KAPITEL 23

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Die Party beginnt in wenigen Stunden, und ich stehe ratlos vor meinem Schrank. Was soll ich anziehen? Nicht zu übertrieben, aber auch nicht zu lässig. Es ist Aidens erste Party, und ich hoffe inständig, dass er sich normal verhält. Er wird neue Leute kennenlernen, und meine größte Herausforderung wird es sein, die Mädchen von ihm fernzuhalten. Das könnte schwierig werden. Hoffentlich trinkt er nicht zu viel. Die möglichen Konsequenzen will ich mir gar nicht ausmalen.

„Alles in Ordnung?"

Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blinzele und drehe mich zu ihm um. Er sitzt mit einem Buch auf dem Bett und sieht mich amüsiert an.

„Ich überlege nur, was ich anziehen soll." Seufzend wühle ich weiter im Kleiderschrank.

„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du alles tragen kannst. Also überlege nicht lange und zieh dich einfach um."

Da die Abende immer kühler werden, entscheide ich mich für meinen alten Highschool-Pullover und eine schlichte Jeans. Ich bürste mir die Haare und betrachte mich im Spiegel. Meine Sommersprossen, die von den warmen Sommertagen zurückgeblieben sind, verblassen langsam.

Ich blicke zu Aiden, der wieder völlig in Narnia versunken ist. Es fasziniert ihn genauso sehr wie mich. Ob er sein eigenes Königreich in der Geschichte wiedererkennt? Angeblich gibt es in Andastra Einhörner, aber ich kann das erst glauben, wenn ich es mit eigenen Augen sehe – genauso wie ihn.

„Bist du aufgeregt?"

Er sieht von seinem Buch auf und überlegt kurz, dann steht er langsam auf und stellt sich hinter mich. „Ich muss gestehen, dass ich etwas nervös bin. Ich bin gespannt, wie ihr diese ‚Partys' feiert."

„Ich war bisher nur auf einer einzigen, und die war nicht besonders schön." Mein Blick senkt sich auf meine Hände.

„Warum? Ist etwas passiert?" Seine Stimme ist besorgt.

Ich atme tief durch. „Ein Junge ... er war ein paar Jahre älter als ich. Anfangs war er nett. Wir haben uns unterhalten, getanzt. Aber am Ende wollte er doch nur das eine." Die Erinnerung schmerzt noch immer, und mit ihr kehrt die Scham zurück.

Aiden nimmt meine Hand in seine. Vorsichtig schaue ich auf. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. „Du musst dich für nichts schämen", sagt er leise. „Ich werde auf dich aufpassen und solche Halunken von dir fernhalten."

Als wir am Haus der Studentenverbindung ankommen, ist die Party bereits in vollem Gange. Vorsichtig trete ich ein, gefolgt von Aiden. Drinnen herrscht das pure Chaos. Menschen quetschen sich auf die Couch oder tanzen ausgelassen im Takt der ohrenbetäubenden Musik.

Ich werfe einen schnellen Blick nach hinten, um mich zu vergewissern, dass Aiden noch da ist. Er folgt mir dicht auf den Fersen.

„Da drüben sind meine Freunde!", rufe ich gegen den Lärm an und winke in ihre Richtung.

Ella entdeckt mich als Erste und winkt aufgeregt zurück. Nach mühsamem Drängeln durch die Menge erreichen wir endlich die Gruppe.

„Thalia! Aiden! Schön, dass ihr da seid!", ruft Ella begeistert.

„Wir haben gesagt, dass wir kommen", entgegne ich mit einem Lächeln.

Austin hebt eine Bierflasche in die Höhe. „Wollt ihr was trinken?"

„Gern!", antwortet Aiden sofort.

Austin holt aus dem Nichts eine weitere Flasche hervor und drückt sie ihm in die Hand.

Aiden sieht mich fragend an. „Und du?"

„Nein. Ich bin noch minderjährig und darf keinen Alkohol trinken", erkläre ich schnell. „Ich hole mir eine Cola."

Ich zwänge mich durch die tanzende Menge in die Küche. Dort sieht es nicht anders aus als im Wohnzimmer. Mit zügigen Schritten greife ich nach einer kühlen Glasflasche, öffne sie und drehe mich um – nur um in ein bekanntes Gesicht zu blicken.

Jonah.

„Hätte nicht gedacht, dass du noch einmal auftauchst", sagt er mit einem schiefen Lächeln und lässt seinen Blick über meinen Körper wandern.

„Könntest du mich bitte nicht mit deinen Blicken ausziehen?"

Er lacht leise. „Du hättest vielleicht etwas Leichteres anziehen sollen. Hier kann es ziemlich heiß werden."

Ich will gerade eine schlagfertige Antwort geben, als eine kühle, autoritäre Stimme hinter ihm ertönt:

„Und ich bitte darum, dass du dich von ihr fernhältst. Es ziert sich nicht, eine Dame zu bedrängen."

Jonah dreht sich erschrocken um und weicht instinktiv zurück. Aiden steht im Türrahmen, seine Arme locker verschränkt, sein Blick jedoch eisern.

„Und wenn nicht?", provoziert Jonah.

Aiden tritt einen Schritt näher. „Dann wirst du es bereuen."

Jonah kneift die Augen zusammen, dann weicht er schließlich aus der Küche.

„Alles in Ordnung?", fragt Aiden und sieht ihm kurz nach.

Ich atme tief durch. „Ja ... danke. Ich war wie versteinert."

Er nimmt mir sanft die Cola aus der Hand. „Komm mit. Ich kenne einen ruhigeren Ort."

Mit geschickten Bewegungen öffnet er ein Fenster in einem leeren Zimmer und klettert hinaus. Mein Herz setzt kurz aus.

Sofort eile ich zum Fenster und blicke hinunter. Doch er ist nicht gestürzt – stattdessen steht er auf einem Vordach.

„Worauf wartest du?", ruft er mir zu und hält mir seine Hand hin.

Ich zögere nur kurz, dann nehme ich sie und klettere vorsichtig hinaus.

„Hier ist es ruhiger", sagt er und setzt sich. Ich tue es ihm nach, lehne mich zurück und blicke in den sternenklaren Himmel. Nur gedämpft dringt die Musik der Party zu uns.

„Wie sind die Feste in Andastra?", frage ich schließlich.

Er lacht leise. „Nicht so bunt wie eure. Aber ebenso laut. Es gibt reichlich Essen und Trinken, Musik und Tanz. Die Stimmung ist ausgelassen, und für eine Nacht kann jeder seine Sorgen vergessen." Er nimmt einen Schluck aus seiner Flasche. „Die meisten können sich am nächsten Tag an nichts erinnern."

Ich lächle. „Klingt nach einem richtigen Fest. Bestimmt erzählen sich dann alle die peinlichsten Geschichten, oder?"

„Oh ja." Er grinst. „Nichts bleibt geheim. Jeder kommt auf seine Kosten."

Ich seufze. „Mir würden eure Feste sicher mehr Spaß machen als diese hier. Es ist mir einfach zu laut. Und die Menschen drängeln sich den ganzen Abend aneinander. Das ist nichts für mich."

Aiden legt einen Arm um mich und zieht mich näher an sich. „Dann wirst du meine Feste lieben. Wenn wir in Andastra sind, zeige ich dir all die sagenhaften Orte. Du wirst sie großartig finden."

Ich schlucke. Wenn wir in Andastra sind?

Ich wage es kaum, mir das vorzustellen. Doch in diesem Moment – mit den Sternen über uns und seiner beruhigenden Nähe – fühlt es sich an, als wäre es tatsächlich möglich.

Vielleicht, nur vielleicht, werde ich eines Tages sein Königreich mit eigenen Augen sehen.

Bis dahin genieße ich die Stille.

Und seine Nähe.




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