KAPITEL 79

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Die Wachen formieren sich, bereit für den Kampf. Ihre Rüstungen glänzen im schwachen Licht des frühen Morgens, ihre Waffen sind geschärft. Sie werden für mich kämpfen. Sie werden für mich sterben.

Ein Kloß bildet sich in meiner Kehle. Die Schuld droht mich zu erdrücken. Diese Menschen kennen mich nicht – nicht wirklich. Und doch sind sie bereit, ihr Leben für mich zu opfern. Ich bin es nicht wert.

„Hast du Angst?" Seine Stimme ist ruhig, doch seine Augen verraten ihn.

Ich schlucke schwer. „Ich kann meine Angst nicht in Worte fassen. Mir ist übel, und mein Kopf fühlt sich an, als würde er explodieren."

Kian tritt näher, seine warme Hand umfasst meine. „Ich bin bei dir. Ich werde deine Seite niemals verlassen."

Ich sehe ihn an. „Bist du darauf vorbereitet? Auf das, was passieren wird?"

Er atmet tief durch. „Ich wurde mein ganzes Leben auf diesen Moment vorbereitet. Mein Vater hat mich ausgebildet, damit ich ohne Angst kämpfe. Doch jetzt..." Er bricht ab und blickt nach draußen. „Jetzt habe ich Angst. Tief in mir drin. Nicht um mich – sondern um dich."

Mein Herz zieht sich zusammen. Ich will nicht, dass er sich um mich sorgt.

Plötzlich durchbricht das scharfe Echo einer Trompete die Stille. Mein Körper erstarrt. Es beginnt.

Schweigend laufen wir durch die Flure des Schlosses. Die hohen Wände, die mir einst Sicherheit gaben, wirken nun bedrückend. Die Kälte des Krieges ist bereits hier.

Draußen warten die Pferde. Der König sitzt bereits im Sattel, ebenso Fynn. Kian und ich steigen auf unsere Pferde. Mit einem knappen Nicken gibt der König das Zeichen, und wir setzen uns in Bewegung.

Unsere Armee folgt uns in strengem Gleichschritt. Hunderte bewaffnete Soldaten reiten hinter uns, doch kein einziger spricht. Die Stadt, durch die wir reiten, ist menschenleer. Fenster sind verriegelt, Türen verbarrikadiert. Selbst die Tiere sind in ihren Ställen verstaut.

Nur unsere Schritte hallen durch die leeren Straßen.

Das Unvermeidliche rückt näher.

Die große Wiese erstreckt sich endlos vor uns. Nur Gras, soweit das Auge reicht – keine Bäume, keine Deckung. Ich sehe die dunklen Gestalten in der Ferne. Ein kleiner Punkt am Horizont, der mit jeder Minute wächst.

Carden kommt.

Ich stehe Hand in Hand mit Kian. Seine Finger sind warm, doch leicht feucht. Er hat Angst. Genau wie ich.

„Was ist, wenn einer von uns stirbt?" Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch.

„Das wird nicht passieren."

Ich sehe ihn an. „Aber wenn doch? Wenn ich tödlich verletzt werde oder Carden dich angreift?"

Kian zieht mich näher. „Ich werde alles dafür tun, dass das nicht passiert."

„Zusammen?"

Er drückt meine Hand. „Bis zum Ende."

Plötzlich erfüllt ein markerschütterndes Kreischen die Luft. Ich reiße den Kopf nach oben – und mein Blut gefriert.

Dort, hoch über uns, fliegt die Kreatur aus meinen Albträumen.

Cardens Drache.

„Das sieht nicht gut aus", murmelt Kian.

Ich kann nur schwer schlucken. „Ist es auch nicht."

Meine Hände zittern, doch ich umklammere den Schwertgriff fester. Mein Schild hebe ich näher an meinen Körper. Sie sind das Einzige, was mich schützt.

Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt