KAPITEL 2

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Ich habe mir diesen Augenblick immer furchtbar vorgestellt. Das sie wütend wird und mich anschreit. Den Brief zerknüllt oder schlimmer, ihn zerreißt.

Doch es kommt anders als erwartet. In ihrem Blick sehe ich keine Wut. Nein, es ist etwas Schlimmeres. Es ist Enttäuschung. Die zweite Option, die ich mir ausgemalt habe. Sie ist enttäuscht. Enttäuscht von mir. Enttäuscht von ihrer einzigen Tochter. Nur weil ich aus diesem Kaff ausbrechen will und mein Wissen an einer der renommiertesten Universitäten des Landes erweitern will.

„Wie kannst du nur?" Sie zerknittert den Brief in ihrer Hand.

Ich ziehe die Luft scharf ein. Sie hat es tatsächlich getan.

„Warum auch nicht? Es ist mein gutes Recht", sage ich und greife nach dem Brief. Doch sie hält ihn hinter sich, sodass ich nicht rankomme. Ein kindisches Versagen ihrer Seitz.

„Ist dir bewusst, wie teuer diese Universität ist? Wir haben das Geld nicht dafür!", sagt sie mit zorniger Stimme. Panik und Groll steigen in ihr auf. Wie jedes Mal, wenn wir uns streiten.

„Dafür gibt es ein Stipendium", sage ich mit leicht knurrender Stimme und merke, dass die Wut ebenfalls in mir aufsteigt.

Mir ist bewusst wie viel Studiengebühren öffentliche Universitäten verlangen. Private Einrichtungen kosten ein Vermögen. Auch wenn wir nicht viel Geld besitzen, möchte ich eine faire Chance erhalten, mein vorhandenes Wissen ausbauen zu können. Von renommierten Professoren und guten Kursen. Es erhöht meine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt und ich wäre meinem Ziel einen Schritt näher.

Sie sieht mich streng an. „Du wirst nicht gehen."

„Warum? Was hast du dagegen?", keife ich sie an und verschränke meine Arme vor der Brust.

„Was ich dagegen habe? Weißt du wie weit es von deinem zu Hause entfernt ist?"

„Ja, deswegen habe ich es mir auch ausgesucht", rutscht es mir raus.

Ihre Augen weiten sich. „Bitte, was?"

„Du hast mich schon verstanden." Ich kaue auf meiner Lippe.

„Werd jetzt nicht frech."

„Ich bin nicht frech. Ich will nur etwas anderes sehen als die Kleinstadt, in der wir leben!"

Es ist zwecklos sich mit meiner Mutter zu streiten. Sie gewinnt immer. Egal was ich sage, es wird platt getreten und hat keine Bedeutung mehr. Schon vor ein paar Jahren habe ich aufgegeben eine Diskussion mit ihr zu gewinnen.

„Kannst du mich nicht verstehen?", schreie ich sie an.

Ihre Miene wird ernster. Die Lippen werden schmal wie ein Strich. Keine Anzeichen von Verständnis spiegeln sich auf ihrem Gesicht wider. Immer noch warte ich auf eine vernünftige Antwort von ihr. Doch ich bekomme keine.

„Du hast Hausarrest, junge Dame!" Sie geht an mir vorbei in die Küche.

„Das kannst du doch nicht machen! Ich habe dir nichts Unrechtes getan."

Sie bleibt stehen. Ihr Rücken zu mir gewendet. „Du hast mich hintergangen. Zudem bin ich deine Mutter. Ich habe jedes Recht dich zu beschützen auf dich aufzupassen. Immerhin bist du noch nicht volljährig."

Ich reibe mir müde über die Schläfen. „Ich habe dich nicht hintergangen. In meinem Alter ist es normal, dass man sich an verschiedene Universitäten bewirbt und den Eltern nichts davon erfahren. Es hätte auch nicht funktionieren müssen."

Sie dreht sich wieder zu mir um. „Die Kinder machen sich nichts daraus, dass ihre Eltern nur das Beste für sie wollen. Sie treten die Liebe der Eltern mit ihren Füßen."

Ich rolle ich mit den Augen. „Du musst lernen loszulassen. So kann das doch nicht ewig weiter gehen. Wäre ich in Europa, dann wäre ich jetzt schon volljährig."

Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Dann würdest du dich jetzt betrinken, Drogen nehmen und mit dem Erstbesten ins Bett steigen."

Jetzt schläft mir das Gesicht ein. „Was? Das würdest du denken, was ich dort machen würde? Sex und Alkohol? Die Mentalität ist dort eine andere. Die Eltern sind gelassener. Nicht solche engstirnigen Spießer! Sie würden sich nie so eine Chance entgehen lassen!"

Es ist ruhig. Die Spannung im Raum ist unerträglich. Jetzt ein falsches Wort und ein Orkan würde über mich einbrechen.

„Geh in dein Zimmer. In den nächsten zwei Wochen wirst du dein Zimmer nur für die Mahlzeiten verlassen. Haben wir uns da verstanden?", zischt sie mich an und geht endgültig aus dem Raum.

Noch völlig starr stehe ich da und verarbeite was gerade passiert ist. Sie hat mir Hausarrest gegeben. Mit achtzehn Jahren. Das ist die Kirsche auf der Torte.

Enttäuscht über ihr Verhalten gehe ich die Treppen in mein Zimmer hoch. Frustriert lasse ich mich auf mein Bett fallen und starre die Decke an. Ich habe schon oft Hausarrest bekommen. Für Dinge, die selbstverständlich waren.

Mit sieben Jahren habe ich ein Buch aus der Bibliothek mitgenommen. Ich wusste nicht, dass ich es vorher ausleihen muss. Die Bibliothekarin hatte meine Mutter kontaktiert, welche mich wütend abholte. Auf der gesamten Fahrt durfte ich mir Vorwürfe anhören, die kein Ende nehmen wollten. Ich habe es ihr versucht zu erklären, doch sie hörte mir nicht zu.

Ein anderes Mal wurde ich zu einer Übernachtungsparty eingeladen. Gut gelaunt ging ich hin. Leider stellte sich heraus, dass auf dieser Party Jungs anwesend waren. Für meine Mutter war das zu viel. Kurzerhand saß ich wieder im Auto und durfte mir wieder Vorwürfe über meine Auswahl an Freunden anhören.

In den letzten drei Jahren hatte sich das gelegt. Ich habe geglaubt, dass sie sich geändert hätte. Das sie verstanden hätte, dass ich erwachsen werde und meinen Freiraum brauche. Doch nach dem heutigen Vorfall wurde ich des Besseren belehrt.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre in einer anderen Familie aufgewachsen. In einem anderen Land. Mit anderen Erziehungsmethoden. Oder mit Eltern, die ihrem Kind den Freiraum geben, den sie benötigen.

Es wäre schön eine Schwester oder einen Bruder zu haben. Jemanden, den man alles anvertraut. Eine Person, die bei den Auseinandersetzungen den Rücken stärkt und zu einem hält, egal was kommt. Doch leider habe ich kein Glück.

Ich nehme das Buch in die Hand, welches ich heute Morgen achtlos auf das Kopfkissen gelegt habe. Meine Finger fahren über das reich verzierte Cover. Jede Goldprägung fahre ich entlang. Mit einem Lächeln schlage ich das Buch auf und blättere bis zu meinem Lesezeichen. Ich suche die Stelle, an der ich das letzte Mal aufgehört habe und beginne zu lesen.

Kurze Zeit später befinde ich mich in einer anderen Welt, welche mich mit offenen Armen empfängt. 

Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt