KAPITEL 11

149 9 0
                                        

Die Route führt mich über Kansas City zum Manhattan Flughafen. Zwei Stunden Fahrt – wenn der Verkehr gnädig ist. Es ist Sonntag, noch früh am Morgen, und die aufgehende Sonne taucht die Landschaft in ein tiefes Orange.

Ich lehne mich zurück, noch halb verschlafen, und beobachte, wie die Kleinstädte an mir vorbeiziehen.

Das ist das erste Mal, dass ich ohne meine Mutter verreise. Unsere gemeinsamen Urlaube waren selten, oft nur Kurztrips in benachbarte Städte. Nach meinem Abschluss will ich wegrichtig weg. Ein Jahr im Ausland arbeiten, neue Erfahrungen sammeln. England vielleicht. Oder Schottland. Ich habe noch Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Zuerst muss ich lernen, allein zurechtzukommen.

Der Bus passiert den Campus der Universität von Kansas, und meine Gedanken driften unweigerlich zu Jack. Er hat meine Entscheidung akzeptiert. Muss er auch. Und er wird sich schnell Ersatz finden – mit seinem Charme und seinem selbstgefälligen Grinsen hat er darin Erfahrung.

Vielleicht finde auch ich jemanden. Und wenn nicht? Nun, dann habe ich Wichtigeres zu tun. Mein Fokus liegt auf Harvard, auf Bestnoten, auf meiner Zukunft.

Ich lasse meinen Blick unauffällig durch den Bus schweifen. Viele Passagiere schlafen, andere starren auf ihre Handys oder führen leise Gespräche mit ihren Sitznachbarn. Mein Platz neben mir ist von meiner Tasche besetzt – eine bewusste Entscheidung. Neben Fremden zu sitzen macht mich nervös. Man weiß nie, ob sie reden wollen oder lieber schweigen.

Dann bemerke ich ihn.

Braune Haare, die unter einem Basecap verschwinden. Blaue Augen, die direkt auf mir ruhen. Er beobachtet mich.

Meine Wangen beginnen zu glühen. Ich tue so, als wäre mein Buch unendlich fesselnd, aber mein Herz schlägt schneller. Ich hasse dieses Gefühl – dieses unbestimmte Unbehagen, wenn jemand einen so intensiv mustert. Reiß dich zusammen. Ich tauche in die Geschichte ein und versuche, den Blick auf mir zu ignorieren.

Der Bus hält. Meine Haltestelle.

Ich schnappe mir meine Tasche, haste hinaus, ohne zurückzublicken. Vielleicht bleibt er einfach sitzen. Vielleicht steigt er nicht aus.

Aber als ich durch die Menschenmengen im Flughafen hetze, spüre ich es wieder. Ich werde beobachtet.

Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. Finde den Schalter, stelle mich in die Warteschlange, gehe durch die Sicherheitskontrolle. Niemand achtet auf mich. Bestimmt bilde ich mir das alles nur ein.

Mein Magen knurrt. Perfekt. Ich steuere auf einen kleinen Foodcourt zu, stelle mich an und warte. Eine Person tritt hinter mich.

Zu nah.

Ich spüre seinen Atem im Nacken. Sofort spannt sich jede Zelle in meinem Körper an. Ich verfluche die langsame Schlange.

Dann rückt sie endlich vor. Ich bestelle Tee und ein Schinken-Käse-Sandwich und greife nach meinem Geld – als eine tiefe Stimme hinter mir sagt:

„Lass mal. Ich übernehme das."

Ich drehe mich um.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Es ist er.

Der Junge aus dem Bus.

Mein Mund öffnet sich, aber mein Kopf ist leergefegt.

„D-danke", stammele ich, unfähig, meine Überraschung zu verbergen.

Er winkt ab, als wäre es nichts. „Kein Ding. Wann hat man schon die Gelegenheit, so ein hübsches Mädchen einzuladen?"

Ich schaffe ein Lächeln. Ein echtes, auch wenn der Gedanke, dass er mich die ganze Zeit beobachtet hat, mir immer noch Unbehagen bereitet.

„Tschau", murmele ich, nehme mein Essen und suche mir eine Bank.

Vielleicht lässt er mich jetzt endlich in Ruhe.

Falsch gedacht.

Er setzt sich direkt gegenüber. Holt ein Buch hervor.

Ich werfe ihm einen verstohlenen Blick zu. Ein Junge, der liest? Das sieht man nicht oft. Neugierig lasse ich meinen Blick auf seinem Buch ruhen. To Kill a Mockingbird.

In dem Moment hebt er den Kopf und zwinkert mir zu.

Ich spüre, wie meine Wangen sich verräterisch röten. Verdammt. Er hat mich beim Starren erwischt. Vielleicht hat er nur darauf gewartet.

Das Boarding beginnt. Ich stelle mich an. Vielleicht sitzt er weit weg von mir. Hoffentlich.

Aber als ich mich in meinen Sitz am Fenster fallen lasse und die Welt unter mir langsam kleiner wird, höre ich plötzlich eine vertraute Stimme.

„Schöne Aussicht."

Mein Herz macht einen Satz.

Ich fahre herum – und da ist er. Direkt neben mir.

Er grinst. „Tut mir leid, wollte dich nicht erschrecken."

Ich versuche, meine Fassung zu bewahren. „War meine Schuld. Ich war in Gedanken."

Er lehnt sich entspannt zurück. „Schon ein Zufall, dass wir nebeneinandersitzen, oder?"

Ich presse die Lippen zusammen. Ein verdammt ungünstiger Zufall.

„Ja ... die Welt ist klein."

„Was machst du in Boston?"

„Ich ... studiere dort."

„Also Erstsemester." Er mustert mich. „Ich bin schon eine Weile da."

Ich rücke nervös auf meinem Sitz hin und her. „Welcher Studiengang?"

„Sportwissenschaften."

„Kreatives Schreiben."

Er nickt anerkennend. „Passt zu dir."

Ich runzele die Stirn. „Woher willst du das wissen?"

„Du liest viel. Und du machst dir Notizen an den Rändern."

Ich blinzle. Mein Blick wandert zu meinem Buch, wo tatsächlich kleine Notizen am Rand stehen.

„Okay ...?"

„Wie kommst du nachher zur Uni?"

„Mit dem Bus. So wie alle anderen auch."

Er lehnt sich etwas näher. „Du kannst bei mir mitfahren."













Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt