KAPITEL 26

88 8 0
                                        

Völlig ruhig gleiten wir durch die Luft. Es herrscht eine angenehme Stille, nur ab und zu pfeift der Wind ein leises Lied. Ich werfe einen Blick zu Aiden, der fasziniert nach unten in die Ferne blickt. Seine Augen leuchten vor Begeisterung, und ein glückliches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

„Ich habe das gleiche Gefühl wie im Flugzeug. Doch diesmal ist es keine Angst." Er dreht den Kopf zu mir, sein Blick warm und voller Leben. „Ich ... ich bin glücklich! So eine Aussicht! Phänomenal! Unglaublich!"

Langsam legt er seine Hand in meine und drückt sie sanft. Ich spüre, wie sich ein warmes Kribbeln von meiner Hand bis in meinen ganzen Körper ausbreitet – wie ein Feuerwerk, das in mir explodiert. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, doch das Lächeln auf meinen Lippen kann ich nicht unterdrücken. Also schaue ich lieber in die Ferne und versuche, meine Gedanken zu ordnen.

Wir sind uns näher gekommen. In einer sehr kurzen Zeit. Und doch ... wir dürfen das nicht. Er ist fiktiv, ich lebe in der realen Welt. Wie soll das funktionieren, wenn er eines Tages wieder zurück in sein Buch muss? Doch in diesem Moment fühlt es sich richtig an.

Die Fahrt geht langsam zu Ende, und wir nähern uns dem Boden. „Wohin wollen wir als Nächstes?" fragt Aiden und wirft den leeren Stil in den Mülleimer.

Ich überlege kurz. „Wie wäre es mit der Fotobox?"

„Was ist das?"

Ich pruste los vor Lachen. „Es ist ein Ort, an dem man Fotos machen kann", erkläre ich. „Komm, ich zeig's dir."

Mit einer Handbewegung deute ich ihm an, mir zu folgen. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Menschenmassen und stellen uns an der langen Schlange vor der kleinen Kabine an. Aiden beobachtet das Spektakel aus den Augenwinkeln und scheint es kaum erwarten zu können.

Als wir endlich an der Reihe sind, gehe ich voran, und Aiden quetscht sich hinterher in die enge Kabine. Mit einem Ruck zieht er den Vorhang zu.

„Wie funktioniert dieses Gerät?" Er deutet auf die kleine Kameralinse über uns.

„Wir drücken auf diesen Knopf, lächeln für ein paar Sekunden und lassen verschiedene Gesichtsausdrücke zu. Die Kamera macht automatisch mehrere Fotos, die wir anschließend ausgedruckt bekommen."

Aiden nickt langsam. „Dann fangen wir an?"

Ich drücke den Knopf und lächle in die Kamera. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Aiden es mir nachmacht. Nach ein paar Minuten ist der Spaß vorbei, und wir treten aus der Kabine. Ich nehme die frisch gedruckten Bilder heraus und zeige sie Aiden.

Er betrachtet sie staunend. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Wie schnell ein Bild entsteht! Und was machen wir jetzt damit?"

Ich stecke die Fotos in meine Tasche. „Ich werde sie zu Hause an meine Wand kleben – als Erinnerung an diesen Moment."

Er blinzelt mich an. „Ich bin verewigt?"

Ich kichere. „Sozusagen."

Am nächsten Morgen gehe ich die Treppe herunter, meine Tasche und die Autoschlüssel in der Hand. Aiden wartet bereits in der Diele, sieht mich neugierig an.

„Wir machen los!" rufe ich meiner Mutter zu.

Sie steckt den Kopf aus der Küchentür. „Viel Spaß! Und vergiss nicht, heute Abend noch einzukaufen. Ich komme erst spät nach Hause."

„Bis dann!"

Draußen steige ich ins Auto und schnalle mich an. Aiden tut es mir gleich und schaut mich erwartungsvoll an.

„Wohin fahren wir?"

Ich lächle geheimnisvoll. „Zu einem ganz besonderen Ort."

Ich lenke den Wagen aus der Einfahrt und biege in die vertrauten Straßen meiner Kindheit. Vorbei an den Häusern meiner ehemaligen Mitschüler, an den Läden, in denen ich so viele Nachmittage verbracht habe.

„Ist es noch weit?" Aiden betrachtet mit großen Augen jedes Gebäude, als würde er sich jeden einzelnen Stein einprägen wollen.

„Nein, wir sind gleich da." Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu. „Ich hoffe, du hast Hunger."

Nach ein paar weiteren Abbiegungen rolle ich auf einen kleinen Parkplatz und schalte den Motor aus. „Wir sind da."

Aiden steigt aus und sieht sich um. „Ist das ein Restaurant?"

„Mein Lieblingsort." Ich nehme seine Hand und ziehe ihn hinter mir her. Er folgt mir, ohne zu zögern.

Drinnen setzen wir uns an einen der hinteren Plätze, um nicht gestört zu werden. Aiden sieht sich fasziniert um, seine Augen wandern über die rustikale Einrichtung, die Bilder an den Wänden. Ich beobachte ihn dabei – wie schon so oft. Und jedes Mal erwische ich mich dabei.

Aber dann sehe ich, dass er dasselbe tut. Heimlich, unauffällig, wenn er glaubt, dass ich es nicht merke. Wie zwei schüchterne Schulkinder, die ihre Gefühle nicht aussprechen können. Vielleicht, weil wir beide wissen, dass diese Verbindung keine Zukunft hat.

„Also essen wir Waffeln zum Frühstück?" Aiden mustert die Speisekarte.

„Ja. Ich verbinde diesen Ort mit vielen Erinnerungen. Früher bin ich oft mit meiner Mutter hierhergekommen. Hier gibt es die besten Waffeln weit und breit."

Eine Kellnerin tritt an unseren Tisch und lächelt uns freundlich an. „Wollt ihr bestellen?"

„Ja. Ich nehme die Waffeln mit heißen Himbeeren und Schlagsahne. Dazu einen heißen Kakao." Ich sehe zu Aiden. „Hast du dich entschieden?"

Er nickt. „Ich nehme die Waffeln mit Früchten und ebenfalls einen Kakao. Danke!"

Während die Kellnerin unsere Bestellung notiert, lehnt sich Aiden leicht vor. „Wie lange bleiben wir bei deiner Mutter?"

„Übers Wochenende. Wegen des Festes – und weil sie mich seit dem Sommer nicht mehr gesehen hat. So halte ich sie wenigstens davon ab, den ganzen Tag zu arbeiten."

„Das ist sehr aufmerksam von dir. Meine Mutter muss auch oft meinen Vater davon abhalten, zu viel Zeit mit seinen Beratern zu verbringen." Er seufzt leise. „Auch wenn er König ist, hat er eine weitere Pflicht – die seiner Familie gegenüber. Doch manchmal vergisst er das."

Ich betrachte ihn mitfühlend. „Auf seinen Schultern lastet eine große Verantwortung. Er muss nicht nur sein Volk beschützen, sondern auch die Menschen, die ihm am Herzen liegen." Sanft lege ich meine Hand auf seine. „Ich bin mir sicher, dass er alles dafür tun wird, damit ihr in Sicherheit seid."

Aiden nickt, doch seine Augen wirken nachdenklich. „Ich weiß das ... aber manchmal schlägt sein Ton über die Stränge. Er meint es nicht böse."

Zum ersten Mal sehe ich ihn so verletzlich. All die Zeit hatte ich mich nicht getraut, solche tiefen Gespräche mit ihm zu führen. Schließlich ist er ein Prinz, und für ihn stehen Pflichten und sein Volk an erster Stelle. Aber jetzt, in diesem Moment, scheint er einfach nur ein Sohn zu sein, der sich nach Anerkennung sehnt.

Die Kellnerin kehrt mit unseren Bestellungen zurück. Aiden probiert seine Waffeln und seine Augen leuchten auf. „Diese Waffeln sind köstlich!"

Ich muss lachen. „Freut mich, dass sie dir schmecken."

Er kaut nachdenklich und sieht mich dann erwartungsvoll an. „Könntest du mir nach diesem herrlichen Frühstück zeigen, wie dieses Auto funktioniert?"

Ich grinse. „Na klar. Aber du wirst es nicht fahren."

Er hebt abwehrend die Hände. „Ich werde mich benehmen. Vielleicht."

Ich lache, und für einen Moment fühlt sich alles leicht an.















Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt