haar scheinen zu tanzen, wenn sie sich bewegt. Eine schmale Krone schmückt ihr Haupt, und sie wirkt wie eine elfenhafte Erscheinung.

„Du siehst wunderschön aus", sage ich ehrfürchtig.

Ihre Wangen färben sich rosa. „Du bist so gütig."

Ich wende mich ihrer Begleiterin zu. Auch sie sieht atemberaubend aus. Ihr lila Seidenkleid fließt bei jeder Bewegung, und das angenähte Cape verleiht ihr eine königliche Eleganz. Die goldenen Blättchen in ihrem schwarzen Haar glitzern sanft im Kerzenlicht.

Alenja lächelt. „Darf ich vorstellen: Kandra. Sie ist die Tochter eines angesehenen Barons."

Ich knickse leicht. „Es freut mich, euch kennenzulernen."

Kandra kichert. „Bitte, keine Förmlichkeiten. Alenja hat mir bereits viel von dir erzählt."

Ich hebe eine Braue. „Hoffentlich nur Gutes?"

„Oh, das bleibt mein Geheimnis", sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.

Alenja klatscht freudig in die Hände. „Lass uns ein Kleid für dich finden!"

Kurz darauf liegen drei prächtige Gewänder vor mir. Jedes ein Traum.

Das erste ist aus hellblauem Tüll, mit goldenen Fäden durchzogen und weiten Ärmeln.

Das zweite – mein Favorit – ist aus roter Seide, mit goldenem Glitzertüll darüber und einem königlichen Schnitt.

Das dritte ist ein smaragdfarbenes, eng geschnittenes Kleid, durchzogen mit feinen, dunklen Ranken, die sich über den Stoff winden.

Ich lasse meinen Blick über die Stoffe gleiten. Schließlich entscheide ich mich für das rote Kleid.

Kaum habe ich es ausgesprochen, werde ich ins Badezimmer geschoben. Die Wanne ist bereits gefüllt, der Duft von Lavendel und Rosenblüten umhüllt mich.

Nach einem ausgiebigen Bad trockne ich mich ab und rufe zaghaft in mein Zimmer: „Was trägt man unter den Kleidern?"

Alenja reicht mir ein hauchzartes Unterkleid. Der Stoff ist unfassbar weich, fast wie Seide. Ich ziehe es mir über und bedecke mich hastig mit dem Handtuch, bevor ich vorsichtig ins Zimmer zurückkehre.

Die Zofe wartet bereits, um mir zu helfen. Sie schnürt das Kleid zu, sodass es perfekt sitzt. Die goldenen Armreifen schimmern auf meiner Haut, als ich sie mir überstreife.

Dann nimmt die Zofe meine Haare in die Hände. Sie flicht sie kunstvoll zu einem lockigen Dutt, einzelne Strähnen werden sanft um mein Gesicht gelegt.

Ein leichter Goldschimmer auf den Lidern, dunklere Brauen, tiefrote Lippen – das Gesicht, das mich aus dem Spiegel ansieht, gehört nicht mehr dem schüchternen Mädchen aus Boston. Ich sehe anders aus. Erhabener.

„Du siehst aus wie eine Königin", haucht Alenja.

Überrascht drehe ich mich zu ihr. „Findest du?"

„Ja", sagt Kandra und nickt eifrig.

Ich schüttle den Kopf. „Ihr solltet mich nicht mit einer Königin vergleichen. Ich bin nicht königlich."

Alenja tritt einen Schritt näher. „Für meinen Bruder bist du es. Er würde lieber dich heiraten als irgendeine Prinzessin, die unser Vater ihm vorsetzt."

Mir bleibt die Luft weg.

Mein Gesicht glüht, und ich stammele: „Alenja! So etwas kannst du doch nicht einfach sagen!"

Sie lacht leise. „Deine Verlegenheit verrät mir, dass du nichts dagegen hättest."

Ich senke den Blick. Mein Herz klopft heftig. „Leider gehöre ich nicht in diese Welt. Das weißt du."

Ihre Miene wird sanfter. „Das bleibt unser Geheimnis. Für die Gäste wirst du von hier sein. Du siehst bereits aus wie eine Adelige. Halte dich ruhig, dann fällt es niemandem auf." Sie drückt meine Hand aufmunternd.

Ich atme tief durch.

Kandra räuspert sich. „Wollen wir langsam zu den Gästen gehen? Viele sind sicher schon eingetroffen."

Alenja schüttelt den Kopf. „Ihr geht vor. Ich muss mit Aiden und Vater als Letzte eintreten."

Kandra nickt verstehend. „Dann sehen wir uns gleich im Ballsaal."

Ich sehe den beiden nach, wie sie mit anmutigen Schritten das Zimmer verlassen.

Meine Hände zittern leicht, als ich mich ein letztes Mal im Spiegel betrachte. Diese Nacht wird alles verändern.













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